KopfhörerInnen VI: Rihanna, John Zorn
KopfhörerInnen 06:
Rihanna und John Zorn
Rihanna – Loud
(VÖ: 12.11.2010, Def Jam/Universal)
Seit Rihanna von einer Plattenkritik- und Popkulturseite, die ein „P“ im Namen trägt und dem durchschnittlichen Indie-Nerd als sakrosankt gilt, mit der Zuschreibung „beste neue Musik“ geadelt wurde, dürfen selbige zumindest die ebendort besprochene und für gut befundene Single „Only Girl In The World“ gut finden. Man wird sich dazu auch in einer Disco bewegen dürfen, in die sich Musik-Nerds aber wohl ohnehin nicht verirren, ohne die eigene Coolness und Erhabenheit in Sachen Musikgeschmack einbüßen zu müssen. Es wird möglich, dank der Seite mit dem „P“ und dem „f“ im Namen, Rihanna, wenn auch ein wenig ironisch gebrochen, zu mögen, schlicht um zu zeigen, wie offen und tolerant der eigene Geschmack mittlerweile geworden ist. Früher habe man ja nur dieses schräge und echte Indie-Zeugs gehört, das in einem Tag in einem Wohnzimmer mit einem Acht-Spur-Aufnahmegerät eingerotzt worden ist.
Damals, ja damals, sei man noch der Meinung gewesen, dass es echte und authentische Musik gibt, während all dieser Plastikpop da draußen ja von vornherein und überhaupt abzulehnen sei, da er letztlich nur von der Musikindustrie gemacht wäre, um kleinen Jungs und Mädchen das Taschengeld abzuluchsen. Dann habe man diese Unterscheidung aber plötzlich aufgegeben und gemerkt, welch weiter Horizont sich auftut. Dennoch war und blieb Rihanna immer suspekt, die Art und Weise wie sie ihren Körper z.B. in „Rude Boy“ zur Schau stellte war ganz und gar indiskutabel. Da führt man eine junge Frau als Sexsymbol vor, die Art wie sie ihren Körper einsetzt wurde ihr von der Plattenfirma diktiert, um den Song, der ja eigentlich mittelmäßig ist, besser zu verkaufen. Der Übergang zwischen Internet-Pornographie und dem Video zu „Rude Boy“ ist dabei fließend und letztlich ja eigentlich gar nicht mehr festzustellen. Zumindest so etwas wie ein Soft-Porno ist das Video ja doch, damit sich auch pubertierende Jungs in Rihanna verlieben und letztlich mit ihrem Geld patriarchale Strukturen zementieren, die weibliche Sängerinnen nur dann gelten lassen, wenn sie möglichst wenig am Körper tragen und umso mehr von diesem in Videos zur Schau stellen. Rihanna ist, so kann man sicher behaupten, der Traum von Menschen des Schlages eines Jay-Z – unter Umständen hat sich dieser auch ihr Image und ihre Videos ausgedacht, der schlaue Geschäftsmann.
Das erstaunlich ist: hört man sich „Loud“ an, so wird deutlich, dass nichts davon wirklich wahr ist. Hier ist eine Sängerin am Werk, die sich stimmlich angenehm zurückhält und somit nicht in die üblichen Fallen des R´n´B tritt. Man kann auf dem ganzen Album schlichtweg keine dieser widerwärtigen Stimmübungen ausmachen in denen betont werden soll, dass man über mindestens 5 Oktaven Stimmumfang verfügt. Rihanna ist keine überragende Sängerin, ihr Stimmumfang bleibt weit hinter einer Mariah Carey oder einer Leona Lewis zurück. Was hingegen auffällt ist, dass diese Musik nicht weniger echt ist, als die von so mancher integrer Indie-Band. Vor allem in „Only Girl in The World“ entdeckt man hinter all den Disco-Beats, die auch in der Großraumdisco funktionieren, eine zerbrechliche Sängerin. Vom emotionalen Gehalt her ist der Song nicht zu unterschätzen. Ignoriert man Dauer-Airplay und die zum Teil noch nicht mal jugendlichen weiblichen Fans von Rihanna, so merkt man schnell, dass man es bei „Loud“ mit einer zum Teil ernstzunehmenden Mainstream-Pop-Platte zu tun hat, die, wenn auch als Album im gesamten nicht überragend, mit einigen großen Pop-Momenten gesegnet ist, die einer Lady Gaga durchaus das Wasser reichen können. Rihanna ist im Gegensatz zu Lady Gaga noch nicht dort angekommen, wo über ihre Musik und ihre Inszenierungsstrategien im hohen Ton geschrieben und spekuliert wird. Sie taugt einfach nicht um post-feministische Theorien zu illustrieren, da ihre Welt per se feminin und vom Rollenbild her nicht sonderlich postmodern ist.
