„Filme verändern Einstellungen“
Regisseur Arash T. Riahi über Flüchtlinge und die Bewegkraft von Filmen
„Es ist wichtig, dass Menschen ihre Geschichte selbst erzählen können“, meint Arash T. Riahi. Das sei auch eines der Ziele des internationalen Filmfestivals der Menschenrechte Anfang Dezember in Wien gewesen, bei dem er Jury-Mitglied war. Der Regisseur hat selbst eine bewegende Geschichte: er wurde im Iran geboren und kam mit neun Jahren als Flüchtling nach Österreich: sein Vater saß davor als politischer Häftling im Gefängnis. In seinen vielfach prämierten Spielfilm „Ein Augenblick Freiheit“, hat Riahi unter anderem die Flucht seiner Geschwister aus dem Iran porträtiert. Im Interview mit mokant.at spricht er über „leiwande“ Ausländer, die Berichterstattung der Kronenzeitung und Einzelschicksale, die bewegen.
mokant.at: Von zweiten bis zehnten Dezember fand das
internationale Filmfestival der Menschenrechte in Wien statt. Was für
eine Rolle kann so ein Festival spielen? Was kann es bewirken?
Arash T. Riahi:
Im besten Fall kann ein Menschenrechtsfestival aufrütteln und die Augen
öffnen für das was außerhalb von unserem Blickfeld und außerhalb der
Kurznachrichten passiert. Die Filme, die da laufen, zeigen den Einblick
hinter die Türen, hinter die Fenster, hinter die Gesichter, die man kurz
in den Nachrichten sieht. Nur so kann man auch die Welt besser
verstehen.
Es gibt auch noch einen anderen Aspekt: Die Macher
des Films, den wir mit dem Hauptpreis prämiert haben, ein kongolesischer
Film, haben in ihrer Dankesnachricht betont, dass es für sie wichtig
war, dass sie selbst beginnen, ihre Geschichte zu erzählen. Nicht immer
nur irgendein Regisseur, der von außen kommt, ein paar Wochen da ist,
das Elend abfilmt und dann zurückgeht und Erfolg hat.
mokant.at: Also geht es bei so einem Festival vor allem auch darum, dass Betroffene selber etwas mitteilen können?
Arash T. Riahi:
Ja, es ist ein wesentlicher Punkt, wenn man seine Geschichte erzählen
kann. Und oft sind es diese Filme, die das machen, wo Menschen
miteinbezogen werden und ihnen zugehört wird.
mokant.at: Gehen zu diesen Festivals nicht vor allem Menschen, die sich sowieso dafür interessieren und die man gar nicht mehr aufrütteln muss?
Arash T. Riahi: Das stimmt. Prinzipiell gehen zu solchen Festivals meistens Leute, die ohnehin für Menschenrechte sind und viel Wissen darüber haben. Aber man muss sich überlegen: was ist die Alternative? Dass man das überhaupt nicht macht? Man muss solche Filme machen. Es gibt Ewiggestrige und Leute, die sich nicht verändern wollen, die die Augen verschließen. Bei denen ist es hoffnungslos, um die braucht man sich auch nicht bemühen. Es gibt aber immer fünf bis zehn Prozent „neuer“ Leute, die man erreichen kann. Es gibt zum Beispiel Schulvorstellungen. Viele Jugendliche sind offener, hätten sich einen solchen Film aber sonst vielleicht nicht angeschaut.
mokant.at: Denken Sie, dass Filme Einstellungen verändern könnten?
Arash T. Riahi: Filme verändern definitiv Einstellungen. Filme können zwar nicht die Welt verändern, aber sie verändern etwas im Bewusstsein. Ich habe es selbst durch meine Filme erlebt. Menschen haben mir bei persönlichen Begegnungen, aber auch in Briefen oder E-Mmails gesagt, dass sich etwas bei ihnen verändert hat. Wenn man über Themen spricht, die tabuisiert sind, hat das eine Art Vorbildwirkung für andere Leute. Wenn jemand über etwas spricht, trauen sich auch andere darüber zu sprechen. Das allein ist schon verdammt viel wert.
Arash T. Riahi: Ich glaube die Berichterstattung über das Elend woanders wirkt schon. Die Österreicher sind Spendenweltmeister, gespendet wird schnell und viel.
Aber der Grund, warum das bei den Ausländern, die hier leben nicht funktioniert, ist, dass man einfach viel zu wenig Kontakt hat. Die rassistischsten Menschen sind die, die überhaupt keinen Kontakt haben mit Ausländern. Ich habe selbst erlebt, dass jemand zu mir gesagt hat: „Du bist eh leiwand, aber die anderen …“. Wenn Menschen Nachrichten sehen, sehen sie nur Schlagzeilen. Wenn die Kronenzeitung beschließt, es ist gut für die Quote, wenn man hauptsächlich Negativschlagzeilen mit Ausländern in Verbindung bringt, beeinflusst das natürlich auch die Meinung ihrer Leser. Wahrscheinlich wäre es langweilig, wenn die Krone jeden Tag die Meldung bringen würde: dieser Ausländer hat das erreicht. Man will lieber wissen, dass zwei sich die Köpfe eingeschlagen haben.
Wenn man sich aber mit Filmen beschäftigt, beschäftigt man sich mit Menschen und nicht nur mit Schlagzeilen. Das hat man gesehen bei den letzten Abschiebungsfällen. Man hat erfahren, dass die Menschen Kinder hatten und voll integriert waren. Plötzlich war auch die Kronenzeitung gegen die Abschiebungen. Da ist eine Veränderung.
mokant.at: Auf Personen zu Fokussieren ist ja generell üblich. Gerade die Kronenzeitung hat etwa auch beim Fall Arigona Zogaj ausführlich über ihre Geschichte berichtet. Nur weil einmal Kinder Mitleid auslösen, ist das wirklich eine grundlegende Veränderung?
Arash T. Riahi: Ich glaube nicht, dass sich das von einem Tag auf den anderen ändert. Aber es ändert sich Schritt für Schritt. Je mehr solche Sachen kommen, umso mehr sehen die Menschen eine andere Seite. Jetzt hat man Ausländer gesehen, die nicht kriminell sind und deren Kinder, die sich in Österreich zuhause fühlen. Man kann nicht so blauäugig sein, und denken, dass es von einem Tag auf den anderen die Gesellschaft in Österreich verändert. Aber es schadet auch nicht.
„Ich bin Iraner – wen kümmert's?“
Interview führte

























