26. November 2010 | Gesellschaft

Das Jahr ausspielen lassen

mokant.at > foto: roman stoiber
Am Spielefest darf jedes Jahr im großen Rahmen gespielt werden

Auf die Würfel, fertig, los: Die Spielemesse erfreut Jung und Alt. Aber wieso eigentlich?

 

Irgendwie seltsam mutet einem die Zeit zwischen dem Feiertagsdoppel, Allerheiligen und Allerseelen – das mit Halloween am letzten Oktobertag einem gefühlten Tripel anmaßt –, und dem ersten Adventwochenende an. Weder Fisch noch Fleisch, oder so ähnlich. Aber nicht nur Laternenumzug und Martinigansvöllerei sind für diese knapp drei Wochen charakteristisch. Weihnachtsmärkte schießen wie Pilze aus den Boden, die Luft ist geschwängert mit Glühweinduft und die qualitativ hochwertigen Nachrichtenbeiträge über die Kombination Punschtrinken und Autofahren und wie der erste Schnee Österreichs Straßen lahm legt, prägen regelmäßig die Voradventzeit.

 

Ebenfalls alle Jahre wieder fällt in diese Zeitspanne das Spielefest im Austria Center in Wien. Veranstaltet vom IG Spiele, einem Non-Profit-Verein, stellt dieser Event einen Fixpunkt im Kalender tausender Spielebegeisterter dar. Neben dem Angebot aus einer umfangreichen Spielothek sowohl Klassiker als auch neue Spiele zu wählen und sogleich zu testen, stehen den Besuchern auch Rollenspielmöglichkeiten, Meisterschaften verschiedenster Art und Servicestellen zur Verfügung. Auch die Präsentation der prämierten Spiele 2010 ist ein wichtiger Punkt im Eventablauf der Veranstaltung. Spiele wie „Atlantis“ oder „Dixit“ werden Spielefans noch länger begleiten und wohl unter dem einen oder anderen Weihnachtsbaum landen.

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Spielklassiker und -neuheiten
Die Trends, die seit Jahren feststellbar sind, können auch im Jahr 2010 beobachtet werden. Einerseits versuchen Klassiker – „Monopoly“, „Trivial Pursuit“, „Wizzard“, „Carcassonne“ oder „Dominion“ – der Spielebranche durch Erweiterungen, Neuauflagen und Adaptierungen weiterhin den Stempel aufzudrücken. Andererseits konnten auch wieder einige interessante Senkrechtstarter gefunden werden, die sich jedoch bezüglich Spielidee und Ablauf zumeist an älteren Spielen orientieren. Als Ausnahme kann an dieser Stelle wirklich das Spiel des Jahres, „Dixit“, angeführt werden, das durch ein kreatives Momentum eine althergebrachte Spielvariante von Grund auf verändert hat. Inwiefern sich ein Langzeitspielspaß einstellt, steht jedoch in den Sternen, ist das Spielprinzip ähnlich jenem von „Nobody's Perfect“ oder „Personality“. Diese weisen aber vor allem in der immer gleichen Spielrunde einen hohen Grad an Abnutzungserscheinungen auf.

 

Außerdem finden in diesem Jahr auch Interaktionsspiele wieder breiten Anklang. Sowohl der All-time-favourite „Activity“, er erstrahlt durch das Zwanzigjahrjubiläum in neuem Glanz, als auch neue Spielvarianten sorgen für Spannung und direkten Konkurrenzkampf, wie zum Beispiel „Quelf“ oder „Schlag den Raab“. Letzterer soll aus dem Fernsehevent ein Wohnzimmerevent machen, was nur bedingt funktioniert, immerhin kann man in eine einfache Kartonschachtel kein Kölner Gigantenproduktionsteam stopfen. Aber die eine oder andere nette Spielidee ist dann doch in der Box enthalten.

mokant.at > foto: roman stoiber

 

Ausgerüstet mit Tupperware
Das Spielefest besticht nicht nur durch die vielen Attraktionen, sondern auch durch eine Fülle an Angeboten an alle Alterssegmente. Natürlich sind freitags aufgrund der Möglichkeit, dass Hort-, Kindergarten-, und Schulgruppen gratis Einlass gewährt wird und der Tatsache, dass es sich für die meisten um einen regulären Arbeitstag handelt, mehr Kinder als Erwachsene anzutreffen. Auch die Anzahl an Pensionisten ist, das gesamte Wochenende über betrachtet, eher überschaubar. Dass aber Spielen nicht nur etwas für Kinder ist, zeigen die vielen Jugendlichen- und Erwachsenen-Spielgruppen, die bestens ausgestattet mit Nudelsalat in Tupperware, selbst kommentierter Spieleliste und Kühlbox für Getränke, an den Wochenendtagen die Tische besetzten. Das Interesse an der spielerischen Auseinandersetzung sowie der Freude am Spiel im Allgemeinen ist also altersunabhängig, aber wie sieht es mit den jeweiligen Vorlieben aus?

