16. Dezember 2010 | Musik

„Alle gehen ab wie Sau“

mokant.at > foto: Peter Unterthurner
„Wir spielen 90 bis 120 Shows im Jahr“, erzählt Jancee Warnick

Die einzige russisch-amerikanische Rock'n'Roll-Band im Interview

 

Für energiegeladene Shows sind The Jancee Pornick Casino von Spanien bis Russland bekannt. Zusammen mit dem Drummer Alexey Kryukov und dem Balalaika-Bassisten Vladimir Martens, produziert Jancee Warnick seit 1999 ein Konglomerat aus Rockabilly, Rock'n'Roll und Surf Rock. Im mokant.at-Interview erzählt die Band bei Pizza und Dosenbier wieso sie zu Weihnachten lieber auf Tour geht als zuhause zu bleiben, wie Kokain ihren ehemaligen Manager unbrauchbar machte und von „kreischenden Weibern“ in der Stadt der Kalaschnikow.

 

mokant.at > foto: Peter Unterthurner

mokant.at: Ihr seid sehr viel auf Tour und spielt sogar an den Weihnachtsfeiertagen Shows. Habt ihr Familie oder kommt das erst später?

Jancee Warnick: Wir haben alle Familie.
Alexey Kryukov: Ich bin zweifacher Vater. Jancee ist vor kurzem auch Vater geworden.

Warnick: Das ist quasi einfach die Tradition. Vor zwei Jahren waren wir auch schon über die Weihnachtsfeiertage in Spanien, das war eine sehr schöne Tour. Es ist normalerweise schwierig montags, dienstags zu spielen und dass trotzdem viele Leute da sind. Das hat letztes Mal super geklappt und das ziehen wir jetzt auf jeden Fall wieder durch. Und da müssen sich dann halt die Familien schon hinten anstellen, das ist einfach so. Das versuchen wir dafür dann, wenn nicht so viel los ist, auszugleichen.

 

mokant.at: Das Cover eures neuen, wiederaufgelegten Albums ist ganz im Stil eines billigen Groschenblattes gehalten. Macht ihr euch ein wenig über das Genre lustig?

Warnick: Es soll wie eine Boulevardzeitung aussehen und diese Stories sind ja alle sehr provokant. Wir haben einfach keinen Bock darauf so glatt gebügelt zu sein. Solche unglaublichen Geschichten wie über Hitlers Penis, der auf eBay versteigert wird, gefallen uns, einfach irgendwie gegen den Mainstream und dieses „Haha, wir haben uns alle lieb“. So ist das gemeint.

 

mokant.at: Kann man das auf eure Musik generell ummünzen?

Warnick: Ja, so ist das eigentlich zu verstehen.

 

mokant.at: Ihr habt inzwischen auch ein eigenes Label, „Gagarinbeat“. Wie kam es neben der Band zur Gründung eines eigenen Labels?

Warnick: Das Label ist zur Zeit eigentlich nur da um unsere eigenen Sachen rauszubringen. Wir haben das gemacht, nachdem wir verschiedene Sachen mit anderen Leuten ausprobiert haben. Wir hatten früher einen Manager, der auch ein Label hatte, und der uns eine Zeit lang ganz gut gepusht und Werbung und solchen Kram organisiert hat. Und dann ist er halt dem Kokain verfallen. Und das war dann halt scheiße. Vorher hatten wir schon ein anders Label, aber die Zusammenarbeit hat, obwohl die Leute dort nett waren, keinen Sinn ergeben. Dann war eigentlich der logische Schritt das einfach mal selber zu versuchen. Und das war dann auch der beste Plattenrelease bis jetzt, auch mit der meisten Werbung und so. Wir haben selber Leuten Geld für's Werbungmachen gegeben und es war dann alles in unserer Hand.

 

mokant.at: Habt ihr jetzt die doppelte Arbeit mit Label und Band oder läuft das glatt nebenher?

Warnick: Die Labelarbeit war quasi nur bei der Veröffentlichung der letzten Platte zu machen. Danach kommt nur noch Bandarbeit, da kommt man dann aber auch gar nicht mehr so viel dazu. Das ist vielleicht auch ein bisschen ein Nachteil, darum müssen wir uns bei der neuen Platte überlegen, wie wir das alles machen. Ob wir das wieder selber machen oder ob wir uns dafür noch jemanden suchen sollen. Wenn wir's wieder selber machen, fängt eben wieder die Labelarbeit an, dann müssen wir vielleicht auch mal ein Video drehen – aber das müssen wir sowieso.

 

mokant.at: Zu eurem Lied „Schwarze Seele“?
Warnick: Ja, wir haben mal versucht zu „Schwarze Seele“ ein Video zu machen, vielleicht erscheint das auch irgendwann mal. Aber das liegt bis jetzt noch so halbfertig in der Schublade. Das ist ein bisschen schade, aber das ist damals irgendwie nie so richtig fertig geworden.

