Aufgeblättert „Nobody knows“
„Nobody knows“ von Amanda Taylor
Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst, heißt es. Manchmal schreibt es aber auch die traurigsten, erschütternsten und grausamsten Geschichten. Dass dies keineswegs Zeugnisse von Mutlosigkeit, Angst oder Hoffnungslosigkeit sein müssen, beweist die unter dem Pseudonym Amanda Taylor schreibende Verfasserin des Buches „Nobody knows“. Die biografische Erzählung über eine Kindheit voller häuslicher Gewalt, wechselnder Vaterfiguren und sexueller Übergriffe bringt die Gefühlswelt des Lesers zum Brodeln. Bei so mancher Passagen des Buches wäre einem lieber sie wäre der Fantasie eines Schriftstellers entsprungen und nicht der Erinnerung einer jungen Frau entnommen. Obwohl der Grundtenor der Erzählung optimistisch und voller Hoffnung ist, lässt „Nobody knows“ den Leser am Ende unweigerlich mit der Frage zurück, was sich wohl hinter den geschlossenen Türen der Nachbarswohnungen abspielen mag.
Jessica und ihre beiden Geschwister wachsen in einer Welt auf in der Liebe, Vertrauen, Geborgenheit und Sicherheit nicht geboten werden. Im Übermaß gibt es dagegen Alkohol und Drogen, aggressive Stiefväter, delinquente Bekannte und von Kindern sexuell angezogene Nachbarn. Vor all diesen Gefahren existiert für Jessica kein Schutz. Die so oft in die Bewusstlosigkeit geprügelte Mutter kann sich selbst nicht helfen, mit der Großmutter lässt sich über solche Dinge nicht sprechen und die Freundinnen wachsen in einer ähnlichen Situation auf. Nur einer bietet Jessica Zuflucht an, er spielt, bastelt, kocht mit ihr. Er holt sie von der Schule ab, macht mit ihr Hausaufgaben, badet sie. Manchmal macht er Fotos von ihr, streichelt sie in den Schlaf, kauft ihr Anziehsachen. „Walter war ja kein gewöhnlicher Kinderschänder. […] Er war eher wie ein tödliches Leck in der Gasleitung – unsichtbar, leise und sehr gefährlich. […] In winzigen Dosen verströmte Walter sein Gift. […] Sein Mitspieler merkte überhaupt nichts, bis er plötzlich rief: „Schachmatt! Deine Seele gehört mir.““
„Nobody knows“ ist kein literarisches Meisterwerk, weder trumpft es mit ungewöhnlichen Gedankengängen noch mit stilistischen Feinheiten. Dennoch wird, wer einmal das Buch in die Hand genommen hat, es schwerlich weglegen. Wahrscheinlich liegt die Besonderheit der Geschichte darin, dass es unfassbare, schwer erträgliche Inhalte in einer einfach gehaltenen Sprache und ohne überschäumende Gefühlsausbrüche wiedergibt. Die Erzählung ist aus Sicht eines Kindes geschrieben, das aufgrund seines Alters Dinge anders wahrnimmt, bewertet und verarbeitet als Erwachsene es tun würden. Gerade deswegen vermittelt es aber einen Eindruck von den schwerwiegenden Folgen, die Missbrauch auf die Psyche eines Kindes und sein Vertrauen in die Welt haben: „Die nackten Puppen kamen mir so verletzlich vor, und ich zog sie alle in so viele Schichten wie nur möglich an, damit sie keinen Schaden nahmen. Ken durfte nicht mehr zu den anderen in den Koffer, ich musste erst überlegen, was ich mit ihm machte. Wie konnte ich ihm nach dem heutigen Tag noch trauen?“ Die Wende geschieht letztlich doch: Am Ende erfährt Jessica – in dieser Umgebung scheint es wie ein Wunder – dass nicht jeder erwachsene Mann ihr Vertrauen für die Auslebung seiner schmutzigen Gedanken missbrauchen will.
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Amanda Taylor im Diogenes Verlag
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