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Adele – 21
(VÖ: 21.01.2011, XL/Beggars Group [Indigo])
Der erste Begriff, der einem in den Sinn kommt, wenn man „21“ hört ist „Authentizität“. Adele selbst scheint großen Wert auf diese Eigenschaft zu legen, wenn sie im Booklet dieses Albums Leuten dankt, die sie wieder zurück ins Leben geholt und diese Platte somit überhaupt erst möglich gemacht haben. Nun liegt es dem Rezensenten fern, eine leidende junge Dame zu diskreditieren und diese Aussage als aufgesetzt und künstlich abzukanzeln. Die Echtheit und das mit dieser Echtheit einhergehende Pathos könnte ohnehin nur schwer ohne die persönliche Bekanntschaft mit Adele überprüft und somit verifiziert werden. Die Frage wäre darüber hinaus, ob diese Verifikation die Musikrezeption maßgeblich steuern würde, ob man dann tatsächlich das Aufrichtige und das echte Gefühl hinter all den kargen Arrangements suchen müsste, die so gar nicht nach dem üblichen Mainstream-Pop klingen wollen, sondern eher von einem Purismus der Marke „Jack White“ durchdrungen sind, ohne jedoch in die gleiche musikalische Kerbe wie seine Hauptband zu schlagen.
Die Einflüsse sind jedoch nicht ganz unähnlich, etwa wenn man auf „21“ einige Songs findet, die sehr von „echtem“ Blues gekennzeichnet sind. Adele leidet vermeintlich authentisch, hier ist nichts unecht oder gar künstlich. Sogar die Instrumente halten sich an dieses Reinheitsgebot, kein elektronischer Beat und kein übertriebener Einsatz von Effektgeräten ist hier zu verzeichnen – ganz so als hätte sie die Platte in Nashville mit einigen hervorragenden Musikern in wenigen Tagen eingespielt, damit die Gefühle unter der Last der Perfektion und des Immer-Wieder-Spielens nicht zusammenbrechen und somit ihre Unmittelbarkeit verlieren könnten.
All die Anstrengungen gehen allerdings in Leere, es will sich kein Gefühl des Berührt- oder Begeistert-Seins einstellen. Was überwiegt ist Schalheit, Fadheit, das Empfinden, dass hier ordentliche und solide Songs verfasst worden sind, noch dazu von einer Musikerin, die ohne Zweifel talentiert ist. Doch kaum ein Song weiß wirklich zu fesseln. Ihr Blues-Mainstream-Pop ist weniger mit Leiden der „alten Meister“ gespickt, sondern erinnert mehr an die erste Platte von Joss Stone, die sich an alten Blues-Standards vergriffen und diese weniger ins Heute geholt hatte, als diesen mittels konservativer Instrumentierung ihr Tribut zu zollen. Im Gegensatz zu Joss Stone scheint Adele aber nicht zu wissen, dass sie zu einer derartigen tiefen Empfindung, die für „echtes“ Leid vonnöten wäre, schlichtweg unfähig ist. Während die Platte von Joss Stone daher immer künstlich bleibt und um der Inszenierung von Authentizität weiß, glaubt Adele tatsächlich authentisch zu sein und versteigt sich zusätzlich auf Aussagen gegen all den Plastikpop dieser Welt, die so nicht haltbar sind.
Ihr Album ist und bleibt solide, jedoch findet man die aufregenderen und „authentischeren“ Songs zum Teil bei den ihr verhassten Kolleginnen. So bleibt „21“ weit hinter dem Hype zurück und letztlich nur ein weiteres Mainstream-Album, das sich mit Hilfe einer kargen und zurückgenommenen Produktion die Echtheit zum Ziel machen möchte. Daran scheitern „21“ kläglich.
6,0/10
Stian Westerhus – Pitch Black Star Spangled
(VÖ: 23.07.2010, Rune Grammofon/Cargo Records)
Die musikalischen Kollaborationen von Stian Westerhus sind so zahlreich, dass man sie an dieser Stelle nicht vollständig aufzählen und würdigen kann. Besonders hervorzuheben wäre allerdings sein Projekt „Puma“ das sich dem lärmigen Metal verschrieben hat, der stets nahe dem Zusammenbruch steht und sich eigentlich nur wenig um Metal-Klischees oder damit einhergehende Gebote zur Struktur und Beschaffenheit von Metal-Songs schert. Hier wird unkonventionell mit Gitarren, Beats und Breaks umgegangen, die Tracks nehmen überraschende Wendungen, Posertum oder Konventionen sind „Puma“ absolut fremd. Im Mittelpunkt steht die Freude am Experiment und der Spaß sich tief in abstrakte und lärmhafte Gebilde vorzuwagen, die sonst nur wenige Bands gesehen haben, die sich, wenn auch nur entfernt, mit Metal assoziieren lassen.
