Female Pop-Art
Ein Bericht zur Ausstellungseröffnung „POWER UP“ in der Kunsthalle Wien
Die 1960er Jahre waren das Jahrzehnt der Anti-Babypille, Mondlandung, Bürgerrechts- und Frauenbewegung. Und mittendrin und darum herum formierte sich die künstlerische Ausdrucksform dieser Dekade: die vor allem in Europa und den USA vorherrschende Kunstrichtung, die unter dem Namen „Pop Art“ berühmt wurde. Die Motive sind häufig der Alltagskultur, der Werbewelt und den Massenmedien entlehnt, die bekanntesten Vertreter sind Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Peter Claes Oldenburg. Alles männliche Künstler - daher stellt Angela Stief, die Kuratorin der Ausstellung die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass weibliche Künstlerinnen bis jetzt aus dem Kanon der Pop Art-Kunst ausgeklammert und wenig beachtet wurden?
„Sag mir, wo die Frauen sind“
Das soll sich mit der aktuellen Ausstellung „POWER UP – Female Pop Art“, die von 5. November 2010 bis 20. Februar 2011 in der Kunsthalle Wien zu sehen ist, ändern. Ein Schritt in die richtige Richtung soll getan werden, um den bestehenden Pop Art-Kanon um die weibliche Sicht zu erweitern und Anerkennung zu zollen. Das streicht Dr. Gerald Matt, seines Zeichens Direktor der Kunsthalle Wien, in seiner Rede zur feierlichen Eröffnung der Ausstellung heraus. Evelyn Axell, Sister Corita, Christa Dichgans, Rosalyn Drexler, Jann Haworth, Dorothy Iannone, Kiki Kogelnik, Marisol und Niki de Saint Phalle sind die Stars dieser Schau: neun ausgewählte Künstlerinnen, die sich im Spannungsverhältnis von Kunst und Kommerz bewegen, wirken nur auf den ersten Blick bunt, grell und fröhlich.
Tatsächlich sind die Werkblöcke vor allem als Kritik an der patriarchal organisierten Gesellschaft, dem wachsenden Konsum und den an den Massen orientierten Medien zu verstehen. Die Werke der Pop-Ladies zeichnen sich durch den Gebrauch experimenteller Materialien, Formen, Farben und eine selbst geschaffene Bild- und Motivwelt aus, die der patriarchalen Struktur entgegengesetzt werden kann. Die Idee zu dieser Ausstellung entstand nach einer Begegnung mit Sister Coritas Werk, wobei angesichts der visuellen Kraft für Gerald Matt fest stand, eine Schau zu realisieren, die sich dezidiert mit dem weiblichen Beitrag innerhalb der Pop Art beschäftigt. In der Recherche entdeckte Direktor Matt viele faszinierende Persönlichkeiten: mutige, selbstbewusste und humorvolle Künstlerinnen.
Beispielsweise die katholische Ordensschwester und Kunsterzieherin Sister Corita (1918 – 1986), die meist mit einer Produktmarke oder einem Werbeslogan begann und diese im Sinne ihres Friedensaktionismus und sozialen Engagements umformulierte. So stammt der Titel der Ausstellung „POWER UP“ von einem Werk Sister Coritas, in dem sie einen Werbeslogans einer Ölfirma („to power up your car“) aufgriff und ihre politischen Botschaften, sowie Zitate aus Poesie und Bibel, in ihre Bildwelt einbrachte, um so auf soziale Ungerechtigkeiten hinzuweisen. „Diese Ausstellung soll keine genuin weibliche Pop Art darstellen“, so Direktor Matt, jedoch unterschiedliche weibliche Strategien der Selbstermächtigung zeigen, dabei sind diese Strategien so unterschiedlich wie die Künstlerinnen selbst. Die ausgestellten Künstlerinnen haben durch ihr kreatives Schaffen ihr eigenes Bild von Weiblichkeit produziert und eröffnen dem Betrachter eine Vielfalt an Identifikationsmöglichkeiten.
„Das Persönliche ist politisch“
Die ausgewählten Arbeiten der Künstlerinnen verknüpfen Zeitgeschehen und Genderfragen und bestätigen die aktuelle Relevanz: Es geht um die Sichtbarkeit von Frauen in der Öffentlichkeit und in der Kunst als Berufsfeld – in den 1960er Jahren ebenso wie heute. Die Partizipation der Frauen am Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg, an technischen Innovationen und neuen Materialien sind die Kennzeichen der Female Pop Art.
Gesellschaftspolitischer Protest, der sich kämpferisch und kritisch zeigt und auf ein aktives Leben und eine selbstbestimmte Sexualität hinweist, verbindet sich hier mit einer plakativen Bildsprache. Interessant ist, dass sowohl aus kunstgeschichtlicher als auch aus feministischer Sicht die Pop Art-Künstlerinnen übersehen und gemieden wurden, was einer doppelten Schmähung gleichkommt. Pop Art galt aus feministischer Sicht als sexistisch und wer damit arbeite, müsse sich an der männlich definierten Bildsprache bedienen, so die kritische Meinung vieler zeitgenössischer Feministinnen. Dabei können gerade die Arbeiten von Kogelnik, de Saint Phalle, Axell und Iannone als proto-feministisch verstanden werden. Als Niki de Saint Phalle (1930 – 2002) Mitte der 1950er Jahre beginnt, auf ihre Gipsrelief-Arbeiten mit eingearbeiteten Farbbeuteln zu schießen, stieg auch die öffentliche Aufmerksamkeit an den Inhalten ihrer Arbeiten.
