Theater trifft dort, wo's weh tut
„Die freie Szene ist Ausdruck des Ursprungs und Wesens des Theaters an sich“
Zum zweiten Mal findet vom 22. Oktober bis Dezember das Festival der freien Theater „theater trifft“ in Innsbruck statt. Für die meisten ist die freie Theaterszene ein Beginn, kaum jemand ergattert gleich am Anfang seiner Karriere ein Engagement am Burgtheater. Oder, wie Karl Markovics per Mail an die Festivalleitung schrieb: „Die Freie Szene ist Ausdruck des Ursprungs und Wesens des Theaters an sich. Im besten Fall ohne Institutionen oder Traditionen, außer der Institution und Tradition des eigenen selbst.“ Florian Hackspiel, Leiter des 2003 gegründeten „Theater Melone“, erklärt im mokant.at-Interview seinen Zugang zur freien Szene, erzählt über seinen Beitrag zum Festival, „Das wundervolle Zwischending“, und verrät sein ganz persönliches Premieren-Ritual.
mokant.at: Seit wann gibt es Theater Melone und wie hat es sich zusammengefunden?
Florian Hackspiel: Seit 2003. Ich war damals Statistenleiter am Tiroler Landestheater, wollte aber etwas Eigenes auf die Beine stellen. Ich hatte relativ schnell zehn Leute zusammen und wir haben gleich Werner Schwab gespielt. Wir traten im Bierstindl und in den Kammerspielen auf, es war vier Mal voll und eine riesen Gaudi. Ich hatte damals aber noch nicht viel Ahnung vom Theater. Ich war halt Statistenleiter und schon auf der Bühne, aber mit Produktion oder Regie hatte ich gar nichts zu tun.
mokant.at: Was siehst du als größte Schwierigkeit oder Herausforderung in der freien Szene an? Gibt es etwas, womit du sehr unzufrieden bist?
Hackspiel: Mit dem Geld bin ich nicht einmal unzufrieden. Ich bin aber nicht jemand, der sagt, dass er hiermit seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Ich mache Projekte und wenn es geht, dann geht's. Was mich stört und was sich nach wie vor nicht geändert hat, ist die Presse. Ich muss mir immer noch Dinge sagen lassen wie: Über Off-Produktionen machen wir keine Vorankündigungen. Ohne das habe ich aber keine Chance darauf, dass situierte Theatergeher vor der Premiere irgendetwas mitbekommen. Es wird nicht wahrgenommen. Da stirbst du, auch finanziell, wenn du einmal in der TT oder in der Krone stehst, die eh kein Theatergeher liest. Das finde ich, geht nicht.
mokant.at: Ist das in Tirol speziell schlimmer? Hackspiel: Ja, das ist in Tirol total schlimm. Ich sage dasselbe wie vor fünf Jahren, aber die Presse und deshalb auch der Zuschauer glauben immer noch, dass „Off“ Laie bedeutet. Das stimmt aber nicht. Manchmal ist es so, aber nicht immer. Ich glaube zum Beispiel, dass von den ganzen Leuten, die jetzt beim Festival mitmachen kein Laie dabei ist. Es wird aber immer noch so wahrgenommen. Ich bin inzwischen auch IG-Sprecher von Tirol und mein großes Anliegen ist es, eine Pressekonferenz zu machen, um das Bewusstsein zu vermitteln, dass hier professionelle Leute am Werk sind. In Wien ist das zum Beispiel anders. Drachengasse, Rabenhoftheater – das wird sogar in der ZiB gezeigt oder im Sommerkabarett auf ORF1 – und genauso Off-Theater!
mokant.at: Was ist umgekehrt das Schönste oder Beste an der Arbeit, die du machst?
Hackspiel: Ich kann meine Freiheit ausleben. Ich habe keinen Intendanten, dem ich eine Woche vorher meinen Durchlauf zeigen muss. Trotzdem habe ich natürlich mein Team, das ich um Feedback bitte, so wie ich genauso sage, was ich an Bühne oder Kostüm vielleicht ändern will. Als Regisseur am Stadttheater hast du es noch lange nicht geschafft. Du bist unter den Fittichen des Intendanten und das geht Kostüm- und Bühnenbildnern genauso. Da kommt der Ausstattungsleiter und, ich sag das jetzt mal ganz deppert, sieht, was für ein geiles Bühnenbild das ist und dann denkt er sich: Scheiße, der stiehlt mir die Show! Und dann sagt er: Das geht sich finanziell nicht aus, außerdem hab ich mit der Feuerpolizei geredet, das machst du mir nicht. So geht's wirklich zum Teil ab. Ich will das jetzt nicht negativ reden, aber ich merke, dass ich alles ausprobieren kann.
mokant.at: Aus welchem Grund wurde dieses Jahr das Stück „Das wundervolle Zwischending“ von Martin Heckmanns ausgewählt?
