„Ich bin Iraner – wen kümmert's?“
Riahi über die Notwendigkeit einer Selbst-Emanzipation von Migranten
mokant.at: Glauben Sie, dass Berichterstattung über persönliche Schicksale langfristig auch strukturell etwas verändern könnte?
Arash T. Riahi: Ja, wenn Migranten sichtbar in den Medien vorkommen und man unterschiedliche Aspekte sieht, dann verändert es Schritt für Schritt etwas. Im Moment kommen Ausländer hauptsächlich mit den Themen Asylproblematik, Abschiebung, Kriminalität vor. Je mehr man Beispiele von „normalen“ Migranten hat, desto mehr wird das auch zur Normalität für die Bevölkerung. Keiner kann mir weismachen, dass es besser wäre, die persönlichen Geschichten nicht zu zeigen.
mokant.at: Ein Mitarbeiter im Integrationshaus hat erzählt, er könne von hundert rührseligen Einzelschicksalen erzählen, ändern würde das nichts.
Arash T. Riahi: Es ist ein Unterschied, ob jemand darüber erzählt, oder ob die Menschen selbst zu Wort kommen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Migrantenmüssen selbst beginnen sich zu emanzipieren und zu Wort kommen. Sie dürfen sich nicht immer nur einvernehmen lassen, von keiner Seite, nicht von Rechten, nicht von Linken. Man kann nicht alles auf die anderen schieben. Die Sprache ist ein wichtiger Faktor, um sich in der Gesellschaft zu artikulieren. Migranten müssen mit Selbstbewusstsein auftreten und zeigen, dass sie da sind.
mokant.at: Würde die Mehrheitsgesellschaft Migranten mehr akzeptieren, wenn die sich stärker positionieren würden?
Arash T. Riahi: Ich glaube schon. Migranten werden immer von den anderen positioniert und in irgendwelche Schubladen gesteckt. Sie wollten aus dieser Opferrolle herauskommen.
mokant.at: Und wie sollte diese Positionierung konkret aussehen?
Arash T. Riahi: Ich kann nicht sagen, wie die Positionierung jedes einzelnen ausschauen sollte. Das muss jeder für sich entscheiden. Ich bin im Iran geboren, war bis ich neun Jahre alt war dort. Es wäre absurd, dass ich plötzlich ein Österreicher sein sollte. Ich bin im Iran geboren und bin ein Iraner, und ich bin auch zwischen den zwei Kulturen und versuche mir das Beste aus beiden rauszuholen und mich weiter zu entwickeln. Ich bin hier, bin ein Teil der Gesellschaft und versuche mein Bestes zu tun.
Oft ist es so, dass wir Migranten von außen gefragt werden: als was fühlt ihr euch?
Uns interessiert das eigentlich überhaupt nicht. Man ist da, man macht seine Sache, man versucht sein Leben zu meistern. Und okay, ich bin Iraner und jemand anderer Österreicher mit Migrationshintergrund, wen kümmert's? Vielleicht sollte man aufhören, das Ganze überhaupt zu einem Thema zu machen, sondern einfach ganz selbstverständlich als Menschen miteinander leben. Ohne dass die Rechten versuchen, die Migranten schlecht zu machen und ohne dass die sich immer als Opfer sehen.
mokant.at: Aber gerade in einem Film, wie ein „Augenblick Freiheit“ sind die Flüchtlinge auch Opfer …
Arash T. Riahi: Nein, ich sehe das ein bisschen anders. Sie sind natürlich Opfer eines Systems, von dem sie wegwollen, aber sie sind in einem Zwischenstadium, wo sie versuchen, zu einer neuen Emanzipation zu kommen. Sie wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Dass sie an der Bürokratie oder an diversen Dingen scheitern, für die sie nichts können, macht sie nicht zu Opfern. Die geistige Haltung macht einen zum Opfer. Man kann in vielen Situationen anders reagieren und dadurch die Situation ändern. Wenn man in einer Diktatur lebt, dann gibt man irgendwann auf, versucht sich in das Private zurückzuziehen und das private Leben gut zu führen, aber das System denkt für dich. Und wenn du dann raus kommst, ist das auch ein Emanzipationsprozess, ein Lernprozess, wie man sich in der Gesellschaft etablieren kann.
mokant.at: Eine Protagonistin des Films kehrt in den Iran zurück, wie könnte ihr Schicksal aussehen?
Arash T. Riahi: Sie kann durch diese ganze Sache politisiert worden sein und zurückgehen, um den Kampf, den ihr Mann geführt hat, weiter zu führen. Ihre Rückkehr ist ein Statement dafür, dass man unbedingt fliehen muss, sondern dass es auch Menschen gibt, die ihre Umgebung nicht verlassen wollen. Sie bleiben dann dort und kämpfen von innen oder sie leben einfach ihr Leben. Es gibt eine Szene im Film, wo sie und ihr Mann diskutieren undsie fragt: „Warum sind wir nicht dort geblieben und haben versucht, dort etwas zu ändern?“ Und dann sagt er: „Was haben die, die dort geblieben sind, verändert?“
mokant. at: War der Film auch eine Art Verarbeitung Ihrer eigenen Vergangenheit?
Arash T. Riahi: In dem Film geht es mehr um meine Geschwister und um andere Geschichten, weniger um meine persönlicheGeschichte, aber natürlich ist jeder solche Film auch eine Art von Verarbeitung. Diese Verarbeitungen dürfen halt nicht zu persönlich sein sondern sollten universell sein und ich hoffe, dass es gelungen ist, dass es nicht nur meine Familie interessiert.
„Filme verändern Einstellungen“
Link dazu ...
Filmfestival „This Human World“
Interview führte

























