16. Februar 2011 | Meinung

Aufgeblättert: „Graf Dracula. Mein Tagebuch“

mokant.at > foto: jelena vasiljevic
Graf Dracula über Frauen, Laster, Geldprobleme und edle Tropfen

„Graf Dracula. Mein Tagebuch“

von Edith Beleites

 

Der Graf ist sauer und er hat allen Grund dazu: denn seit einigen Jahren bereits werden sein Ruf und Image gefährdet. Bram Stoker besaß Ende des 19. Jahrhunderts die Frechheit ein Buch mit Lügen und Vorurteilen über den Grafen Dracula und seine Gefolgschaft zu verfassen. Trotz des falschen Bildes, welches dieser mit seinem Werk zum Leben erweckte, wusste er zumindest die adelige Herkunft, das Traditionsbewusstsein und die imposante Persönlichkeit des Herrschers der Nacht zu betonen. Zwei Jahrhunderte später ist von diesem Respekt nichts mehr zu sehen: so zeigt Stephenie Meyer beispielsweise keinerlei Achtung mehr vor dem edlen Geschlecht der Untoten und missbraucht die Faszination, die diese auf Sterbliche ausüben, um mit ihrer „Twilight-Saga“ das große Geld zu machen. Zumindest würde Dracula einen Anteil von den Einnahmen als Entschädigung für seinen zerstörten Ruf erwarten, aber auf diesen wartet er vergeblich. Vor diesem Hintergrund bleibt dem Grafen keine andere Wahl als seinen Namen durch die Veröffentlichung seines Tagebuches wiederherzustellen.

 

mokant.at > foto: jelena vasiljevic
Dunkle Herrscher intim
Edith Beleites entlockte schon dem Fürsten der Finsternis, Satan höchstpersönlich, seine intimsten Gedanken und Gefühle. Nun ist Graf Dracula an der Reihe ein Jahr lang aus seinem Leben zu erzählen um Freunden der Schattenwelt sein wahres Ich zu zeigen. Das soll helfen das Bild vom Unsterblichen von den, durch die Kommerzialisierung erfolgten, Vorurteilen zu befreien. „Meine Vorfahren haben halb Eurasien in Angst und Schrecken versetzt, und jetzt ist unsere großartige Familie zu feuchten Mädchenfantasien verkommen, ohne dass ich erwähnt würde, von einer finanziellen Beteiligung ganz zu schweigen!“ Mit dem dunklen Herrscher Transsylvaniens lässt sich gutes Geld verdienen, das hat der Graf, ebenso wie Edith Beleites richtig erkannt und dies scheint auch der vorrangige Grund für die Herausgabe dieses Buches zu sein. Die Autorin lässt das Vampiroberhaupt wie ein nach Aufmerksamkeit und Anerkennung strebendes Muttersöhnchen erscheinen, dem jede Möglichkeit Geld und Ruhm zu erlangen recht ist. So behandelt auch die Mehrzahl der Tagebucheinträge Ideen Draculas sich selbst zu vermarkten: Bücher schreiben, Valentinstagskarten produzieren, Workshops abhalten, Logistikunternehmen gründen oder Polterabende organisieren sind nur einige davon. Eintrag für Eintrag verfestigt sich beim Lesenden das Bild von einem alten, verzweifelten, armseligen und einsamen Mann. Die Zeiten, in denen der bloße Gedanken an den Vampirfürst für ein Erschaudern sorgte und einem das Blut in den Adern gefrieren ließ, scheinen längst vergangen zu sein. Graf Dracula kämpft mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, um sich sein Scheitern nicht eingestehen zu müssen.

mokant.at > foto: jelena vasiljevic
Graf Dracula – Ein sterbender Untoter
„Graf Dracula. Mein Tagebuch“ ist ein kleines, mit vielen Bildern ausgestattetes Büchlein zum Schmökern und Blättern. Das liebevoll gestaltete Layout kann aber keineswegs über die einfache Sprache und die alle Stereotypen bedienenden Ideen hinwegtäuschen. Der Vampirfan von heute hätte vermutlich das Tagebuch von Edward Cullen bevorzugt. All jenen, die ohne „Twilight-Saga“ aufwachsen mussten und Anhänger des adeligen Grafen Dracula sind, gefällt das Bild von einem lächerlich gewordenen Herrscher der Dunkelheit vermutlich weniger. Dracula-Liebhabern, die ihre Vorstellungen vom Gebieter der Vampire auf Bram Stokers Roman „Dracula“ oder gleichnamigen Filmen mit Schauspielern wie Bela Lugosi oder Christopher Lee aufbauen, wollen von den allzu menschlichen Problemen des Grafen nichts wissen. Sie hätten die Aufzeichnungen eines Angst verbreitenden, Furcht einflößenden Vampiroberhauptes, der sich dem Blutrausch ohne schlechtem Gewissen hingibt, anstatt sich mit „Blutoretten“ zur Unterstützung der Abstinenz zu bekleben, bevorzugt. Vampir-Begeisterte, die sich für Probleme, Unzulänglichkeiten und Unvollkommenheiten des Herrschers der Finsternis interessieren, werden in „Graf Dracula. Mein Tagebuch“ allerdings einiges zum Schmunzeln finden, sich über den Einfallsreichtum des Vampirherrschers wundern und seine Zeichnungen, Skizzen und Pläne bestaunen können. Am besten Graf Draculas Rezept für „die beste Bloody Mary“ ausprobieren und Cocktails schlürfend selbst im Buch schmökern.

Erzähle von uns:


 

Kommentare (0)






Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen:


mkant.at collage > foto: (c) thimfilm.at
Mika Kaurismäkis
Mama Afrika im Filmriss
© Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. / Bildagentur Zolles; Fotograf: Markus Wache
Wie man eine richtige Hofdame wird, lernt man in Schönbrunn