26. März 2011 | Meinung

KopfhörerInnen XIII: Colin Stetson, Actress

Constellation, Cargo Records

KopfhörerInnen 13:
Diesmal mit Colin Stetson und Actress

Colin Stetson – New History Warfare Vol. 2: Judges
(VÖ: 25.02.2011, Constellation/Cargo Records)
Es scheint ja immer mehr so zu werden, dass sich die Avantgardisten unter den MusikerInnen einen Brotjob suchen, nur um dann in unregelmäßigen Abständen krude und zum Teil auch hochinteressante Alben zu veröffentlichen, auf denen dann ihr „wahres Ich“ zu Tage treten kann. Man darf da vor allem Nels Cline nennen, der noch immer viel zu viel Zeit bei Wilco verbringt, aber dennoch nicht in seiner Kreativität behindert zu sein scheint. Es ist immerhin besser, Gitarrist bei einer bekannten Band zu sein, als sich sein finanzielles Leben als Plattenverkäufer, Postangestellter oder ähnliches erhalten zu müssen. Dann lieber das kleinere Übel in Kauf nehmen, dass man auch mal mit der großen Band länger auf Tour ist und vielleicht nicht so viel Zeit hat, selbst Musik zu machen.


Colin Stetson ist jedenfalls Tour-Mitglied von Arcade Fire und dürfte dabei nicht ganz so stark eingespannt sein wie Nels Cline. Dennoch ist davon auszugehen, dass sein neues Album so nicht hätte entstehen können, wenn nicht auch noch sein Brotberuf Arcade Fire oder auch seine diversen Sessions-Auftritte bei z.B. Tom Waits oder LCD-Soundsystem wären. Es sind allesamt Engagements, für die er sich nicht schämen muss, sondern die letztlich ein interessantes Licht auf diesen vielfältigen und außergewöhnlichen Musiker werfen.


Auf dem vorliegenden Album spiegeln sich diese vielfältigen Tätigkeiten sehr gut wieder, obwohl das Album an sich relativ gleichförmig, man könnte auch sagen homogen, ist. Dass er auch schon einmal mit Anthony Braxton Musik gemacht hat, hört man seiner Musik auf alle Fälle an. Doch es erschöpft sich nicht damit zu sagen, dass ein Musiker, der sich ansonsten in der erweiterten Pop-Welt aufhält, hier seine Vorliebe für Jazz ausgelebt hat. Denn nichts wäre unrichtiger als dieses Album als Jazz-Album zu bezeichnen. Das einzige was es mit Jazz gemeinsam hat, ist das Instrument: das Saxophon. Doch welche Töne diesem entlockt werden, ist nicht sonderlich Jazz-affin. Mittels einer komplexen Aufnahmemethode, in der er ein Dutzend Mikrofone im Raum verteilt hat, hört man Dinge, die man ansonsten nicht zu hören bekommt: der Atem von Stetson, seine Stimme, die er verzerrt durch den Korpus des Instruments schickt und dergleichen. Dass diese Sounds nicht zu Gimmicks werden, zeigt das musikalische Talent von Stetson.
Sein Verdienst ist dabei der gelungene Transfer in einen Pop-Kontext. Das Album können sich auch HörerInnen anhören, die bei einer Ornette Coleman- oder Miles Davis-Platte schreiend den Raum verlassen. Bei Colin Stetson wird auch der durchschnittliche Indie-Hörer glücklich, sofern er eine Portion Abenteuerlust mitbringt. Das Album von Stetson will dabei zwar herausfordern, aber nicht verstören. Dank einer gehörigen Portion psychedelischer Facetten wird Stetson auch dem offenen Animal Collective-Fan gefallen.


Die einzige Kritik, die man hier anbringen kann ist die Ähnlichkeit der Ansätze, die absolute Homogenität und letztlich auch Überraschungsarmut der Platte. Stetson kann sich (noch) nicht mit den Größen der experimentellen Musik messen, dazu ist seine Platte letztlich zu risikoarm. Was bleibt ist eine außergewöhnliche, weit überdurchschnittliche Platte, die dem Saxophon auf andere Weise wieder in den musikalischen Mainstream verhelfen könnte.
(Stegmayr)

8,0/10

 

Honest Jons (Indigo)

Actress - Splazsh
(VÖ: 21.05.2010, Honest Jons (Indigo))
Man stelle sich vor: Ein unbekanntes Gewässer, vorzugsweise Meer, dazu die neue, mit Palmen bedruckte Badehose und die Schwerelosigkeit eines schönen Sommertages. Mit Karacho (spanisch: Vulgärbegriff für Geschlechtsteil) nimmt man Anlauf, um eine gekonnte Arschbombe, inmitten ästhetisch unglaublich ansprechenden, deutschen Touristen zu absolvieren. Konzentriert man sich nun während der Ausführung dieses gewagten Unternehmens auf den einen winzigen Augenblick zwischen Absprung und Aufprall, so wird man vermutlich mit unausgereiften, farbigen und widersprüchlichen Gedanken konfrontiert.

 

„SPLAZSH“. Somit sind wir bei der neuen Platte von Darren Cunningham alias „Actress“ angekommen, die vielleicht (wenn einige interpretatorische Freiheit zugelassen wird) diesen kurzen Aufenthalt in den Lüften, zu einem musikalischen Fabrikat verdichtet. Wenn die letzte Platte, noch dem House verpflichtet war und sich ziemlich düster gab, so werden hier die unterschiedlichsten Stile computergenerierter Tanzmusik geplündert – und auch Farbe darf sein. Anleihen von Garage bis Detroit und selbst Noise á la Black Dice, werden zu einem nicht wirklich homogenen, aber deshalb überaus charmantem und anspruchsvollem, Album (ja, Album) zerstoßen. Das Ergebnis sind verhuschte Soundskulpturen, garniert mit zerhackten und durch Effekte verfremdete Vocals.


Jeder Track besitzt seine unverkennbaren Eigenheiten und weist über Genregrenzen hinweg auf neue Möglichkeiten in Sachen Soundbastelei. Man verspürt die Lust daran – nur manchmal auf Kosten der Tanzbarkeit – elektronische Musik, zumindest in einem gewissen Rahmen, neu zu erfinden. Die Platte steht jedenfalls denkbar konträr zu den meisten scheinbar erstarrten und gääähn Minimaltechnoproduktionen. Als ehemaliger Profifußballer, weiß Cunningham nicht nur mit dem Ball zu jonglieren, sondern sich auch geschickt durch musikalische Referenzen und Optionen zu bewegen.
(Nuderscher)
9,0/10


 

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