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KopfhörerInnen 04:
M.I.A., The Body und Julianna Barwick
M.I.A. – Vicki Leekx
(VÖ: 31.12.2010 / ohne Label)
Nach der eher verhalten bis ablehnend aufgenommenen Platte „Maya“ besinnt sich Mathangi Arulpragasam wieder auf ihre Anfangstage und veröffentlicht ein Mixtape. Ihre Karriere begann mit einem ebensolchen, ehe sich die internationale Aufmerksamkeit der Musikpresse auf ihr Debüt „Arular“ richtete, das jedoch noch deutlich von der Ästhetik eines Mixtapes geprägt war. Auf ihrem Debüt wurden in einer furiosen und eindrucksvollen Weise diverseste Sounds und Samples zu einem Pop-Dance-Hip-Hop-Hybrid verschmolzen, den man so bis dahin noch nicht zu Ohren bekommen hatte. Diese Vorgehensweise in dieser Virtuosität, die wohl nicht zuletzt auch dem Produzenten Diplo geschuldet war, kam völlig überraschend in die damalige Popwelt. Gerade dieses Überraschungsmoment dürfte darüber hinweggetäuscht haben, dass „Arular“ keineswegs perfekt gewesen ist, oftmals die Hyperaktivität der Sounds über die Konstruktion von interessanten Tracks gestellt wurde. Das wahre Pop-Juwel war und ist „Kala“, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, eine neue musikalische Weltordnung auszurufen.
Auch wenn hinter dieser Behauptung das zum Teil naive und durchaus auch zu belächelnde Weltbild von Mathangi steckt, so war ihre Musik dort sehr viel differenzierter und komplexer als ihre politisch getätigten Aussagen. „Kala“ war in formeller Hinsicht bestechend, die Art wie sie sich oftmals zurücknahm und die neuen, marginalisierten und unterdrückten Stimmen einer „anderen Welt“ zu Gehör brachte, ist nach wie vor einzigartig. So war „Kala“ letztlich nicht die Platte einer narzisstischen und selbstverliebten Künstlerin, sondern das in der Form überaus ehrgeizige und funktionierende Projekt einer Aufklärerin, die zeigen wollte, dass es noch eine andere Popwelt gibt. Die atemberaubende Musik, die aus allerlei Versatzstücken aus verschiedenen Teilen der Welt bestand und mittels innovativer Beats zu einer „neuen Weltmusik“ verschmolzen wurde, stellt den bisherigen Höhepunkt in ihrem Schaffen dar.
Mit „Maya“ und leider auch mit „Vicki Leekx“ scheint es jedoch, als habe sie ihre differenzierte musikalische Sprache verlernt. Keine Spur mehr von virtuoser Bastelei an einer hybriden und dabei doch immer tanzbaren „Weltmusik“, die nicht weiter weg von Ethno-Kitsch hatte sein können. Auf „Vicki Leekx“ regiert das wahlloses aneinanderreihen von Geräuschen, Samples und Beats, die jegliche Dringlichkeit vermissen lassen. Dass wenigstens die Hardcore-Gitarren von „Maya“ gut im Schrank verstaut sind, rettet ihr neues Mixtape nicht davor, nur noch eine Künstlerin zu präsentieren, die ihr musikalisches Ziel aus den Augen verloren hat und diese Orientierungslosigkeit mit einem Übereinander von einem „Mehr-Von-Allem“ kaschieren will. So ist „Vicky Leekx“ ein weiteres Dokument des Niederganges eines Popstars, dem nach „Kala“ alle Wege offen standen, der sich jedoch entschieden hat, den musikalischen „Auftrag“ hinter sich zu lassen und stattdessen lärmende Popsongs zu produzieren, die nunmehr ähnlich leer und hohl wirken wie ihre politischen Phrasen es vermutlich schon immer gewesen sind. (Stegmayr)
5,0 / 10
(VÖ: 27.07.2010 / At A Loss Recordings)
Wittgenstein meint „Wenn wir im Leben vom Tode umgeben sind, so auch in der Gesundheit des Verstands vom Wahnsinn.“ Und wie wir wissen, hat so eine philosophische Größe immer recht. Man kann nun mit Fug und Recht behaupten, dass dieses Zitat in verdichteter und konkreter Form, Fleisch oder besser gesagt Musik geworden ist und zwar auf der neuen Platte von The Body, die mit ihrem überaus poetischen und suggestiv-wirksamen Titel „All the waters of the earth turn to blood“ nach absoluter ästhetischer Bedrohlichkeit und Dunkelheit strebt. Hier wird Metal (im weitesten Sinne verstanden) zu einer klaustrophobisch-hysterischen Dunkelkammer. Die apokalyptische Vision einer „Neurosis“-Kreation, wie „Given to the Rising“, wird noch angereichert durch eine Portion Verspultheit und zwei Portionen Lust am Wahnsinn. Wenn du noch nie die Stimmen in deinem Kopf gehört hast und dein imaginärer Freund längst auf eigenen Beinen steht, ist diese Platte wieder ein psychologischer Rückschritt den man sich leisten sollte. Denn frei nach Karl Valentin, ist „gar nicht krank, auch nicht gesund“.
