KopfhörerInnen XIII: Colin Stetson, Actress
KopfhörerInnen 13:
Diesmal mit Colin Stetson und Actress
Colin Stetson – New History Warfare Vol. 2: Judges
(VÖ: 25.02.2011, Constellation/Cargo Records)
Es scheint ja immer mehr so zu werden, dass sich die Avantgardisten
unter den MusikerInnen einen Brotjob suchen, nur um dann in
unregelmäßigen Abständen krude und zum Teil auch hochinteressante Alben
zu veröffentlichen, auf denen dann ihr „wahres Ich“ zu Tage treten
kann. Man darf da vor allem Nels Cline nennen, der noch immer viel zu
viel Zeit bei Wilco verbringt, aber dennoch nicht in seiner Kreativität
behindert zu sein scheint. Es ist immerhin besser, Gitarrist bei einer
bekannten Band zu sein, als sich sein finanzielles Leben als
Plattenverkäufer, Postangestellter oder ähnliches erhalten zu müssen.
Dann lieber das kleinere Übel in Kauf nehmen, dass man auch mal mit
der großen Band länger auf Tour ist und vielleicht nicht so viel Zeit
hat, selbst Musik zu machen.
Colin Stetson ist jedenfalls Tour-Mitglied von Arcade Fire und dürfte
dabei nicht ganz so stark eingespannt sein wie Nels Cline. Dennoch ist
davon auszugehen, dass sein neues Album so nicht hätte entstehen können,
wenn nicht auch noch sein Brotberuf Arcade Fire oder auch seine
diversen Sessions-Auftritte bei z.B. Tom Waits oder LCD-Soundsystem
wären. Es sind allesamt Engagements, für die er sich nicht schämen muss, sondern die letztlich ein interessantes Licht auf diesen
vielfältigen und außergewöhnlichen Musiker werfen.
Auf dem vorliegenden Album spiegeln sich diese vielfältigen Tätigkeiten
sehr gut wieder, obwohl das Album an sich relativ gleichförmig, man
könnte auch sagen homogen, ist. Dass er auch schon einmal mit Anthony
Braxton Musik gemacht hat, hört man seiner Musik auf alle Fälle an. Doch
es erschöpft sich nicht damit zu sagen, dass ein Musiker, der sich
ansonsten in der erweiterten Pop-Welt aufhält, hier seine Vorliebe für
Jazz ausgelebt hat. Denn nichts wäre unrichtiger als dieses Album als
Jazz-Album zu bezeichnen. Das einzige was es mit Jazz gemeinsam hat, ist
das Instrument: das Saxophon. Doch welche Töne diesem entlockt werden,
ist nicht sonderlich Jazz-affin. Mittels einer komplexen
Aufnahmemethode, in der er ein Dutzend Mikrofone im Raum verteilt hat,
hört man Dinge, die man ansonsten nicht zu hören bekommt: der Atem von
Stetson, seine Stimme, die er verzerrt durch den Korpus des Instruments
schickt und dergleichen. Dass diese Sounds nicht zu Gimmicks werden, zeigt das
musikalische Talent von Stetson.
Sein Verdienst ist dabei der gelungene Transfer in einen Pop-Kontext.
Das Album können sich auch HörerInnen anhören, die bei einer Ornette
Coleman- oder Miles Davis-Platte schreiend den Raum verlassen. Bei Colin
Stetson wird auch der durchschnittliche Indie-Hörer glücklich, sofern er
eine Portion Abenteuerlust mitbringt. Das Album von Stetson will dabei
zwar herausfordern, aber nicht verstören. Dank einer gehörigen Portion
psychedelischer Facetten wird Stetson auch dem offenen Animal Collective-Fan gefallen.
Die einzige Kritik, die man hier anbringen kann ist die Ähnlichkeit der
Ansätze, die absolute Homogenität und letztlich auch Überraschungsarmut
der Platte. Stetson kann sich (noch) nicht mit den Größen der
experimentellen Musik messen, dazu ist seine Platte letztlich zu
risikoarm. Was bleibt ist eine außergewöhnliche, weit
überdurchschnittliche Platte, die dem Saxophon auf andere Weise wieder
in den musikalischen Mainstream verhelfen könnte.
(Stegmayr)
8,0/10
Actress - Splazsh
(VÖ: 21.05.2010, Honest Jons (Indigo))
Man stelle sich vor: Ein unbekanntes Gewässer, vorzugsweise Meer, dazu
die neue, mit Palmen bedruckte Badehose und die Schwerelosigkeit eines
schönen Sommertages. Mit Karacho (spanisch: Vulgärbegriff für
Geschlechtsteil) nimmt man Anlauf, um eine gekonnte Arschbombe, inmitten
ästhetisch unglaublich ansprechenden, deutschen Touristen zu absolvieren.
Konzentriert man sich nun während der Ausführung dieses gewagten
Unternehmens auf den einen winzigen Augenblick zwischen Absprung und
Aufprall, so wird man vermutlich mit unausgereiften, farbigen und
widersprüchlichen Gedanken konfrontiert.
„SPLAZSH“. Somit sind wir bei der neuen Platte von Darren Cunningham alias „Actress“ angekommen, die vielleicht (wenn einige interpretatorische Freiheit zugelassen wird) diesen kurzen Aufenthalt in den Lüften, zu einem musikalischen Fabrikat verdichtet. Wenn die letzte Platte, noch dem House verpflichtet war und sich ziemlich düster gab, so werden hier die unterschiedlichsten Stile computergenerierter Tanzmusik geplündert – und auch Farbe darf sein. Anleihen von Garage bis Detroit und selbst Noise á la Black Dice, werden zu einem nicht wirklich homogenen, aber deshalb überaus charmantem und anspruchsvollem, Album (ja, Album) zerstoßen. Das Ergebnis sind verhuschte Soundskulpturen, garniert mit zerhackten und durch Effekte verfremdete Vocals.
Jeder Track besitzt seine unverkennbaren Eigenheiten und weist über
Genregrenzen hinweg auf neue Möglichkeiten in Sachen Soundbastelei. Man
verspürt die Lust daran – nur manchmal auf Kosten der Tanzbarkeit – elektronische Musik, zumindest in einem gewissen Rahmen, neu zu
erfinden. Die Platte steht jedenfalls denkbar konträr zu den meisten scheinbar erstarrten und gääähn Minimaltechnoproduktionen. Als
ehemaliger Profifußballer, weiß Cunningham nicht nur mit dem Ball zu
jonglieren, sondern sich auch geschickt durch musikalische Referenzen
und Optionen zu bewegen.
(Nuderscher)
9,0/10
KopfhörerInnen nachlesen ...
Links dazu ...
Actress auf Myspace
Rezensionen von
und René Nuderscher
Bilder von Constellation, Cargo Records und Honest Jon's Records





















































