18. Februar 2011 | Meinung

KopfhörerInnen IX: PJ Harvey, Mary Halvorson Quintet

Island/Universal

KopfhörerInnen 09:
PJ Harvey und das Mary Halvorson Quintet

 

Dieses Mal: zwei weibliche Ausnahmetalente

PJ Harvey – Let England Shake
(VÖ: 11.02.2001, Island/Universal)

 

 

PJ Harvey ist eine lebende Legende des Indie-Rock, die auch im Heute noch gute bis hervorragende Platten veröffentlicht. Mit „White Chalk“ verabschiedete sie sich vom Indie und wandte sich einem eher als kammermusikalisch zu bezeichnenden Popentwurf zu, der allerdings in keinem Moment tatsächlich Pop war. Der Begriff Pop wurde hier zu einer mehr oder weniger brauchbaren Abgrenzung von einer Musikrichtung, die in all ihrer Vagheit vielleicht auch Rock heißen könnte. So war „White Chalk“ eine Platte, die den HörerInnen einiges an Geduld und Zeit abgerungen hat, um überhaupt einen Zugang zur ihr finden zu können. Hämmerndes Klavier, das fast immer mehr perkussiv als melodisch verwendet wurde, Falsettgesang und eine leidende PJ Harvey, die sich ihren inneren Dämonen stellte, die zumeist aus ihrer Kindheit stammten. Das Album konnte daher auch in dieser Form nur in ihrem Heimatdorf entstehen. Die Platte mag für sie in Sachen Selbsttherapie von unermesslichem Wert gewesen sein, gänzlich gelungen konnte man dieses Album aber nicht nennen. Aus diesem ästhetischen und musikalischen Exorzismus geht nunmehr allerdings mit „Let England Shake“ eine der besten Platten von PJ Harvey überhaupt hervor, das Album kann sich mit ihren größten Veröffentlichungen wie etwa „To Bring You Me Love“ messen.


Ganz grundsätzlich lässt sich der Kampf mit Abgründen, Melancholie und Düsternis als der grundlegende Kampf in ihrem Schaffen nennen. Sie hatte schon oft in Interviews verkündet, dass es darum ginge, diese Dämonen, diesen Hang zur Dunkelheit und zum Abgründigen loszuwerden, um sich wirklich der Musik und vor allem dem Leben zuwenden zu können. So gibt es einige Lichtblicke und einige temporäre ästhetische Auflockerungen in einem Werk, das ansonsten zu einem großen Teil in schwarz oder auch höchstens in dunkelgrau geschrieben ist. Es ist, als habe sie der Pessimismus, der Lebensekel nie ganz losgelassen, den sie zum Beispiel so eindringlich in „Oh my lover“ beschrieben hat. Dieser Song kann nur als schwarzes Loch gelten, der jegliches Licht verschluckt, ein Lied, in dem sich die Protagonistin bis aufs Äußerste verletzlich und verletzt, letztlich zerstört und ohne Lebenswillen zeigt. Doch PJ Harvey, die zwar nie vollständig die Protagonistin ihrer Lieder gewesen sein mag, dieser aber immer stark ähnelte, lebt noch und hat eine Möglichkeit gefunden, das Leben und die Helligkeit wieder in ihre Lieder einkehren zu lassen.


Mit „Let England Shake“ erteilt uns PJ Harvey eine Geschichtslektion, wie sie spannender und eindrucksvoller kaum sein könnte. Es scheint fast so, als habe sich dieses Interesse an der englischen Geschichte dahingehend auf die Lieder ausgewirkt, als dass sie ihre Inspiration nicht mehr in ihrem eigenen Leben und Leiden suchen musste. Es hat den Tracks mehr als nur gut getan, die Distanz zu Schmerz und ihren Dämonen steht den Songs sehr gut zu Gesicht. Die Art und Weise wie sich Harvey in den stets fragilen, fein gearbeiteten, dabei aber niemals allzu komplexen Popsongs mit der Geschichte ihres Landes beschäftigt, ist singulär und zugleich doch in einer typisch künstlerischen Tradition zu verorten. Niemals gibt es Parolen von ihr zu hören, die Geschichte fließt nicht in eine konkrete Aussage oder in einen letzten Sinn zusammen. Sie arbeitet mit Fragmenten, mit einzelnen Teilen der englischen Geschichte, in denen sie das Universelle herauszuschälen versucht. Sie ist dabei jedoch nie geschwätzig oder vereinfachend, Parolen sind ihr fremd. Stattdessen dominieren die feinen, zum Teil kryptischen Aussagen, die sich sehr oft um historische Kriege drehen. Sie urteilt und beurteilt nie, beschreibt allerhöchstens, lässt viele Leerstellen, die vom Hörenden gefüllt werden können, aber nicht müssen. Es sind universelle Lieder geworden über die großen Themen der Menschheit. Mit ihren vielen Kunstgriffen hat Harvey diesem Zugang noch einige neue Aspekte abgerungen. Neben all diesen funktionierenden Kniffen und ästhetischen Tricks ist allerdings die Musik der eigentliche Gewinn von „Let England Shake“. Sie hat wieder zurückgefunden in die Indie-Welt, ohne allerdings die Errungenschaften von „White Chalk“ zu vergessen. Es ist eine wunderbar arrangierte, kunstsinnige Indie-Pop-Platte geworden, die dem FM4-Einheitsbrei weit überlegen ist.
9,0/10