 

mokant.at > foto: Peter Unterthurner

mokant.at: Ihr habt bis jetzt nur eigene Releases auf dem Label gehabt. Besteht in der Zukunft auch die Möglichkeit Platten von anderen Bands auf eurem Label zu veröffentlichen?

Warnick: Wenn uns eine Band super geil gefallen würde, die sich auch selbst trägt ... Bei uns ist es halt so, dass wir im Jahr ungefähr neunzig bis 120 Shows spielen und da auch ständig Zeug verkaufen. Oft lernen wir Bands kennen, die wir geil finden, bei denen es aber schwierig wäre. Die spielen dann manchmal nur zehn Shows im Jahr und, das hast du ja vielleicht auch schon mitgekriegt, du verkaufst jetzt nicht mehr so viele Platten. Du musst also die ganze Zeit spielen und dich präsentieren.
Kryukov: Diese Zeit mit dem CD-Verkauf ist vorbei. Und das ist gut.

 

mokant.at: Gut? Wie meinst du das?

Kryukov: Ich finde das gut, denn dann spielt man mehr live. Dann wird man nicht so faul. Es gibt so viele Bands, die nur im Studio aufnehmen und nie live spielen.
Warnick: Das sehe ich auch so.

 

mokant.at: Wenn man einen breiten Querschnitt eurer Musik zieht, geht es viel um Mädchen, Trinken und Spaß. Habt ihr nicht manchmal auch Lust traurigere Musik zu spielen?

Kryukov: „Schwarze Seele“ ist ein trauriges Lied. Das ist brutal traurig, trauriger kann es nicht sein. (lacht)

Warnick: Das hängt ja auch immer ein bisschen zusammen, die Komödie und die Tragödie sind ja manchmal gar nicht so weit voneinander entfernt. Aber so richtige Balladen und so 'nen Kram, das habe ich früher geschrieben, auch mal Trauriges und Romantisches. Durch dieses Live-Business sind bei uns aber immer mehr solche Lieder rausgeflogen, weil wir uns dachten „Die wollen jetzt lieber Party“. Irgendwie ist das oft schwierig. Man muss abwarten, worauf wir Bock haben. Die neue Platte ist sehr gemischt. Natürlich schon Rockmusik und unser Pornick-Casino-Style, aber trotzdem ... Traurige Lieder? Vielleicht ist alles traurig oder nichts, weiß ich nicht.

 

mokant.at: Seid ihr Autodidakten oder habt ihr eine formelle Musikausbildung?

Kryukov: Ich bin studierter Musiker. Ich habe klassisches Schlagwerk studiert, das hatte ein ziemlich breites Spektrum. Orchesterinstrumente wie Pauken und Marimbaphon, dann noch Jazz-Vibraphon dazu und als drittes noch Drumset. Aber ich spiele nicht mehr im Orchester, vielleicht verwende ich mal Congas fürs Pornick Casino. (lacht)

 

mokant.at: Beeindruckend. Das erklärt, warum euer italienischer Booker dich mit der Zeile „plays batterias like machine gun“ bewirbt.

Warnick: Ja, stimmt.

Kryukov: Ja, inzwischen lieber Rock'n'Roll.

 

mokant.at > foto: Peter Unterthurner

mokant.at: Vladimir, hast du etwas in die Richtung studiert oder hast du es dir selbst beigebracht?
Vladimir Martens: Nein, selber. Autodidaktik.

Warnick: Ja, ich auch. Ich hatte mal vor 28 Jahren ein paar Gitarrenstunden, aber seitdem hab ich mir das alles selbst beigebracht. Ich versuchte einfach Platten und Musiker, die ich geil finde, nachzuspielen. Als ich ein Teenager war, fand ich auch so Hard-Rock-Sachen cool, aber als dann die Grunge-Welle kam, ich bin ja in Orgegon aufgewachsen, fand ich das irgendwie doof. Dann bin ich so auf den Country, Rockabilly-Trip gekommen und bin da auch noch immer drauf. Ich finde die ganze Gitarrenscheiße von den Country-Leuten sehr interessant und das fließt auch in mein Spiel ein.

Kryukov: Grunge war auch zu traurig.
Warnick: Das ist wahr.

 

mokant.at: Ihr habt Iron Maiden und Elvis gecovert und in einem Interview hast du erwähnt, dass du Motörhead magst. Schwingt bei euch ein bisschen die Nostalgie an alte Zeiten mit oder könnt ihr auch mit neuerer Musik etwas anfangen?

Warnick: Kommt drauf an, mehr so Underground-Sachen. Mir gefallen schon auch neuere Bands, aber die sind oft nicht so bekannt. Leute, die noch viel puristischer als wir sind, die machen dann so 60's-Musik wie die österreichischen The Staggers, die gefallen mir zum Beispiel auch. Oder Holly Golightly aus England, auch so 60's-Kram. Aber nicht so wirklich MTV-Zeug, ich habe auch keine genaue Ahnung was da so läuft. Wie heißt nochmal die eine Engländerin, die so viele Drogen nimmt?

 

mokant.at: Amy Winehouse?

