KopfhörerInnen VIII: James Blake, Hercules and Love Affair
KopfhörerInnen 08:
James Blake und Hercules and Love Affair
James Blake – James Blake
(VÖ 07.02.2011, ATLAS/A&M)
Beinahe schon überlebensgroß sind die Erwartungshaltungen an das Debüt-Album von James Blake, der nach einigen EPs nunmehr der Welt ein Album geschenkt hat, das nicht zu rezipieren in den Zeiten der wie geschmiert laufenden Pop-Hype-Maschine schlichtweg unmöglich ist. Wer dieses Album nicht bespricht, nimmt sich automatisch jegliche Berechtigung noch einmal über Pop-/Indie-/Alternative-/Electronica-Zeugs berichten zu dürfen. Auch der geneigte Schreiberling, der schon fast unter die Räder der sich immer schneller drehenden Pop-Hype-Genierungsmaschine zu geraten droht, muss sich natürlich anschließen. Ein selbsternannter Auskenner und Indie-Nerd darf zu dieser Platte nicht schweigen, oder er wird von der Pop-Community früher oder später zum Schweigen gebracht werden.
Doch halt – was ist denn jetzt überhaupt mit dieser Platte?
Ist man mittlerweile schon so weit, dass man nur mehr über Kontexte, Diskurse und die Art und Weise, wie Musik zu rezipieren ist berichtet und somit die eigene Perzeption der Musik, um die es ja irgendwie doch auch gehen sollte, in den Hintergrund gerät? Man muss sich ja fast schon zwingen, überhaupt noch Musik anzuhören, Gleichgültigkeit macht sich immer wieder breit. Holt James Blake aus dieser Apathie?
Lang sind jedenfalls die Diskussionen über „James Blake“, die sich auf einschlägigen Seiten verfolgen lassen. Ist das hier Soul, Pop, vielleicht sogar elektronische Musik? Ordnet sich die Stimme den Geräuschen unter oder ist die Stimme nur ein Beiwerk zu allerlei elektronischen Spielereien? Ist das überhaupt noch „echter Soul“ oder befinden wir uns hier auf der Ebene von Jamie Lidell, der mit „Multiply“ eine grandiose Platte mit elektronischem Fake-Soul vorgelegt hat?
Sagen wir es so: James Blake befindet sich eher in dieser Liga der elektronisch generierten Pop-Musik, die jetzt plötzlich auch auf die eine oder andere Weise Soul sein will. Soul ist ja bekanntlich der neue Hip-Hop, warum sollte nicht auch Popmusik an dieser Entwicklung teilhaben wollen und somit auch noch ein Stück vom Kuchen abbekommen? Was zusätzlich auffällt, sind einigen Analogien zur letzten Platte von Kanye West, die auch ähnlich mit Auto-Tune umgeht und diesem eigentlich überholten Effekt noch ein paar künstlerische Schmankerl abgerungen hat. Auch James Blake beherrscht diesen Einsatz, auch wenn die Ergebnisse nicht so eindrucksvoll wie auf „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ sind.
Warum wurde bis hierhin noch immer kaum über die Musik auf dieser Platte geschrieben? Vermutlich weil der Rezipient die Platte einfach nicht so wunderbar finden will, wie sie überall beschreiben und in den Himmel gelobt wird. Es genügt leider nicht, mit Leerstellen und Zwischenräumen gut umgehen zu können, um eine gute Pop-Platte zu machen, obwohl die Art und Weise, wie Blake Pausen setzt und bewusst dem „Nichts“ dem „Zuviel“ den Vorzug gibt, durchaus beeindrucken kann. Die Platte ist dennoch nicht der erhoffte große Wurf, dazu ist sie harmonisch zu bescheiden und in Sachen Beats zu unspektakulär, auch wenn das Unspektakuläre und das Subtile ästhetische Ziele von „James Blake“ sein mögen. Es bleibt eine nette Platte, die wohl auch für gewisse Stunden zu zweit geeignet ist – wesentlich mehr lässt sich an dieser Platte aber leider nicht finden.
