22. Dezember 2010 | Gesellschaft

Die geheimen Stammgäste des Praters

flickr.com > foto: augustin rouchon
Der Wiener Prater im Winter: Kaum einer verirrt sich hierher

Diese Reportage ist im Rahmen des mokant.at-Workshops „Journalismus 2.0“

entstanden

 

Ein eisiger Wind weht auf Wiens Straßen, die Leute sind eingepackt in dicke Wintermäntel und warme Stiefel, auf dem Weg in die Arbeit, nachhause oder zu Freunden, Hauptsache, irgendwohin, wo es warm ist. Vereinzelt versuchen Personen die Kälte mit Punsch und Käsekrainer zu bekämpfen. Es herrscht eine heimelige Stimmung auf dem Praterweihnachtsmarkt, die zusätzlich mit netten Weihnachtsmelodien, die aus den Lautsprechern tönen, unterstrichen wird. Trotzdem verirrt sich kaum jemand in den verschneiten Wiener Prater. Die geheimen Stammgäste im Winter sind die Spieler.

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Spärliche Einnahmen im Winter
Der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Vladimir (Name von der Redaktion geändert) ist einer von ihnen. Im Prater ist er nicht nur Gast, er arbeitet auch hier. Derzeit betreut Vladimir die Geisterbahn zum roten Adler. Wenn der zerbrechlich wirkende Mann von seiner Familie erzählt, sprudelt es nur so aus ihm heraus. In gebrochenem Deutsch erzählt er: „Früher hat mein Sohn hier gearbeitet, aber im Winter hat er keine Arbeit und ist beim AMS angemeldet. Im Winter hat alles zu, nur Go-Kart und Autodrom haben offen.“ Der Prater hat im Dezember aufgrund des spärlichen Betriebes deutlich an Kundschaft verloren, aber keinesfalls an Flair oder Atmosphäre. Auf seine eigene Art und Weise wirkt er nostalgisch. „Manchmal sind die ganze Woche nur zwei bis drei Leute da, manchmal sind es dreißig.“ Er beendet den Satz und schnippt seinen Zigarettenstummel weg. Es ist ihm anzusehen, wie bedrückt er ist, seine braunen Augen vermitteln Traurigkeit und Ungewissheit über die Zustände, die im Winter herrschen, die spärlichen Einnahmen.

Tag für Tag, wenn die anderen Attraktionen von November bis März schließen, muss der alte Mann in seinem kleinen Häuschen verharren und auf ein wenig Kundschaft hoffen. Trotzdem lässt Vladimir den Kopf nicht hängen und redet munter weiter: „Im Sommer kommen viele wegen der Disco. Da kommen viele Jugendliche und bevor sie in die Disco gehen, machen sie noch eine große Runde im Prater und fahren mit fast allem. Jeden Donnerstag und Freitag ist alles voll, aber im Winter kommen sie nicht her, weil die Geisterbahn zu weit weg ist.“ Er meint den PraterDome, eine Disco, die immer größeren Zuwachs findet. Wenigstens leidet ein Betrieb nicht unter der Wintersaison.

 

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Im Winter gehört der Prater den Casinos
„Ich bin jeden Tag im Prater. Ich bin ein Spieler, seit vielen Jahren.“ Es scheint, als sei in der wechselnden Atmosphäre zwischen erstickender Fülle und gespenstischer Leere nur eines gewiss: So wechselnd das Jahresgeschäft auch ist, die Stammkunden sind immer da. Im Winter gehört der Prater den Spielern. Seit 1974 spielt der Geisterbahn-Kassier schon. Dabei geht es schon lange nicht mehr um das Gewinnen. „Alles, was ich gewonnen habe, habe ich auch wieder verloren.“

Stammspieler unterscheiden nicht zwischen heißer Sonne oder Schnee, sie kommen saisonunabhängig, immer, wenn sie Lust zum Spielen haben. Im Sommer steigern zusätzlich noch Touristen den Umsatz der Prater-Casinos.

 

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Nur das Casino ist immer im Plus
Im Merkur-Casino sind in der Mittagszeit, mit einigen Ausnahmen, kaum Spielautomaten besetzt. Die einzigen Mitarbeiter die sich dort befinden, legen gerade gemütlich eine Raucherpause ein. Laut Susanna, einer Mitarbeiterin, kommen auch immer wieder neue, junge Spieler dazu, die bereit sind, ihr Geld zu verspielen.

Die Folgen pathologischen Spielens sind vor allem seelischer, gesundheitlicher und existentieller Natur. Viele Betroffene belastet die hohe Verschuldung, die krankhaftes Spielen in den meisten Fällen mit sich zieht, stellt die Medizinische Uni Wien für Psychiatrie, Suchforschung, und -therapie fest.

Viel verspielt
Darauf, dass die meisten nicht mehr gegen ihre Sucht ankämpfen können, antwortet Susanna nur mit „Erwachsene sollten ja schließlich für sich selbst verantwortlich sein“, und lacht dabei. Bei einem durchschnittlichen Monats-Nettoeinkommen von 1.145 Euro betragen laut Jahresbericht des Vereins anonymer Spieler die Spielschulden pro Klient errechnete 55.384 Euro. Auch Vladimir hat viel gewonnen, aber auch wieder viel verspielt. In den 37 Jahren, die er jetzt in Österreich lebt, hat er mehr als drei Millionen Schilling Schulden gemacht – das sind rund 218.000 Euro.

Hier ist es trotzdem besser, sagt er. In Jugoslawien gibt es weniger Geld, weniger Lohn. Seine Tochter wurde hier geboren und hatte die Chance, die finanzielle Lage der Familie stark zu verbessern. Sie hat einen kleinen Sohn, sagt er und lächelt dabei überglücklich. Mit der Hand fährt er zu seinen Knien. „So groß ist der Kleine schon.“ Wenn er kommt, dann fahren sie gemeinsam Geisterbahn.

 

Zweite Reportage aus dem Workshop lesen ...
Winter unter dem Riesenrad

 

 

 

 

 

 

Link dazu ...
Wiener Prater

Artikel von Marlene Mittringer, Edwina Al-Khalil und Valeria Ertelt

 

 

Fotos: flickr.com (4)/Augustin Rouchun, anee.baba, anee.baba, twicepix
Titelbild: flickr.com/anee.baba

 

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