Ihre Welt ist die Welt einer jungen Frau, die sich wenig Gedanken über patriarchale Strukturen oder über die subversive Kraft von Musik gemacht hat. Die Frage ist, ob sie das muss oder ob es genügt, dass sie mit „Loud“ ein anständiges Album gemacht hat, das streckenweise tatsächlich überzeugen kann? Ihre musikalische Welt ist bunt und aus Plastik. Aber ist dieses Plastik nicht auch manchmal fantastisch? Aber vielleicht ist der Rezensent auch nur gefangen in einer heterosexuellen Matrix und kann gar nicht anders als Rihanna sexy zu finden und ihre Musik folglich auch nicht ganz übel. Die Antwort steht noch aus, die Platte „Loud“ sei hingegen erstmals, bis auf weiteres, empfohlen.
7,9/10
John Zorn – Interzone
(VÖ: 22.11.2010, Tzadik)
Über John Zorn zu schreiben ist wie zu Architektur zu tanzen. Man könnte
weit ausholen und seinen nicht zu überschätzenden Einfluss auf Free-Jazz
und auf andere freien Formen der Musik an sich beleuchten und bejubeln.
All das wird hier aber nicht passieren, nicht passieren können. Nur
eine Anmerkung, die hier gemacht werden muss: John Zorn ist neben Nels
Cline und Bill Frisell einer der visionärsten Musiker der Jetzt-Zeit –
so viel Pathos darf und muss hier schon sein.
Wie lässt sich aber über das hier vorliegende Album sprechen, das
weniger Album, also feststehende Äußerung über den eigenen musikalischen
Stand ist ( so etwas wie ein eingefrorener Prozess der eigenen
musikalischen Entwicklung, an dem man sehen kann, wo der jeweiligen
Musiker/die jeweilige Musikerin derzeit steht), als vielmehr eine
Momentaufnahme, ein zu großen Teilen improvisiertes Stück Musik, das,
nebenbei erwähnt, nur eine von zwei weiteren Veröffentlichungen von John
Zorn im Jahr 2010 war?
Am besten so, wie auch John Zorn Musik macht. Man muss die Flüchtigkeit
und die Sperrigkeit von „Interzone“ betonen, welches der Cut-Up-Technik
von William S. Burroughs Tribut zollen will. Diese Bezugnahme lässt sich auf mehreren
musikalischen Ebenen nachweisen. Etwa wenn Zorn die Tracks immer wieder
abbricht, einzelne Sequenzen eines Tracks einfach stehen lässt und die
roten Fäden, die er zuvor gesponnen hatte, einfach wieder fallen lässt,
nur um sie an völlig unerwarteter Stelle wieder aufzunehmen um letztlich
zu sagen, dass das alles nur eine Sackgasse war und man eigentlich
andere Wege durch die jeweiligen Tracks hätte suchen sollen. Vielleicht
ist das grundsätzliche Problem aber auch, dass man überhaupt sucht und
sich nicht mit den Momenten der puren Präsenz der Musik von Zorn
zufrieden gibt.
Die Musik ist überwältigend, eine Naturgewalt, ohne aber jemals Gewalt auf den Hörenden auszuüben. „Interzone“ drängt nicht, sondern lässt den Zuhörenden friedlich durch seltsame und kryptische Soundlandschaften streifen. Das Album zwingt nicht, auf eine gewisse Weise gehört werden zu wollen. Es bietet zweifellos dem Jazz-Kenner und Musikwissenschaftler viele Möglichkeiten des Genusses, allein die Beschäftigung mit Akkordbeschaffenheit und der allgegegenwärtigen Dissonanz bedürfte Wochen der intensiven Beschäftigung. Doch auch der offene Gelegenheitshörer kann Gefallen an „Interzone“ finden, vorausgesetzt er wirft seine eigenen Erwartungen an Song/Track über Bord und lässt sich auch von zahlreichen Stimmungs- und Tempi-Wechsel nicht aus der Bahn werfen.
Das vorliegende Album ist eine trickreiche Achterbahnfahrt, die nur
selten wirklich einladend ist. Zorn hat es nicht nötig HörerInnen
einzuladen, er weiß um den Stellenwert seiner Musik. Exakt diese
Kompromisslosigkeit ist es, die „Interzone“ zu dem macht, was es ist:
ein Sammelsurium an kühnen und abstrakten Ideen, die niemals zu so etwas
wie einem stimmigen und kohärenten Album gerinnen wollen. Das Album
sträubt sich dagegen ein ebensolches zu sein, wie es sich auch sträubt,
Erwartungen zu bedienen. Noise-HörerInnen wird es zu jazzig sein,
Jazz-HörerInnen zu noisig. Wer soll dann „Interzone“ hören? Ich würde
sagen: jedeR, der Ohren hat und eine gehörige Portion musikalische
Abenteuerlust mitbringt.
9,0/10
KopfhörerInnen nachlesen ...
Bilder von
Tzadik, Def Jam





















