Die Ingredienzien dieses eigenartigen und singulären Albums, reichen von druckvollsten Doom-Riffs über Harsh Noise, bis zu Black Metal-Shoutings, die klingen als würden Schweine abgestochen. Doch das wirkliche Highlight und zugleich verstörendste Element sind die Gospel- und Frauenchöre. Sie sind die mystifizierende Determinante und maßgeblich beteiligt an der psychotischen Grundstimmung, die man auch bei den Drone Doom-Größen Sunn O))) so liebt. Doch HörerInnen sollte sich durch die Aufzählung der verschiedenen Stilmittel, deren sich The Body bedient, nicht täuschen lassen, d.h. meinen diese Platte ließe sich aufdröseln und letztgültig analysieren. Auch nach mehrmaligem Hören lässt sie sich nicht wirklich fassen und verspricht somit eine längere Halbwertszeit, als der Großteil gewöhnlicher Black Metal-Entwürfe. Das Ganze ist also wie so oft mehr als die Summe seiner Teile.
Absolutes Kernstück und wohl innovativstes Stück ist „Empty Heart“. Mit seinem repetitiven Stimmenexperiment, das an Voodoo-Gesänge denken lässt und jedoch immer wieder durch Gekreische vor der Trance bewahrt, treibt die Essenz des gesamten auditiven Kunstwerks auf die Spitze. Man darf hier durchaus von einer ungehörten, also jungfräulichen, Musikerfahrung sprechen, was ja nicht mehr allzu üblich ist. (Nuderscher)
8,5/10
Julianna Barwick – Florine
(VÖ: 30. Juni 2009 / Florid Recordings)
Mit ihrer zweiten EP, deren Veröffentlichung bereits mit Ende 2009 bzw. Anfang 2010 datiert, ist eine Künstlerin am Werk, die sich nur allzu deutlich an eines der wenigen perfekten Pop-Alben der 00er Jahre anbiedert: „Person Pitch“ von Panda Bear. Doch diese 6-Track Liedersammlung von Julianna Barwick ist keine vertrackte und im Grund hochclevere Auskenner-Pop-Platte, wie es „Person Pitch“ letztlich ist, sondern das Album einer zerbrechlichen jungen Frau, die von der Provinz in das wuchernden und überfordernde New York gezogen ist. Gerade dieser Zusammenstoß von zerbrechlicher Naivität, Rückwärtsgewandtheit und der Faszination für eine schillernde Großstadt in Verbindung mit den Segnungen der modernen Musikproduktion ist es, der „Florine“ zu einer interessanten Platte machen könnte.
Dieses Aufeinanderprallen von regressiver, kindlicher Sehnsucht und den Möglichkeiten eines urbanen Raums macht sich in der ästhetischen Widersprüchlichkeit dieser Platte bemerkbar. So weist Julianna darauf hin, dass sie sich bei „Florine“ von Kirchenmusik inspirieren ließ, vielmehr meint sie damit aber letztlich die Kirchgänge mit ihrem Großvater in ihrer Kindheit. Ihre Sound-Schichtungen, die zu einem überwiegenden Teil mit ihrer eigenen Stimme arbeiten, die gesampelt, aufeinandergetürmt und dabei mit ein paar Tupfern Synthies und Klavier ergänzt werden, sind dabei aber viel zu einfach, um sich wirklich in eine Tradition von orchestraler und sakraler Kirchenmusik stellen zu können. Vielmehr ist eben das nostalgische Gefühl der gemeinsamen Kirchgänge im Spiel, die Erinnerung an einen magischen Ort, der irgendwo in der Kindheit vergraben liegt. Diesen wieder auferstehen zu lassen scheint das vorrangige Anliegen von „Florine“ zu sein.
Die Platte ist in ihrem Schlafzimmer entstanden, mit wenigen technischen Mitteln, ihre Stimme als Hauptinstrument, gepaart mit der Suche nach dem perfekten Hall-Effekt. So mag diese Platte ein Album für Träumer sein, die sich von der Sehnsucht nach einem verschwundenen Ort in der Vergangenheit anstecken lassen wollen. Dass ihre Produktionsweise dabei weit hinter „Person Pitch“ zurückbleibt, ist ein wichtiger Aspekt, der diese Platte zwar nicht unbedingt scheitern lässt, aber sie nur selten aus dem Mittelmaß hebt. Wo „Person Pitch“ eine Platte ist, welche die Sehnsucht nach einer verschütteten Zeit immer wieder ironisch bricht, auch auf der formellen Ebene, auf der zum Teil eher respektlos mit Samples aus den 60er Jahren umgegangen wird, meint Julianna es mehr als nur ernst. Keine Ironie, nirgends. Was an sich nicht schlimm wäre, doch die Platte schafft es nur selten, wirklich zu berühren. Dabei bleibt zu vieles lediglich sehnsuchtsvolles Gesäusel, auf das man sich nur ungern einlässt. (Stegmayr)
6,0/10
KopfhörerInnen nachlesen ...
Links dazu ...
The Body auf Myspace
Julianna Barwick auf Myspace
Rezensionen von
Markus Stegmayr und René Nuderscher
Bilder von
vickileekx.com, At A Loss Recordings, Florid Recordings

































