03. November 2010 | Kultur

Kunst beginnt auf der Straße

mokant.at > foto: alexandra gritsevskaja
Ganz Wien ist mit Street Art, legaler und illegaler, geschmückt

Von lustigen Klosprüchen bis hin zu bunten Graffitis: Street Art hat eine lange Geschichte

 

Wir befinden uns unter einer der vielen Brücken des Donaukanals. Es riecht nach öffentlichen Toiletten. Auf dem Boden liegt ein zusammengeknülltes Aluminiumpapier, dem sich ein Stück Tageszeitung unauffällig anzunähern versucht. Jemand hat etwas Klebriges verschüttet, das ich jetzt, als Erinnerung, den ganzen Tag auf meinem Schuh mit mir herumtragen darf. Auf der Wand stehen obszöne Sprüche, alle ähnlichen Inhalts. Den Autor sehe ich bildlich vor mir stehen. Er bläst zu gleichen Teilen Zigarettenrauch und Schnapsfahne in meine Richtung und kratzt sich alle paar Minuten mal am Hintern. „Wozu diese Klosprüche?“ frage ich das Trugbild in meinem Kopf und erhalte, wie erwartet, keine Antwort. Doch kaum einige Meter weiter, blitzt mir ein Eimer Regenbogen ins Gesicht. Fasziniert stehe ich vor einem der vielen Graffitis, die den Donaukanal schmücken.

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Kunst ist überall
„Street Art“, oder zu Deutsch „Straßenkunst“ setzt sich nicht nur aus eilig daher geschmierten Graffitis oder Toilettensprüchen zusammen, wie wir sie bereits zu hunderten von Aufzügen und U-Bahn-Stationen kennen, sondern ist Überbegriff für jene Kunst, die im öffentlichen Raum „ausgestellt“ und präsentiert wird und bei der der künstlerische Anspruch und die politische Aussage meist im Vordergrund stehen. Manche Straßenkünstler verwenden Aufkleber und Poster um ihre Werke vielfach im Außenraum anzubringen, andere fertigen zum selben Zweck wieder verwendbare, sogenannte Stencils-Schablonen, die besprüht werden, an. Wiederum andere verwenden Mosaiksteine, die zusammengesetzt ein Bild ergeben.

Hierzu gehört zum Beispiel der bekannte Street-Art-Künstler, der unter dem Synonym „Invader“ mit seinen Mosaik-Space-Invaders bekannt wurde und dessen Werke in Wien auf vielen Hauswänden zu finden sind (Tipp: Neubaugasse). Einige beschäftigen sich mit sehr zeitaufwändigen, einzigartigen Graffitis, weiters gibt es aber auch Künstler, die es vorziehen, ihre Werke zuhause oder im Atelier anzufertigen und dann nur noch im Außenbereich zu montieren – das können sowohl Leinwände als auch durch Strom betriebene Gegenstände sein. Als “Ausstellungsfläche“ dienen Wände, Stromkästen, Bürgersteige und nicht zuletzt auch Bäume – jeder Untergrund kann verwendet werden.

Gejagt und gefördert
Dass Straßenkünstler meist unter einem Decknamen beziehungsweise Künstlernamen arbeiten, wird schnell verständlich, wenn man sich die Gesetzeslage ansieht. Nicht gerade selten werden öffentliche Gebäude illegal angemalt, bestrayed oder beklebt und das führt natürlich zu polizeilichen Eingriffen und Einträgen im Strafregister.

In London und New York gibt es sogar bereits eigene Spezialeinheiten, die Street-Art-Künstler verfolgen um den „Vandalismus“ zu unterbinden und zu bestrafen. Auch in Wien ist Sprayen im öffentlichen Raum verboten, doch mit der Zeit wurde es möglich, einen Mittelweg zu finden und die Künstler schließlich zu unterstützen. Das Projekt „Wienerwand“ beispielsweise ermöglicht es den Künstlern Wandflächen zu nutzen, die sie ganz offiziell verwenden können. Auch die „Street Art Passage Vienna“ im Museumsquartier macht solche „Ausstellungen“ im halböffentlichen Raum möglich.

 

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Es war einmal …
Die ersten Graffitis erblickten im Alten Ägypten das Licht der Welt und waren nicht mehr als gekratzte Inschriften auf Gräbern, Felsen und Statuen, die oft einen religiösen Inhalt hatten. Damit sind jedoch bloß private Schriften gemeint und nicht diejenigen, Aufwändigen, die wir von typischen, ägyptischen Gräbern kennen. Doch nicht nur die Ägypter hatten zu ihrer Zeit bereits Vorläufer von Graffitis. Auch in vielen römischen Städten wie zum Beispiel Pompeji wurden Graffitis nachgewiesen und boten einen Einblick in das damalige Leben und den Alltag der Bewohner. Man fand neben kämpfenden Gladiatoren und anderen Karikaturen auch Bilder und Inschriften sexuellen Inhalts oder den Namen des Autors, wie es auch bei modernen Graffitis häufig der Fall ist. Oft waren Graffitis auch Lobpreisungen an Gastgeber und Wirte und wurden nicht als etwas Abfälliges angesehen.

