Kunst beginnt auf der Straße
Von lustigen Klosprüchen bis hin zu bunten Graffitis: Street Art hat eine lange Geschichte
Wir befinden uns unter einer der vielen Brücken des Donaukanals. Es riecht nach öffentlichen Toiletten. Auf dem Boden liegt ein zusammengeknülltes Aluminiumpapier, dem sich ein Stück Tageszeitung unauffällig anzunähern versucht. Jemand hat etwas Klebriges verschüttet, das ich jetzt, als Erinnerung, den ganzen Tag auf meinem Schuh mit mir herumtragen darf. Auf der Wand stehen obszöne Sprüche, alle ähnlichen Inhalts. Den Autor sehe ich bildlich vor mir stehen. Er bläst zu gleichen Teilen Zigarettenrauch und Schnapsfahne in meine Richtung und kratzt sich alle paar Minuten mal am Hintern. „Wozu diese Klosprüche?“ frage ich das Trugbild in meinem Kopf und erhalte, wie erwartet, keine Antwort. Doch kaum einige Meter weiter, blitzt mir ein Eimer Regenbogen ins Gesicht. Fasziniert stehe ich vor einem der vielen Graffitis, die den Donaukanal schmücken.
Kunst ist überall
„Street Art“, oder zu Deutsch „Straßenkunst“ setzt sich nicht nur aus
eilig daher geschmierten Graffitis oder Toilettensprüchen zusammen, wie
wir sie bereits zu hunderten von Aufzügen und U-Bahn-Stationen kennen,
sondern ist Überbegriff für jene Kunst, die im öffentlichen Raum
„ausgestellt“ und präsentiert wird und bei der der künstlerische
Anspruch und die politische Aussage meist im Vordergrund stehen. Manche
Straßenkünstler verwenden Aufkleber und Poster um ihre Werke vielfach
im Außenraum anzubringen, andere fertigen zum selben Zweck wieder
verwendbare, sogenannte Stencils-Schablonen, die besprüht werden, an.
Wiederum andere verwenden Mosaiksteine, die zusammengesetzt ein Bild
ergeben.
Hierzu gehört zum Beispiel der bekannte Street-Art-Künstler, der unter
dem Synonym „Invader“ mit seinen Mosaik-Space-Invaders bekannt wurde
und dessen Werke in Wien auf vielen Hauswänden zu finden sind (Tipp:
Neubaugasse). Einige beschäftigen sich mit sehr zeitaufwändigen,
einzigartigen Graffitis, weiters gibt es aber auch Künstler, die es
vorziehen, ihre Werke zuhause oder im Atelier anzufertigen und dann nur
noch im Außenbereich zu montieren – das können sowohl Leinwände als
auch durch Strom betriebene Gegenstände sein. Als “Ausstellungsfläche“
dienen Wände, Stromkästen, Bürgersteige und nicht zuletzt auch Bäume –
jeder Untergrund kann verwendet werden.
Gejagt und gefördert
Dass Straßenkünstler meist unter einem Decknamen beziehungsweise
Künstlernamen arbeiten, wird schnell verständlich, wenn man sich die
Gesetzeslage ansieht. Nicht gerade selten werden öffentliche Gebäude
illegal angemalt, bestrayed oder beklebt und das führt natürlich zu
polizeilichen Eingriffen und Einträgen im Strafregister.
In London und New York gibt es sogar bereits eigene Spezialeinheiten,
die Street-Art-Künstler verfolgen um den „Vandalismus“ zu unterbinden
und zu bestrafen. Auch in Wien ist Sprayen im öffentlichen Raum
verboten, doch mit der Zeit wurde es möglich, einen Mittelweg zu finden
und die Künstler schließlich zu unterstützen. Das Projekt „Wienerwand“
beispielsweise ermöglicht es den Künstlern Wandflächen zu nutzen, die
sie ganz offiziell verwenden können. Auch die „Street Art Passage
Vienna“ im Museumsquartier macht solche „Ausstellungen“ im
halböffentlichen Raum möglich.
Es war einmal …
Die ersten Graffitis erblickten im Alten Ägypten das Licht der Welt und
waren nicht mehr als gekratzte Inschriften auf Gräbern, Felsen und
Statuen, die oft einen religiösen Inhalt hatten. Damit sind jedoch bloß
private Schriften gemeint und nicht diejenigen, Aufwändigen, die wir
von typischen, ägyptischen Gräbern kennen. Doch nicht nur die Ägypter
hatten zu ihrer Zeit bereits Vorläufer von Graffitis. Auch in vielen
römischen Städten wie zum Beispiel Pompeji wurden Graffitis
nachgewiesen und boten einen Einblick in das damalige Leben und den
Alltag der Bewohner. Man fand neben kämpfenden Gladiatoren und anderen
Karikaturen auch Bilder und Inschriften sexuellen Inhalts oder den
Namen des Autors, wie es auch bei modernen Graffitis häufig der Fall
ist. Oft waren Graffitis auch Lobpreisungen an Gastgeber und Wirte und
wurden nicht als etwas Abfälliges angesehen.