Hackspiel: Es wurde 2005 uraufgeführt und war bis 2007 ein Erfolg. Es wurde in ganz vielen tollen Theatern gleichzeitig gespielt und läuft glaube ich immer noch im Burgtheater – also ein richtiger Hype. Das letzte Stück, das Melone gespielt hat, war sogar ein Auftragswerk, wir hatten viele Uraufführungen, ich habe selber schon zwei Stücke geschrieben. Jetzt will ich ganz bewusst ein Stück machen, das schon großen Erfolg hatte und ihm meine Note geben. Das finde ich sehr spannend. Außerdem, und das merke ich gerade bei den Proben, tut das Stück sehr gut. Es geht um ein Paar, das seit sieben Jahren zusammen ist. Wenn man es liest, könnte man meinen, es ist ein Stück für ältere Schauspieler. Aber ich bin mit meiner Freundin auch seit sieben Jahren zusammen, ich könnte sozusagen das Stück auch spielen. Das finde ich interessant, dass wir jungen Leute trotzdem einem 50-Jährigen etwas sagen können. Es ist nicht absurd, nicht experimentierfreudig, aber es ist so schön, einmal etwas so greifbares zu machen. Aber es ist trotzdem nicht billig oder deppert, es ist so wahr.
mokant.at: Hast du auch schon selbst mitgespielt? Hackspiel: Nein, ich war Leiter und Regisseur. Was Theater Melone angeht, habe ich das immer schon getrennt. Ansonsten verdiene ich mir mein Geld zu 90% als Schauspieler. Dann wurde ich als Schauspielschüler auf der Kunstuni in Graz aufgenommen und habe es weiter verfolgt, jährlich im Sommer ein Stück in Innsbruck zu machen. Das ist jetzt sieben Jahre her.
mokant.at: Arbeitest du vorrangig mit Schauspielern aus Graz zusammen oder sind auch welche aus Innsbruck dabei?
Hackspiel: Mit Innsbrucker Schauspielern habe ich noch nie gearbeitet. Das ist auch ein Markenzeichen von uns. Ich meine das aber nicht als gemein gegenüber der Innsbrucker Szene, sondern das ist das, was Theater Melone von anderen unterscheidet – und das meine ich wertfrei. Wenn du nach Telfs zu den Volksschauspielen oder ins Kellertheater gehst, sind das eben immer ein bisschen die gleichen Schauspieler. Das mache ich mit Theater Melone nicht. Ich frage Leute, die ich in München oder Wien kennen lerne, wenn ich selbst spiele oder ich schreibe die Rollen zum Teil aus. Aber es bewerben sich auch keine Innsbrucker! Es ist nicht so, dass ich das per se als Regel sehe, aber ich habe zum Beispiel letzten Sommer eine Rolle für eine Schauspielerin zwischen 35 und 55 ausgeschrieben. Ich habe 50 Bewerbungen bekommen, keine einzige aus Tirol. Dann ist es halt eine Berlinerin geworden, I'm sorry!
mokant.at: Mit welcher Kritik kann man dich als Künstler am tiefsten kränken bzw. am meisten loben? Hackspiel: Das ist eine coole Frage! Vor drei Jahren hätte ich gesagt, eine schlechte Kritik, aber so ist es nicht mehr. Es kränkt mich, und deshalb umgehe ich das glaube ich von vornherein, wenn ein Theatermacher oder ein Intendant das Publikum für blöder verkauft als es ist. Es kränkt mich, wenn man als Theatermacher sagt: Wir brauchen ein paar Leute, eine gute Stimmung und wir machen keine Uraufführung oder einen guten Klassiker, sondern einen Nestroy, das wollen die Leute sehen. Das kränkt mich, weil es nicht stimmt. Es ist möglich, experimentelles Theater zu machen, wenn ich eine Aussage habe, die ich vermitteln will. Dann kann der Kritiker schreiben: „Theater Melone schafft es nicht, einen Spannungsbogen aufrecht zu erhalten.“ – völlig egal! Eine solche Kritik kann mich höchstens enttäuschen. Da bin ich zu sehr Florian, der seine Anker hat. Ich kann keinen Menschen verpflichten, ins Theater zu gehen. Ich gehe ja auch nicht zum Eishockeyspiel, das interessiert mich nicht. Und glücklich macht mich eine super Generalprobe. Um es kurz zu fassen: Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mich glücklich machen.
mokant.at: Wie geht es dir vor und während der Premiere?
Hackspiel: Das ist auch eine schöne Frage. Ich bin ein sehr strenger Regisseur, der bei den Proben nie Ruhe gibt – bis nach der Generalprobe. Deshalb verspreche ich auch den Schauspielern, dass ich nach der Premiere nichts sagen werde, weil ich bis zuletzt Input gegeben habe. Aber um auf deine Frage zu antworten: Es geht mir gut. Eine kleine Geschichte: Ich kaufe mir einmal im Jahr, am Premierentag, neue Schuhe. Diese Schuhe ziehe ich erst in den letzten fünf Minuten des Stücks an und der erste Gang ist der Gang zum Applaus. Wenn man nur einmal im Jahr Schuhe shoppen geht, ist das schon eine Befriedigung. Ich gönne mir diese Befriedigung vor der Premiere. Ich geh am Premierentag, wenn alles fertig ist und ich keinen Einfluss mehr habe, Schuhe shoppen und bin total glücklich, dass ich so coole neue Schuhe habe. Ich freu mich dann immer schon, dass ich diese Schuhe mit einem inneren, ehrlichen Lächeln anziehen und zum Applaus gehen kann. Jetzt werde ich pathetisch, aber das ist mein inneres Gänseblümchen.
Das Programm wird noch am 3., 4. und 5. Dezember im diemonopol (Egger Lienz Str. 20, Innsbruck) zu sehen sein.
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Interview führte

























