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KopfhörerInnen 05:
Anna Calvi, Celeste und Tera Melos
Anna Calvi – Anna Calvi
(VÖ: 14.01.2011, Domino Records)
Im Anfang war David Lynch, und das Wort war bei David Lynch und David Lynch war das Wort. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.
Anna Calvi scheint aus einer Rippe des gottgleichen David Lynch geformt zu sein. Sie performt, haucht mit roten Lippen im Slow-Club in das Mikrophon, das Licht ist schummrig, man erkennt die Umrisse ihrer Gitarre, die sie virtuos zu bedienen weiß. „Silencio“ möchte man dem immer noch flüsternden und oftmals auch laut redenden Publikum zurufen. Der Vorhang hat sich bereits geöffnet, der rückwärts sprechende Kleinwüchsige hat sich bereits von der Bühne verabschiedet. Auch die Songs von Calvi wird man, obwohl sie eigentlich offen vor einem liegen, nicht ergründen können.
Anna Calvi hat bereits die Bühne betreten und wir sind drauf und dran, ihrer Anziehungskraft, ihrer puren Erotik zu verfallen. Letztlich wird nicht sie es sein, die auf der Bühne zusammenbricht, sondern wir als ZuhörerInnen werden dieser Magie nicht mehr entrinnen können und völlig ausgelaugt diesen Konzertsaal verlassen müssen, ehe wir nicht mehr genug Kraft haben, dieser Sirene zu entkommen. Wir haben nicht ausreichend vorgesorgt, und es somit verabsäumt, uns fest an die Masten des Schiffes zu binden, das immer auf der Suche nach neuer Musik ist. Wir haben vergessen unsere Ohren zu verschließen, damit wir nicht auf die Idee kämen, uns Hals über Kopf in die akustischen Meere zu werfen, die Anna Calvi wie keine andere zu bändigen im Stande ist. Sie ist offenbar eine Person, die nicht nur um die enorme sinnliche Qualität ihrer Musik weiß, sondern es auch versteht, mit welchen Mitteln sie ihre Wirkung erzielt und mit welchen Tönen sie welche Emotionen und Eindrücke hervorrufen kann.
Calvi ist niemand, die nur tut, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was genau sie tut. Sie hat ihre Mittel im Griff, sie spielt hervorragend Gitarre und scheint mit sämtlichen kunstgeschichtlichen Darstellungen der „Femme Fatale“ vertraut zu sein. Dass wir dennoch in ihre Fallen tappen, immer wieder und in jedem Song aufs Neue, wenn sie mit zarter und zugleich bestimmter Stimme singt, eine Vermengung von PJ Harvey und Diamanda Galas, ist das erstaunliche an dieser Platte und wohl nicht zuletzt ihrem tatsächlichen musikalischen Talent geschuldet. Brian Eno ist sich sicher, dass Anna Calvi die neue Patti Smith sein wird, Nick Cave hat sie mit auf Tour genommen. Jeder Musiker und jede Musikerin mit Hang zu Düsternis und Atmosphäre wird dieses Album verehren. Die Grundlage dieses Albums sind immer perfekt arrangierte, morbide Popsongs, deren Einflüsse jedoch bis hin zu Tango-Rhythmen reichen. Sie eine ist wie eine dunkle, interessantere Heather Nova, die es nicht nötigt hat, sich als selbst als Sirene zu beschreiben. Im Gegensatz zu ihrer hellen, mittelmäßigeren Schwester Heather kann sich Anna Calvi nämlich sicher sein, tatsächlich eine solche zu sein. Calvi ist musikalisch und optisch ein gefährlicher Männertraum, der sich jedoch selbst entwirft und somit nie Gefahr läuft, unter der Zuschreibung der männlichen Musikwelt zu ersticken. Calvi schreibt ihre Songs selbst, es ist ihr zuzutrauen, dass sie auch selbst David Lynch ins Spiel brachte, der seither durch jede Rezension zu ihrem Debütalbum geistert (so auch hier). Nicht die Männer beherrschen dieses Bild einer „Femme Fatale“, sondern Calvi selbst spielt mit diesem Bild, bricht es immer wieder, wenn ihre Platte plötzlich aufhellt, nur um im nächsten Song wieder mit dunkler Schönheit zu locken. Ihr Debütalbum ist dabei im Songwriting noch nicht perfekt, aber es schwindelt einem beim Gedanken daran, was diese Frau noch alles musikalisch zu leisten im Stande sein wird. (Stegmayr)
8,1/10
Celeste – Morte(S) Nee(S)
(VÖ: 28.05.2010, Denovali/Cargo Records)
Als Nicht-Franzose, französische Kunst zu mögen, stellt automatisch eine Adelung in intellektueller Hinsicht dar. Mag man beispielsweise Godard-Filme, hat man es nicht schwer in geisteswissenschaftlichen Kreisen, anerkennende und mit sich selbst zufrieden Blicke zu ernten, die einem die eigene Wichtigkeit wieder einmal bestätigen.
Ob das nun auch auf die Erwähnung und Gutheißung von Celeste zutrifft, sei einmal dahingestellt. In eingefleischten und traditionellen Blackmetalkreisen, hat es eine Band, die nicht aus Norwegen kommt und sich auch noch genrefremden Einflüssen bedient, jedenfalls ziemlich schwer.
Doch wollen wir da dazugehören? NEIN. Wollen wir aber puren Nihilismus und schwarze Katzen die die Bibel rückwärts aufsagen? JA BITTE.