Akademische Graffitis
Graffitis sind, rückblickend betrachtet ,äußerst wichtige Informationsquellen für Historiker, denn sie geben eine Auskunft darüber wie groß der Anteil der Bevölkerung war, der zum damaligen Zeitpunkt das Schreiben und Lesen beherrschte und natürlich auch darüber, wohin die einzelnen Bevölkerungen sich ausweiteten und weiterzogen. Es gibt einige, besonders interessante Aufzeichnungen von Graffitis. Zum Beispiel ritzte der Mathematiker William Rowan Hamilton 1843 seine Multiplikationsformel in den Stein der „Dubliner Broom Bridge“, um die Lösung festzuhalten, die ihm dort nach Jahren ganz plötzlich in den Sinn gekommen war. Heute steht ihm zu Ehren an dem Ort eine Gedenktafel. Ein weiteres, bekanntes Graffiti stammt von Mao Zedong, der sich in den Waschräumen seiner Universität mit einer über viertausend Zeichen langen Schmähschrift über seine Lehrer verewigte und damit den Weltrekord für das Graffiti mit den meisten Zeichen bestreitet. Das wohl bekannteste Graffiti ist das 1958 entstandene Peace-Zeichen.

Nachdem die Entwicklung des Graffitis vom amerikanischen Ganggraffiti und „Tagging“ langsam in technisch ausgereifte Richtungen überging, entwickelte sich es sich in Europa relativ unabhängig und nahm ganz andere Ausdrucksformen an. Hier wurde nicht der Name des Künstlers zum Basiselement der Graffitis, sondern vielmehr ein bildliches Motiv. Besonders Paris stach hierbei mit künstlerischen Variationen und ausgefallenen Künstlern hervor.

 

mokant.at > foto: alexandra gritsevskajar

Zinken und Geheimzeichen

Außer Stencils und Graffiti gibt es noch ein paar andere Kuriositäten, die man auf der Straße finden kann – dazu gehören die sogenannten Zinken. Das Wort „Zinken“ wird von dem lateinischen Wort für „Zeichen“ abgeleitet und war ursprünglich eine Geheimsprache des „fahrenden Volks“ – Reisender, aber oft auch Bettler, Gauner und Diebe. Die Zinken entstanden im zwölften Jahrhundert um sich von den Sesshaften abzugrenzen und sich untereinander zu verständigen. Sogenannte Mitteilungszinken informierten zum Beispiel über günstige Gelegenheiten zum Betteln, mögliche Schlafplätze oder kostenlose Mahlzeiten. Manchmal gaben sie auch Auskünfte darüber, ob an diesem Ort kriminelle Aktivitäten günstig sind. Erkennungszinken wurden zur Identifikation verwendet und Richtungszinken gaben an, in welche Richtung die Personen weitergezogen waren.

Diese Form von Geheimsprache wird auch noch heute verwendet, um zum Beispiel über offenes W-LAN zu informieren, manchmal sind sogar die Zugangsdaten verschlüsselt angegeben.

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Künstler im Putzwahn

Eine etwas andere Form des Graffitis ist das „Reverse Graffiti“ – das umgekehrte Graffiti. Hierbei wird eine Tunnelwand oder eine Straße gereinigt und damit ein negatives Bild „gezeichnet“. Man benötigt lediglich Lappen, Bürsten, Wasser und manchmal etwas Lösungsmittel. Oft werden auch eine Schablone und ein Hochdruckreiniger verwendet. Diese Art von Kunst wird besonders gerne von Umweltinitiativen verwendet, denn die Bilder dienen dazu, auf die Verschmutzung aufmerksam zu machen und sind gleichzeitig umweltfreundlich, da nur mit Wasser gearbeitet wird. Da die Künstler die Oberflächen nicht wie im Fall von Graffiti-Werken „verschmutzen“, sondern lediglich einen Teil des Untergrundes putzen, gilt „Reverse Graffiti“ auch in den meisten Fällen als legal. Die genaue Rechtslage ist jedoch nicht geklärt. Wie lange so ein „Reverse Graffiti“ hält, bevor es wieder im Straßenschmutz verschwindet, ist abhängig davon, wie schnell sich dort neue Kohlenstoffpartikel anlagern – grundsätzlich hat es eine Lebensdauer von sechs Wochen bis zu einem halben Jahr, bis es nicht mehr erkennbar ist.

 

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Fotos: mokant.at/Alexandra Gritsevskaja (4),flickr.com/yeowatzup

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