Warnick: Ja genau. Die finde ich zum Beispiel ganz okay. Oder das eine oder andere moderne Lied gefällt mir auch. Das finde ich nicht alles komplett scheiße. In der deutschen Musik finde ich zum Beispiel Helge Schneider gut, musikalisch und auch vom Entertainment her. Ansonsten aber echt viel den alten Scheiß.

 

mokant.at: Wahrscheinlich kommen daher auch deine musikalischen Vorbilder?
Warnick: Ja. Aber halt auch so aus dem Country-Bereich, Alternative Country, das kennt man hier nicht so. Da finde ich zum Beispiel einen Gitarristen geil, Junior Brown, der spielt so Steel-Guitar-Sachen. Den kennt hier kein Schwein, die Szene ist sehr klein. Mir gefallen halt nicht die großen, glattproduzierten Sachen.

 

mokant.at: Wie sieht es aus mit Sex, Drugs & Rock'n'Roll im Jahr 2010? Hat sich das Konzept nicht schon in den 1960er-Jahren etwas totgelaufen oder läuft das noch?

Warnick: Ähm, alles gut. Also Drugs haben wir eigentlich recht wenig, nur ein paar Erfahrungen. Die anderen Sachen laufen alle genau so wie es soll.

 

mokant.at: Wie es soll, also ... (Band lacht) Wie gesagt, ihr habt ja inzwischen alle Familie ...

Warnick: Ja klar, natürlich. Der Rock'n'Roll läuft halt. Und zu Drugs: Alkohol ist ja auch eine Droge, und davon ist unsere Band schon vollgesogen.

 

mokant.at: Ist das Russische also mit dem Trinken schon irgendwie gekoppelt? In euren Tourdiaries, besonders während der Russland-Tour, habt ihr ja recht viel darüber geschrieben.

Warnick: Ja, das ist wirklich ein Bestandteil. Man muss dann eben immer abwägen wie viel. Dann ist hier mal zuviel, dann dort zuviel und dann nochmal zuviel – dann musst du mal wieder ganz runterfahren. Aber wir haben ja jetzt seit vier Monaten auch einen dabei, der überhaupt keinen Alkohol trinkt, Alexey, das ist auch mal eine ganz neue Erfahrung für uns und auch ganz geil.

 

mokant.at > foto: Peter Unterthurner

mokant.at: Vor den Konzerten eher weniger und danach mehr?
Warnick: Nein, also du kannst ja irgendwie davor nicht ...

Kryukov: Komm drauf an! (Lachen)

Warnick: Ja, komm drauf an. Also vor zehn Jahren haben wir auch mal eine halbe Flasche Schnaps vor dem Konzert getrunken, aber wenn du schon drei bis sechs Stunden vor dem Konzert zu saufen beginnst, geht dann halt nichts mehr. Die Erfahrung macht man dann auch eben ein, zwei Mal und dann macht man das nicht mehr. Beim und nach dem Konzert.

 

mokant.at: Passiert das Songwriting eher im Kollektiv oder geht das von einer Person aus? Habt ihr einen Hauptsongwriter?

Warnick: Es ist eigentlich immer so, dass ich die Sachen schreibe und wir machen dann zusammen ein Arrangement. Ich spiele ihnen das vor, dann sagen wir, dieser Schlag muss da und dorthin, und das arrangieren wir dann zusammen ziemlich aus. Wenn es klappt, gut, manchmal sagen sie auch „Ne, das ist scheiße“, dann kommt der Song in die Tonne.

 

mokant.at: Ihr tourt ja viel durch Europa und wart auch in Russland. Wie hat das Publikum in Russland auf euren Sound reagiert?

Warnick: Wenig Applaus und viel Getanze. Alle gehen ab wie Sau und danach wird wenig geklatscht. Obwohl das ist auch von den Städten her ganz unterschiedlich. Letzten April hatten wir ein paar ganz miese Auftritte vor ungefähr fünf Leuten, wie in unserer Anfangszeit. Und an den Wochenenden waren wieder die Highlights, wo alles stimmt. Am besten waren diese kleineren Städte in Russland. Was mir noch gut in Erinnerung ist, ist die Stadt Tula, in der die Kalaschnikows gebaut werden, 200 Kilometer entfernt von Moskau. Da sind wir hingekommen und die dachten dann irgendwie so, dass wir die Beatles sind. Da wirst du dann abgeholt und alles ist total toll. Wir haben da ein bisschen Show gemacht, haben uns auf die Tische gestellt und da waren dann wirklich kreischende Weiber, alle rasteten aus - das war schon sehr beeindruckend und sehr schön.

 

Mokan.at: Kommt Amerika auch noch an die Reihe?
Warnick: Da müssen wir auf jeden Fall mal hin. Aber das ist irgendwie noch ein größerer Schritt. Wir machen ja auch Kohle damit und versuchen davon zu leben. Das Ding ist halt, dass wir in Amerika wieder von Null anfangen müssten. Wir haben dort schon ein paar Kontakte und ein paar Leute, aber wie gesagt, das ist ein größeres Projekt.


Erzähle von uns:


 

Kommentare (0)






Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen: