03. Dezember 2010 | Meinung

Aufgeblättert: „Nichts“

mokant.at > foto: miha veingerl
„Nichts bedeutet irgendetwas“ meint der Protagonist des Buches

Janne Teller:
„Nichts. Was im Leben wichtig ist“

 

Eine Schule in einer dänischen Kleinstadt: nach den Ferien trifft sich die Klasse 7A wieder. Auf einmal steht Pierre Anthon auf und verabschiedet sich mit einem Satz, der alle bisherigen Ideale, Werte und Ziele seiner Mitschüler zunichtemacht: „Nichts bedeutet irgendetwas … deshalb lohnt es sich nicht irgendetwas zu tun.“ Da er von da an, sitzend auf einem Baum, nicht aufhören will seine ehemalige Klasse zu belehren, entscheidet sich diese für eine Aktion. Eine Sammlung von Opfergaben mit individueller Bedeutung soll die Antwort bieten. Doch das Projekt gerät allmählich außer Kontrolle.

 

Der erste Jugendroman der dänischen Autorin Janne Teller wurde nach seiner Veröffentlichung im Jahr 2000 zuerst verboten, bevor er begann Preise zu sammeln, Schullektüre zu sein oder Theaterbretter zu belasten. Es dauerte eine ganze Dekade bis „Nichts“ auch auf Deutsch erschien.

 

mokant.at > foto: miha veingerl
Über die Unbeständigkeit
Dieser schmale Roman wird allgemein als Jugendroman vermarktet. Die Gründe dafür sind klar: eine Schulklasse als Hauptdarsteller, ein vierzehnjähriges Mädchen als die Erzählerin, die die Lücken ihrer Sprache mit Wiederholungen und spielerischen Einwänden füllt. Aber das sind nur stilistische Mittel. Wenn man den Inhalt des Romans betrachtet, dann wird man erkennen, dass dieser die Jugendgrenzen übersteigt. Das Kindische endet, wenn es um existentielle Fragen und unangenehme Antworten darauf geht.

 

 


„Nichts“ könnte die Fortsetzung eines anderen skandinavischen Jugendromans mit philosophischem Tiefgang sein, Jostein Gaarders „Sofies Welt“. Wenn es in Gaarders Buch um den Weckruf der Neugierde geht, dann bietet Tellers Buch umgekehrt die Zerstörung der Illusionen. „Nichts“ wird all denjenigen einen bitteren Nachgeschmack lassen, die davon überzeugt sind, dass der Sinn des Lebens darin besteht zu lernen, zu arbeiten, gut zu verdienen, eine Familie zu gründen, Statussymbole zu sammeln und so weiter – eben allen, die glauben, dass man nur durch Mehr von Allem sein Glück findet.

 

Dies wurde freilich auch der Klasse 7A erfolgreich eingetrichtert, darum trifft sie der Wortschlag Pierre Anthons auch so stark. In einer Welt ohne Regeln, ist alles erlaubt: da ihre alte Welt ideologisch zerstört wurde, antwortet die Klasse mit der Erschaffung einer neuen, in der die „Bedeutung“ der universelle Antrieb wird. Ähnlich Jean-Paul Sartres Erkenntnis, dass die Hölle die Anderen sind, ohne die wir jedoch aufhören zu existieren, ist in Tellers Roman das Glück gestrickt. Für die Jugendlichen des Romans bedeutet „Glück“ die Widerspiegelung des Glücks beziehungsweise des Unglücks der Anderen: entweder will man mehr von dem, was Andere glücklich macht, oder man will ihnen dieses Etwas wegnehmen, weil es angeblich das eigene Glück hindert. Nicht nur hier tritt aber im Roman auch eine Kritik der Information auf: erst das Wissen über die Schwachpunkte des Mitmenschen ermöglicht tatsächlich Sadismus.


 

mokant.at > foto: miha veingerl

Die Risse und der Blick

Im Mittelpunkt des Romans steht die Psychologisierung der Figuren – wichtiger als die Außenwelt sind die Ansichten und Gefühle der Schüler. Da sich der Hauptteil der geschilderten Neigungen allmählich zum Sadismus richtet, wird der Leser ab einem gewissen Punkt selbst zum Voyeur. Ähnlich wie beim Lesen der Boulevardpresse ertappt man sich auf einmal dabei, dass man nur noch wissen will zu welchen Ausschweifungen die Geschichte noch fähig ist beziehungsweise wo der Bruch eintreten wird. Nach dem Bruch kommt für den Leser jedoch die Einsicht: im letzten Viertel des Buchs bekommt man einen Spiegel vorgesetzt. Spätestens dann ist die Frage angebracht bis zur welchen Grenze man willig ist die Ausschweifungen der Anderen zu akzeptieren beziehungsweise die Anderen zu seinen eigenen Gunsten auszunutzen.


Janne Teller war vor ihrer Schriftstellerkarriere wirtschafts-politische Beraterin der EU und UN. Ein Roman, der das Wertesystem und die negativen Folgen des Kapitalismus derart schildert, kann nur von jemandem geschrieben worden sein, der schon einmal in das Herz der Finsternis des Materialismus blickte. Und erkannte, dass man für andere Dinge kämpfen sollte.

Erzähle von uns:


 

Kommentare (0)






Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen:


mkant.at collage > foto: (c) thimfilm.at
Mika Kaurismäkis
Mama Afrika im Filmriss
© Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. / Bildagentur Zolles; Fotograf: Markus Wache
Wie man eine richtige Hofdame wird, lernt man in Schönbrunn