6,5/10
Hercules and Love Affair – Blue Songs
(VÖ: 28.01.2011, Moshi Moshi)
Mit „Blue Songs“ wurde ein Album veröffentlicht, das sich im Studio 54 ebenso wohl fühlte wie in den queeren und zum Teil obskuren und naturmystischen Welten von Antony Hegarty. Exakt diese Kombination aus Hedonismus und der Melancholie einer völlig entrückten Stimme wie der von Antony, hoben einzelnen Tracks diese Albums vom Rest ab, machten sie zu etwas Einzigartigem. Das restliche Album setzte auf kühle Sounds und ebensolche Stimmen, die warme und mitreißende Stimme von Antony durfte man bei diesen Tracks vermissen, konnte aber auch diesen Liedern Eigenständigkeit und eine gelungene Transferierung von Disco-Sounds ins Heute attestieren. Dass „Blind“ mit Antony, einer der besten Pop-Songs der 00er Jahre, weit herausstach, konnte man dem Album nicht vorwerfen. Andrew Butler, Mastermind hinter „Hercules and Love Affair“ hatte anderes im Sinn als Popsongs zu schreiben und Erwartungshaltungen zu bedienen. Wenn es einen Hit gab, dann nicht intendiert.
Auch auf „Blue Songs“ lässt sich genau diese Haltung ablesen. Antony ist passé, die Eingängigkeit des vorangegangen Albums weitestgehend auch. Ob es alleine deswegen zur „Spirit Of Eden“ der Dance-Musik wird, wie es in einem bekannten Musikmagazin behauptet wird, darf allerdings in Frage gestellt werden. Deutlich ist jedoch, dass die Songs zurückhaltender, subtiler, differenzierter, sind, sich weniger aufdrängen und noch weniger „Hits“ sein wollen. Es sind nachdenkliche, gut gemachte Disco-Pop-Electro Songs, zu denen man sowohl tanzen als auch nachdenklich in sich versunken in einer Ecke sitzen kann. Ob das die von Judith Butler beschworene Melancholie von Identitäten ist, die sich der heteronormativen Dichotomie entziehen und somit zwangsläufig verworfene Identitäten sein müssen, lässt sich an dieser Stelle weder belegen noch verifizieren.
Die Platte wäre in dieser Hinsicht ein queerer Versucht der Veruneindeutigung. Die Platte ist auf der formellen Ebene auf alle Fälle diffuser, weniger eindeutig tanzbar, weniger hitverdächtig. Das ist jedoch kein Nachteil, sondern tut der Platte gut, die mit mehrmaligem Hören immer mehr gewinnt.
„Blue Songs“ ist eine gute, wenn auch keine hervorragende Platte geworden, die man gerne mal auflegt, die aber kaum Alltagstauglichkeit besitzt. Dass die Platte „zu gay“ ist, wie ein Kollege von mir gesagt hat, darf hier nicht als Homophobie aufgefasst werden sondern als implizite Frage, ob und wie sich Hercules And Love Affair von ihren Vorbilder abheben möchten, die stark in der Schwulen-Szene der 70er und 80er verankert sind. Das ist genau und exakt getroffen die Frage, die man sich auch auf „Blue Songs“ stellt. Die Antwort lautet, dass genau hier die Unterscheidung zwischen einer guten und einer herausragenden Platte zu machen ist. „Blue Songs“ bleibt zu sehr Tribut, zu sehr den Vorbildern treu, zu wenig eigenständig. Man ist fast geneigt die Platte als ein wenig konservativ zu beschreiben. Und das kann wohl kaum Ziel dieses Projektes sein.
7,5/10
KopfhörerInnen nachlesen ...
Links dazu ...
James Blake auf MySpace
Hercules and Love Affair auf MySpace
Rezensionen von
Markus Stegmayr
Bilder von ATLAS/A&M, Moshi Moshi

































