15. November 2010 | Meinung

Ängstlicher Hase in Wien

wikipedia.org/Jane
Die Schotten von „Frightened Rabbit“ begeisterten im Flex

Weder ängstlich noch eingeschüchtert zeigten sich Frightened Rabbit in Wien

 

Wenn man klischeehafterweise an Schottland denkt, fallen einem zunächst einmal Begriffe wie Dudelsack, Kilt, Haggis oder die Highlands ein. Auch die beiden größten Städte – Edinburgh und Glasgow – werden vielen geläufig sein. Ist man dann vielleicht auch noch etwas fußballaffin, zählt Old firm, das legendäre Stadtderby der beiden Glasgower Klubs, Celtic und Rangers, ebenfalls zu den bekannten Zuschreibungen. Dass sich aber in Schottland eine engagierte Indierock-Community aufgebaut hat, ist wohl den wenigsten bewusst. Neben den Aushängeschildern Mogwai, Franz Ferdinand oder Snow Patrol, welche auch kommerziell erfolgreich sind, hat sich eine Szenerie aus jungen Künstlern aufgebaut, die den oft engförmigen, dauergehypten und immer gleichen Bands aus England den Kampf ansagen. The Twilight Sad, We were promised Jetpacks oder The View um nur ein paar zu nennen. Eine, die diesem illustren Kreis ebenfalls zu zurechnen ist, und zuletzt auch in Wien Halt machte, ist die Band um die beiden Hutchison Brüder, Frightened Rabbit.

 

Ihr Talent wurde bald erkannt, immerhin wurde ihre erste Platte von Universal vertrieben. „The Greys“ konnte aber nie wirklich Fuß fassen. Obwohl die Nummern nahtlos in das musikalische Spektrum von Frightened Rabbit passten, blieb der Erfolg aus. Kurioserweise gelang der Durchbruch erst mit ihrem dritten, auf einem Indie-Label beheimateten, Machwerk. „The Winter of mixed drinks“ wurde von FatCat-Records aus Brighton veröffentlicht, die auch schon mit Bands wie beispielsweise Sigur Ros zusammen gearbeitet hatten und regelmäßig aufstrebenden Musikern zu einer breiten Öffentlichkeit verhelfen. Die Kooperation hatte sich ausgezahlt, immerhin stieg ihre CD sowohl in die amerikanischen als auch englischen Charts ein und auch vor Wien machte die Begeisterung um Frightened Rabbit nicht Halt, musste der Gig doch vom relativen schmucken, aber kleinen Gürtellokal B72, ins Flex verlegt werden.

Von ihrer Mischung aus Folk, stampfenden Schlagzeugbeats und durch mehrere Stimmen getragene Melodien, durfte sich das Publikum dann mehr als die üblichen neunzig Konzertminuten überzeugen lassen. Wirkt die Musik auf Platte sehr homogen, geschliffen und nahezu perfekt abgemischt, bekommt sie live mehr Ecken und Kanten, ist rauer und holpriger. Dem Auftritt verleiht diese Komponente aber Spannung, die Songs sind schneller und auch intensiver wie man bei „Nothing like you“ gut feststellen konnte. Aus einer netten Indiepopnummer wird dadurch ein musikalischer Ohrenschmaus mit extrem tanzbaren Rhythmus. Aber Frightened Rabbit können auch anders. Abwechslung wird bei den Jungs aus Selkirk groß geschrieben. So schnappt sich Sänger Scott Hutchison öfters im Verlauf des Abends seine Akustikgitarre und sorgt mit der reduzierten Version von „Good Arms vs. Bad Arms“ für den emotionalen sowie künstlerischen Höhepunkt. Nach der Zugabe blieb der Großteil der Zuhörer im Saal um der Band angemessen zu danken. Es wurde geklatscht. Es wurde gesungen. Es wurde gefeiert. Auch der hellen Beleuchtung trotzte die Crowd vehement, erst als der Abbau der Instrumente einsetzte, realisierten die Besucher das Konzertende. Leicht enttäuscht, aufgrund der geschürten Hoffnungen, schlich die Mehrheit bald von Dannen, während sich andere mit Merchandiseartikel eindeckten. Unzufrieden war man jedoch nicht, dafür hatte der Auftritt für zuviel positive Stimmung gesorgt.

Das Flex war zwar sehr gut besucht, aber von ausverkauft doch ein Stück weit entfernt. Durch die Decke gehen die Jungs also noch nicht. Das müssen sie auch nicht. Ein weiterer One-Hit-Wonder-Hype von der Insel wäre zwar nichts Neues, haben die Fünf aber wirklich nicht notwendig. Das Ziel, des Schaffens einer kleinen, zufriedenen und lauten Fanbasis, kann man eindeutig als erreicht, konstatieren. Außerdem ist ein stetiges Wachstum der Hörerschaft sowie des öffentlichen Interesses eher von Nachhaltigkeit geprägt als das wellenförmige Auf und Ab mancher Teilzeit-Indiepopikonen. Diesen Stempel hätten sich Frightened Rabbit auch absolut nicht verdient.



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Artikel von
Harry Stoiber


Foto: wikipedia.org/Jane

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