 

 

Firehouse 12 Records

Mary Halvorson Quintet – Saturn Sings
(VÖ: 12.10.2010, Firehouse 12 Records)
Leise war das neue Laut. Soul ist der neue Hip-Hop. Und es deuten viele Aspekte darauf hin, dass Avant-Jazz, eine freie Spielart von Jazz, der auch andere Einflüsse zulässt, der neue Noise wird. Walter Weasel, Mastermind hinter der essentiellen und immer noch unterschätzten Noise-Band „The Flying Luttenbachers“ kann als paradigmatisch für diese Entwicklung gelten. Produzierte er noch bis vor einigen Jahren allerlei Noise-Acts, hat er sich mittlerweile dem Free-Jazz zugewandt, der sich auch mit historischen Avantgarden wieder anfreunden kann.

 

Das A-Wort, das so lange verpönt war, da man nicht angenommen hatte, dass es noch etwas Neues geben konnte und sich letztlich doch eh alles in einem postmodernen und selbstreferentiellen Raum bewege, war wieder denkbar, sagbar und als ästhetische Grundlage verwendbar geworden. Walter Weasel hat mittlerweile sein eigenes Septet, das sich an einer mit Noise-Elementen durchzogenen Spielweise von Jazz versucht, der eigentlich gar kein Jazz mehr ist. Was bleibt ist der Geist des Jazz, genauer sogar des Free-Jazz, der auf die Dialogizität und die Freiheit von Musik pocht. Hier werden keine monatelangen Studio-Sessions abgehalten, sondern im Studio auch zum Teil frei improvisiert. Die Musiker kommunizieren, treten in Dialog und sind zum Teil wohl auch selbst erstaunt, welche Klanggebilde so entstanden sind. Diese Art Musik zu machen mag auch Weasel als freier und zukunftsweisender erschienen sein, als noch Jahre seines Lebens in die Flying Luttenbachers zu investieren, die letztlich an einem Endpunkt angelangt waren, wie es auch der reine Noise als Genre ist.


Mary Halvorson steht in enger Verbindung mit Walter Weasel, hat erst kürzlich einige Tracks mit ihm aufgenommen, die stark in eine erweiterte Noise-Richtung tendieren. „Saturn Sings“ ist allerdings ein anderes Kaliber, ein Werk, das überdauern wird und sich dennoch, trotz der Form der Entstehung und der Prozesshaftigkeit der Musik, als feststehendes Meisterwerk rezipieren lässt. Auch wenn Schluss sein mag mit den Meisterwerken und diese Kanonisierungsprozesse ganz generell eher problematisch sind, so ist „Saturn Sings“ doch zweifellos als ein solches zu bezeichnen. Wie Halvorson ihre Gitarre spielt, deren Stil man am besten als Pointilismus beschreiben kann, ist singulär und hält im Moment die New-Yorker Jazz Szene in Atem.


Sie findet die perfekte Balance zwischen Konstruktion und Destruktion von Tracks. Sie tupft ihre Töne oft nur hin, wie im Vorbeigehen, zurückhaltend, sanft, um sich dann wenige Augenblicke später in wütende Klangeskapaden hineinzusteigern, die auch dem sterbenden Genre Post-Rock gut zu Gesicht gestanden hätten. Mit Ches Smith hat sich darüber hinaus den Schlagzeuger von u.a. Xiu Xiu in ihrer Band, sodass auch die Verbindung mit kunstvollem Indie-Pop und Noise hier schon belegbar ist. Halvorson steht dennoch tief im Jazz, sie hat bei Antony Braxton studiert, den sie auch hörbar als großen Lehrer verehrt und ihm auf „Saturn Sings“ an mehr als nur einer Stelle Tribut zollt. Halvorson ist einer neuen Generation von GitarristInnen zuzurechnen, die sich gegen die Virtuosität per se stellen. Wenn Halvorson ihre Finger dennoch flink und virtuos über die Gitarrenbünde flitzen lässt, dann ist das nie Technik um der Technik Willen, sondern es ist Mittel zum Zweck, ein Weg, sich auszudrücken, ganz eigene Soundlandschaften zu erschaffen. Über die Platte wurde unter anderem geschrieben, dass jedes Lied eine eigene Welt sei. Das ist zweifellos richtig – und es sind noch dazu Welten, die so wunderbar bunt, schräg und ästhetisch ansprechend sind, dass man „Saturn Sings“ Tag und Nacht hören könnte und dabei die Außenwelt völlig vergäße.


„Saturn Sings“ ist das frühe Meisterwerk einer Musikerin, die genauso sehr an ihrem Gitarrenstil arbeitet wie sie auch versucht, ganze Quintett-Arrangements in neue musikalische Gefilde zu führen. Dass sie das mit ihren 30 Jahren so überzeugend tut und eigentlich erst am Anfang ihrer musikalischen Karriere steht, ist schlichtweg unglaublich. „Saturn Sings“ ist ein Meilenstein in der Musikgesichte und Halvorson eine der interessantesten Gitarristinnen im Heute.
10,0/10


 

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