Celeste sind der nächtliche Albtraum und die in Soundblöcke gegossene Schlaflosigkeit. Dieses Konzept funktioniert, weil die Abgründigkeit der menschlichen Psyche, an nichts von ihrer ambivalenten Attraktivität (spätestens) seit Freud verloren hat.
Mit ihrer letzten Veröffentlichung Mortee(s) Nee(s) legen die Franzosen ein Album vor, dass seinen HörerInnen dermaßen den tiefschwarzen Latz um die Ohren knallt und gleichzeitig so diffizil ausgearbeitet ist – man möchte nur noch seinen Nietzsche aus der Hand legen und bedächtig horchen. Die Formel aus Post-Hardcore, Sludge und Blackmetal geht in ihrer Homogenität völlig auf, wenn man seelisch über die kleine Hürde von fast fehlenden Atempausen hinwegkommt. Die französische Sprache, in ihrer sonstigen Anmutigkeit, könnte bei diesem brachialen und blutigbrutalen Shouting auch unerkannt durch jede andere Sprache ersetzt werden. Selbst die spärlich eingesetzten Geigen vermitteln zu keinem Zeitpunkt das Nachlassen der Dringlichkeit von überbordender und nackter Präsenz. Es gibt keine Zugeständnisse an den ruhebedürftigen Hörer – sei es auch nur durch kurzfristige Rückzugsmöglichkeiten in irgendwelche Leerstellen.
Das mag mit ein Grund sein, warum es diese Band auch nicht nötig hat, irgendwelche herkömmlichen Inszenierungsstrategien, wie Corpsepaint oder sonstigen Kinderschreckklimmbimm in ihre Bühnenshows zu integrieren. Der große Clou ist, dass sie in völlig abgedunkelten Locations auftreten, mit ihren Instrumenten und Stirnlampen bewaffnet. In jeder Hinsicht die einzige Lichtquelle dieser begnadenswerten Band. (Nuderscher)
9,0/10
(VÖ: 17.09.2010, Sargent House)
Pantagonian Rats ist die Lieblingsplatte der New Yorker Gitarren-Virtuosin Marnie Stern des Jahres 2010. Stern hat dem Indie-Pop mit Hilfe einer als veraltetet und patriarchal angesehen Gitarrentechnik, dem Tapping, neues Leben eingehaucht. Diese weibliche Aneignung in Verbindung mit dem Gespür für hyperaktive Indie-Pop Songs ist in der jetzigen Pop-Welt durchaus als singulär zu bezeichnen. Dass sie dennoch nicht im Mainstream auffällt, sondern nach wie vor vor einem kleinen Kreis von „Auskennern“ auftritt, spricht nicht gegen ihr musikalisches Verständnis, sondern ist vielmehr Zeichen für ihr visionäres Gespür für Musik, die noch im Werden und im Kommen begriffen ist.
So sind auch Tera Melos eine Band, die oftmals zu Unrecht als „Hella“ Plagiat beschrieben worden sind, ein Act, der noch nicht im Mainstream angelangt ist. Tera Melos sind bisher einem kleinen Kreis von MusikhörerInnen vorbehalten geblieben, die diese Band jedoch fast schon kultisch verehren. Von dem Vorwurf, lediglich eine „Hella“ Kopie zu sein, wird sie ihr neues Album mehr als nur befreien können. Hier wird dem Gesang und dem Song sehr viel mehr Platz geboten als bei Hella, die sich lieber (vorwiegend) in instrumental-virtuosen aber immer auch spannenden Gefilden aufhalten. Auf Pantagonian Rats hört man luftige, sonnige Popsongs, die so zum Teil auch der Feder von „Weezer“ oder „Nada Surf“ entstammen könnten, kämen nicht vertrackte Rhythmen, Breaks und oftmalige Wechsel in Stimmung und Takt vor. Diese Vertracktheit und diese Komplexität fließen jedoch stets unangestrengt und wie selbstverständliche in diese Popsongs ein, wobei jedoch deutlich wird, welche der Eigenschaften welcher vorausging. Tera Melos sind eine experimentelle Band, die erst nach und nach dem Pop und der gesanglichen Melodieführung mehr Platz eingeräumt hat. Umso erstaunlicher ist es, dass sich diese beiden Pole auf ihrem hier vorliegenden Album die Balance halten und die Band auch fast nie aus dem Gleichgewicht gerät. Diese merkwürdige, sonnige und dann wieder verwirrende und irritierende Band, die auf eine leichte "Beach Boys"-Melodie dissonante Gitarrenakkorde folgen lässt, weiß zu überzeugen und zu fesseln.
Pantagonian Rats ist ein gelungener Versuch sich dem Schicksal zu entziehen, dem "Hella" zum Opfer gefallen sind. Diese werden wohl auch in Zukunft im Underground Musik für die Wenigen machen, die ihre Musik auch zu schätzen wissen und sich auf instrumentale Komplexität einlassen möchten. Tera Melos gehen einen anderen Weg: die Songs sind erstmals einladend, nur um dann, wenn man der Einladung bereits gefolgt ist und sich in den Arrangements der Songs bereits eingerichtet hat, ihr sperriges Gesicht zu zeigen. Eine Platte, die vielleicht nicht im Mainstream-Radio laufen wird, aber die durchaus für eine größere Masse gemacht ist. Man wünscht dieser Platte mehr HörerInnen, als sie es im Moment wohl hat. (Stegmayr)
8,4/10
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Rezensionen von
Markus Stegmayr und René Nuderscher
Bilder von
dominorecordco.com, denovali.com, teramelos.bandcamp.com

