Auf der anderen Seite ist Westerhus Mitglied der Jazz-Rock-Prog-Avantgarde-Pop Band „Jaga Jazzist“, die als helle Seite der norwegischen Band „Shining“ gelten kann. Jaga Jazzist besteht, sehr zur Überraschung des Hörenden, zu einem Teil aus den Mitgliedern von Shining (deren wunderbares Album „Blackjazz“ sei hier zusätzlich empfohlen!), die doch ein wesentlich anderes Musikverständnis als die Jaga Jazzist Truppe zu haben scheinen. Die Musik von Jaga Jazzist ist ein fröhliches, buntes, überbordendes Klang-Konglomerat, das sich mit den internationalen Größen des Avant-Jazz messen kann, da hier Virtuosität mit einer solch ironisierenden Cleverness gepaart wird, dass man ihnen niemals Muckertum attestieren könnte.
Kennt man diese beiden Beschäftigungen von Stian Westerhus, so kann man auch mit „Pitch Black Star Spangled“ besser umgehen und sehen in welche Richtung dieses Album geht. Zuerst muss gesagt werden, dass Humor bei dieser Platte ausgespart bleibt. Es scheint fast so zu sein, dass Westerhus zum Lachen ins Studio mit Jaga Jazzist geht. Bei seinem Solo-Album wird bierernst musiziert, kein Lachen entkommt dem Gitarristen beim Einspielen seiner avantgardistischen, lärmigen und stets hochinteressanten Tracks. Wirkliche Riffs, Songs und Melodien wird man auf diesem Album vergeblich suchen. Die Suche wäre aussichtslos und würde den Hauptvorzug völlig verkennen. Viel mehr als Songs sind diese Tracks Gemälde, und es ist kaum zu glauben, dass Westerhus diese Gemälde fast überwiegend nur mit Gitarren angefertigt haben soll. Bei einigen Tracks hat man das Gefühl einen Gitarristen zu hören, der alles daran setzt, seine Gitarren zu verfremden, sie ja nicht konventionell klingen zu lassen.
Es bleibt seinem singulärem Talent geschuldet, dass dieser Ansatz nicht überambitioniert klingt, sondern sowohl Noise als auch FreundInnen von avantgardistischem Jazz zusagen dürfte. Nicht umsonst ist Westerhus mit seinem Solo-Album beim Label „Rune Grammofon“ untergekommen, das so manch obskure Platte veröffentlicht hat, die sich zwischen für DurchschnittshörerInnen hörbarerer Musik und völlig abstrakter Kunstscheisse bewegt. Auch „Pitch Black Star Spangeled“ gerät immer wieder in die Nähe von sehr künstlerischer Musik, die nur mit akademischem Titel gehört und verstanden werden kann. Musik von Akademikern für Akademiker sozusagen, wenn man sich die musikalische Ausbildung von Westerhus ansieht. In Wahrheit braucht man aber nur ein paar Wochen ausschließlich Ö3 zu hören, um letztlich der immergleichen Akkorde und Harmonien überdrüssig zu werden. Wer dieses Selbstexperiment durchgeführt hat möge sich bei mir melden und beschreiben, wie viel Erlösung die Platte von Westerhus in sich birgt.
„Pitch Black Star Spangled“ ist Gegengift bei einer Vergiftung an Gewöhnlichkeit und der Diktatur des Immer-Gleichen, das jede Differenz und Abweichung niederzuwalzen droht. Es braucht so bedrohliche und kryptische Platte wie diese hier, um musikalisches Weiterleben und Innovation zu sichern.
9,2/10
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XL/Beggars Group [Indigo], Rune Grammofon/Cargo Records




