De Saint Phalle schoss „auf Papa, alle Männer, bedeutende Männer, dicke Männer, Männer, meinen Bruder, die Gesellschaft, die Kirche, den Konvent, die Schule, meine Familie, meine Mutter“. Im Akt des Schießens setzte sie ein rebellisches Zeichen gegen die gesellschaftlichen Strukturen, die es ihr als Frau und Künstlerin schwer machten.
Kunstwerke aus Vinyl
Die Kärntnerin Kiki Kogelnik (1935 - 1997) begann in den frühen 1960ern Schablonen, also Umrisse von Menschen, aus Papier auszuschneiden. Diese sogenannten „Hangings“ wurden zu eigenständigen Kunstwerken aus Vinyl, die auf Kleiderständern präsentiert wurden. Das Arbeiten mit der Schere, die sonst eher mit weiblicher Haus- und Handarbeit in Verbindung gebracht wird, kann umgedeutet werden als Waffe gegen das starre Geschlechtersystem. Der Körper ist als Austragungsort von Geschlechterkämpfen zu lesen und die Zurichtung des weiblichen Körpers durch Matrizen in Magazinen, Werbung und Kino steht im Zentrum der kritischen Auseinandersetzung innerhalb der Arbeiten vor allem von Kogelnik, Axell und Iannone. Die aktive Wiederaneignung des weiblichen Körpers ist ein wichtiger Ausgangspunkt in vielen Werken der Künstlerinnen. Die mit erotischen Phantasien aufgeladene Bildsprache ist ein Ausdruck der neuen selbstbestimmten Sexualität und Lebenslust, die nicht nur ein Teil der lebensnotwendigen Selbstermächtigung ist, sondern auch Instrument der öffentlichen Provokation.
So ist auch das Titelbild der Ausstellung zu sehen: Es stammt von Evelyne Axell und zeigt eine rothaarige Frau, die mit geschlossenen Augen sinnlich-genüsslich an einer Kugel Speiseeis leckt. Ähnlich wie in der Werbung wird mit erotischen Phantasien gespielt, ohne die üblichen Klischees zu bestätigen. Christa Dichgans (geboren 1940) entlarvt in ihren Arbeiten den Mythos der Ware als leere Hülle, in dem sie die klassischen Stillleben im Sinne des Kapitalismus parodiert und Dinge des Alltags, wie etwa Kinderspielzeug, abbildet. Trotz der lieblich wirkenden Motive erscheinen die Werke auf den zweiten Blick unterschwellig herausfordernd und anklagend.
Die Architektur der Ausstellung unterstreicht die Verbindung von Leben und Kunst und zeigt, wie Kunst im öffentlichen Raum verstanden werden kann. In der großen Ausstellungshalle befinden sich Litfaßsäulen, an denen die Vorstellung der Künstlerinnen vorgenommen wird. Im Hauptraum sind einige großformatige Exponate in einer Art Schaufenster platziert, damit soll die Situation der Konsumierbarkeit von Kunst im Alltag bewusst gemacht werden.
Stadträtin Sandra Frauenberger freut sich, im Rahmen der Eröffnung und in Anwesenheit der beiden Künstlerinnen Jann Haworth und Christa Dichgans ein paar Worte über die Ausstellung und ihr Aktualität verlieren zu dürfen. Diese Schau trägt dazu bei, dass die weibliche Sprecherinnenposition gestärkt wird. Dabei bedarf es einer lauten und kräftigen Stimme, um die gesellschaftlichen Schranken zu durchbrechen. „Die gesamte Schau ermöglicht die Korrektur eines Gesellschaftsbildes“, so Frauenberger, welches von einer männlich dominierten und definierten Geschlechterkonstruktion geprägt ist. Die Arbeiten der hier präsentierten Künstlerinnen machen Frauen sichtbar und zeigen, was es in den 1960er Jahren bedeutete, als Künstlerin selbstständig und selbstbestimmt zu arbeiten. Diese Frauen sind Heldinnen des Alltags, die Frauen – damals wie heute - als Vorbilder dienen können. Der Titel der Ausstellung, „POWER UP“, ist ein Ermutigender, denn er lässt voller Energie in die Zukunft blicken. Aus frauenpolitischer Sicht gehe es auch heute noch darum, ein Umfeld dafür zu schaffen, dass Frauen in persönlicher Selbstbestimmung und Freiheit leben können. Der Ausstellung als Motto vorangestellt, ist der Titel einer Arbeit von Dorothy Iannone aus dem Jahr 1971 und lautet „The next great moment in History is ours“ – dem ist auch aus Frauenbergers Sicht nichts mehr hinzuzufügen.
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Kunsthalle Wien
Artikel von
Natalie Chrstos
Niki de Saint Phalle aiming; Film-Still aus Daddy, 1972 © 2010 NIKI CHARITABLE ART FOUNDATION, All rights reserved und/and VBK, Wien, 2010,
Evelyne Axell, Ice Cream, 1964, Courtesy Serge Goisse, Belgium © Estate of Evelyne Axell und/and VBK, Wien, 2010, Foto/photo: Paul Louis
Christa Dichgans, Stilleben mit Frosch, 1969, Esra und John Hartung, Berlin, Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin, Foto/photo: Jochen Littkemann, Berlin
Titelbild:Niki de Saint Phalle aiming; Film-Still aus Daddy, 1972 © 2010 NIKI CHARITABLE ART FOUNDATION, All rights reserved und/and VBK, Wien, 2010

