 

 

 

mokant.at > foto: roman stoiber

Gespielt wird immer
Während Kindern, in Anlehnung an Computerspiele und andere Modernisierungsentwicklungen – beispielsweise motorisierte oder sprechende Spiele – der Fun- und Actionanspruch besonders wichtig ist, geht es den Jugendlichen beziehungsweise Erwachsenen um ein konsistentes Spielvergnügen. Forderungen wie ein nachvollziehbares Regelwerk, eine qualitative Ausstattung, eine mit Details versehene Aufmachung sowie Hintergrundgeschichte und Abwechslungsreichtum werden hier an die Spielehersteller gestellt. Die Erfahrungsmöglichkeiten sowie pädagogischen Momente des Spielerlebnisses variieren natürlich je nach Spielziel, Alter und den Rahmen der fiktiven Geschichte und den damit verbundenen Werten. Allgemein kann man jedoch ein paar Punkte festhalten, durch die sowohl Jung als auch Alt durch die Spielerfahrung profitieren.

 

Durch das Einnehmen einer bestimmten Rolle in einem Spiel kann durch einen Blick von Außen sowie das Hinterfragen der eigenen Maske eine Art Weiterentwicklung bewirkt werden. In gewissen Spielsituationen sind Perspektivenübernahmen, Empathieentwicklung sowie Bewältigungs- und Lösungsstrategien zu entfalten. Die Entlastungsfunktion, dass „falsche“ Entscheidungen folgenlos bleiben, können Risikobereitschaft und Kreativität fördern. Und natürlich der Spaßfaktor, der genauso wie der Wettbewerbssinn, wohl augenscheinlichste Erfahrungsmoment an diesen Tagen in Kaisermühlen. Lautes Gelächter, Wutausbrüche, Spielgegenstände die durch die Luft fliegen und Applaus sind nur ein paar Indizien, dass der Unterhaltungsgrad bei den knapp 60.000 Besuchern ein hoher war.

 

mokant.at > foto: roman stoiber

Nicht alles lustig am Spielefest
Durch die vielen positiven Eindrücke, der Wettkampfatmosphäre und dem freudigen Miteinander ließen sich aber nicht alle verzaubern und formulierten daher auch klare Verbesserungsvorschläge. Erstens war die Spieleliste wieder einmal nicht aktuell, geschweige denn vollständig. Wenn sich nicht einmal das österreichische Spiel des Jahres, „Atlantis“, in der Aufstellung wieder findet, wird es peinlich, vor allem wenn man es im Rahmen der Veranstaltung präsentiert und auszeichnet. Die Stückzahlen der einzelnen Spiele in der Spielothek sind ebenfalls ausbaufähig, so ist es zwar kein Problem „Dixit“ oder „Keltis“ – Spiel des Jahres 2008 – zu bekommen, bei Experten- oder komplexen Spielen wird es schwieriger, vor allem wenn jene schon kurz nach Eröffnung des Festivals vergriffen sind. Auch die Homepage könnte einen Relaunch vertragen, immerhin findet man darauf kaum Informationen, kann sie einem bei speziellen Anliegen nicht weiterhelfen und ist sehr unübersichtlich gestaltet. Schade ist auch, dass den Messeteilnehmern die Funktion von Spieleflüsterer nur vereinzelt geläufig ist und die Veranstalter hier kaum Aufklärung betreiben, immerhin sind deren Tipps und Ratschläge oft sehr von Nöten, besonders bei komplexen Beschreibungen, bei Spielen mit undurchsichtigen Abläufen oder Spielen, die eine ausgefallene Taktik verlangen.

Trotz dieser Kritikpunkte stellen sie bei diesem Event nur eine Randnotiz dar. Sind Fehler passiert, sind sie den Besuchern beim nächsten Spiel auch schon wieder egal und das Drumherum wird zur Nebensache. Die Absicht der IG Spiele ist es, den Leuten schöne Stunden zu ermöglichen und ihnen Spiele näher zu bringen. Sie wurden ihnen ans Herz gelegt, haben ihnen Spaß bereitet und wurden auf Wunschlisten eingetragen, sowohl auf traditionellen als auch via Web 2.0. Es wurde gelacht, gestritten und gefeiert. Ziel erreicht, kann man da nur sagen. Auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr.

 

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Spiele?

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Uni Graz: Spielen (PDF)

Artikel von Harry Stoiber
Fotos von Roman Stoiber

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