Akademische Graffitis
Graffitis sind, rückblickend betrachtet ,äußerst wichtige
Informationsquellen für Historiker, denn sie geben eine Auskunft
darüber wie groß der Anteil der Bevölkerung war, der zum damaligen
Zeitpunkt das Schreiben und Lesen beherrschte und natürlich auch
darüber, wohin die einzelnen Bevölkerungen sich ausweiteten und
weiterzogen. Es gibt einige, besonders interessante Aufzeichnungen von
Graffitis. Zum Beispiel ritzte der Mathematiker William Rowan Hamilton
1843 seine Multiplikationsformel in den Stein der „Dubliner Broom
Bridge“, um die Lösung festzuhalten, die ihm dort nach Jahren ganz
plötzlich in den Sinn gekommen war. Heute steht ihm zu Ehren an dem Ort
eine Gedenktafel. Ein weiteres, bekanntes Graffiti stammt von Mao
Zedong, der sich in den Waschräumen seiner Universität mit einer über
viertausend Zeichen langen Schmähschrift über seine Lehrer verewigte
und damit den Weltrekord für das Graffiti mit den meisten Zeichen
bestreitet. Das wohl bekannteste Graffiti ist das 1958 entstandene
Peace-Zeichen.
Nachdem die Entwicklung des Graffitis vom amerikanischen Ganggraffiti
und „Tagging“ langsam in technisch ausgereifte Richtungen überging,
entwickelte sich es sich in Europa relativ unabhängig und nahm ganz
andere Ausdrucksformen an. Hier wurde nicht der Name des Künstlers zum
Basiselement der Graffitis, sondern vielmehr ein bildliches Motiv.
Besonders Paris stach hierbei mit künstlerischen Variationen und
ausgefallenen Künstlern hervor.
Zinken und Geheimzeichen
Außer Stencils und Graffiti gibt es noch ein paar andere Kuriositäten,
die man auf der Straße finden kann – dazu gehören die sogenannten
Zinken. Das Wort „Zinken“ wird von dem lateinischen Wort für „Zeichen“
abgeleitet und war ursprünglich eine Geheimsprache des „fahrenden
Volks“ – Reisender, aber oft auch Bettler, Gauner und Diebe. Die Zinken
entstanden im zwölften Jahrhundert um sich von den Sesshaften
abzugrenzen und sich untereinander zu verständigen. Sogenannte
Mitteilungszinken informierten zum Beispiel über günstige Gelegenheiten
zum Betteln, mögliche Schlafplätze oder kostenlose Mahlzeiten. Manchmal
gaben sie auch Auskünfte darüber, ob an diesem Ort kriminelle
Aktivitäten günstig sind. Erkennungszinken wurden zur Identifikation
verwendet und Richtungszinken gaben an, in welche Richtung die Personen
weitergezogen waren.
Diese Form von Geheimsprache wird auch noch heute verwendet, um zum
Beispiel über offenes W-LAN zu informieren, manchmal sind sogar die
Zugangsdaten verschlüsselt angegeben.
Künstler im Putzwahn
Eine etwas andere Form des Graffitis ist das „Reverse Graffiti“ – das umgekehrte Graffiti. Hierbei wird eine Tunnelwand oder eine Straße gereinigt und damit ein negatives Bild „gezeichnet“. Man benötigt lediglich Lappen, Bürsten, Wasser und manchmal etwas Lösungsmittel. Oft werden auch eine Schablone und ein Hochdruckreiniger verwendet. Diese Art von Kunst wird besonders gerne von Umweltinitiativen verwendet, denn die Bilder dienen dazu, auf die Verschmutzung aufmerksam zu machen und sind gleichzeitig umweltfreundlich, da nur mit Wasser gearbeitet wird. Da die Künstler die Oberflächen nicht wie im Fall von Graffiti-Werken „verschmutzen“, sondern lediglich einen Teil des Untergrundes putzen, gilt „Reverse Graffiti“ auch in den meisten Fällen als legal. Die genaue Rechtslage ist jedoch nicht geklärt. Wie lange so ein „Reverse Graffiti“ hält, bevor es wieder im Straßenschmutz verschwindet, ist abhängig davon, wie schnell sich dort neue Kohlenstoffpartikel anlagern – grundsätzlich hat es eine Lebensdauer von sechs Wochen bis zu einem halben Jahr, bis es nicht mehr erkennbar ist.
Street Art
Link dazu ...
Erste Urban Art Galerie Wiens
Urban Art Map (PDF)
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