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Die Viennale 2010 ist vorüber,
Miha Veingerl zieht eine Schlussbilanz
Die Viennale 2010 ist Geschichte. Es verbleiben einerseits viele hartnäckige Bilder im Gedächtnis, andererseits die Vorfreude auf nächstes Jahr. Am Rande des Festivals wurden auch heuer wieder Preise verteilt. Die Gewinner des Wiener Filmpreises sind dieses Jahr „Rammbock“ (Marvin Kren, 2010) als bester Spielfim und „Kick Off“ (Hüseyin Tabak, 2009) als bester Dokumentarfilm, „Die verrückte Welt der Ute Bock“ von Houchang Allahyari erhielt eine lobende Erwähnung. Die Filmkritikerjury verlieh den FIPRESCI-Preis an „Periferic“ (Bogdan George Apetri, 2010), die Publikumsjury des Standards hingegen ihren Preis an „Marwencol“ (Jeff Malmberg, 2010) und eine lobende Erwähnung an „El sicario, Room 164“ von Gianfranco Rosi. Wir gratulieren und liefern euch noch drei Vorschläge für sehenswerte Filme. Alle handeln von Außenseitern – und alle werden demnächst auf österreichischen Leinwänden ihre Ideale und Ideen verstreuen.
Attenberg (Athina Rachel Tsangari, 2010)
Marina ist eine junge Frau, die in einem industriellen Küstenort in Griechenland aufwächst. Wortwörtlich, denn während sie ihren schwerkranken Vater beim Sterben begleitet und mit ihrer besten Freundin rumalbert, lernt sie über Konfrontationen mit ihrer Umwelt, ohne Umwege und immer mit einem Augenzwinkern, die wichtigsten Lektionen des Lebens. Die Art von Filmen, die viele Leute nicht mögen, weil angeblich die meiste Zeit nichts Wesentliches passiert – aber ist nicht gerade das realitätsnah? Irgendwo dazwischen entwickelt sich doch die Persönlichkeit der Hauptfigur weiter. Trotzdem sind es ihre leidenschaftlichen, „unangepassten“ Handlungen, die meist an falschen Stellen die größten Lacher im Kinosaal hervorbringen. „Attenberg“ ist dem ersten kurzweiligen Eindruck zu trotz ein Film, bei dem man wirklich zusehen und zuhören sollte – auch der Musik, die ein eigenständiger Erzähler ist. Es ist ein Film über die Monty Python ähnlichen Ventile, die man braucht, um den eigenen Verstand zu bewahren, ohne den man im komplexen Alltag verloren ist – und der Film versteht sich selbst als Zufluchtsort. Darüber hinaus ist „Attenberg“ eine der schönsten Geschichten über Vater-Tochter-Beziehungen, die die Leinwand bisher erleuchteten. Kurzum: es ist ein humanistisches Quasi-Dokumentarmusical mit Liebe zum erforschten Subjekt. Eben die Art von Filmen, die heutzutage wirklich zu selten sind.
Tournée (Mathieu Amalric, 2010)
Einmal ein Produzent, immer ein Produzent: Joachim findet in den USA eine neue Bühnenattraktion und exportiert sie erfolgssicher für eine Tournee in sein Heimatland Frankreich, mit dem gesehnten „grande finale“ in Paris. Dabei hat er jedoch zwei Dinge verdrängt: 1. Paris hat seine eigenen Gesetze, 2. niemand mag Joachim. „There is no business like show business“.Es sind schon einige Jahrzehnte vergangen, seit man am Broadway zu dieser Einsicht gelangte. Das spätestens seit seiner Jagd auf James Bond im letzten Teil der Franchise allseits bekannte Gesicht des internationalen Kinos, Mathieu Amalric, begibt sich aber nun weg von den kleinen Göttern des Starsystems. Im bisherigen Höhepunkt seiner Regielaufbahn porträtiert er lieber die Feen des „New Burlesque“, des humorvoll-erotischen Varietés, der spätestens seit dem Bad Dita von Teeses in einem übergrößen Martiniglas endgültig in der Popkultur angekommen ist. Vom Thema – der Studie einer weiteren amerikanischen Subkultur – abgesehen bietet „Tournée“ inhaltlich wenig Neues: es ist wieder die Geschichte über moderne Höhen und Tiefen kreativer Leute. Andererseits besitzt er jedoch den gewissen europäischen „touch“, eine sehr stimmige Regie, die die Geschichte langsam und gekonnt entfaltet, und einen wunderbaren Soundtrack, der noch das I-Tüpfelchen auf diesen sowieso schon unterhaltsamen Film gibt.
Svet-ake/The Light Thief
(Aktan Arym Kubat, 2010)
Der Mann, den sie „Herr des Lichts“ nennen, ist der Elektriker in einem kleinen kirgisischen Dorf. Mit Liebe zu seiner Arbeit, seiner Familie und seinem Dorf versucht er ständig Wege zu finden, um seinen Leuten zu helfen. Doch auch in der Steppe kann man Prüfungen der moralischen Standhaftigkeit nicht entfliehen. Es ist ein starker Kontrast, der durch diesen Film weht. Eigentlich ein Kampf zwischen Kultur und Natur. Auf der einen Seite ist der Elektriker, der Meister und Liebhaber der Natur, einschließlich der Menschen. Er ist der Inbegriff der Ehrlichkeit und kann sich nicht verstellen, auch wenn es um seine Schwächen geht. Auf der anderen Seite ist die durch Gier in Zeiten der Transition der Gesellschaftssysteme getriebene Elite, die Vertreter der Kultur. Sie wollen zwar das Dorf weiterentwickeln, jedoch natürlich nicht nur aus Menschenliebe. Dafür ist ihnen jedes Spiel und jedes Opfer recht. „Svet-ake“ ist in dieser Hinsicht ein politischer Film, dessen Geschichte in ihrem kleinen Rahmen schmerzhaft aktuell und universell ist, was auch ein Vergleich mit den Rezensionen der vorigen Woche beweist. Es ist eine Allegorie und ein Film über vergessene Länder – auf jeden Fall ist es jedoch ein weiterer Vorschlag für die Liste der Lieblingsfilme eines jeden Antiglobalisten.
Passend dazu ...
Viennale: Take I
Viennale: Intro
Link dazu ...
Viennale
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