„Sind Ausbildung schuldig“
Beatrix Karl über Aufnahmetests, Fragen an die Curricular-Kommission und freie Bildung
mokant.at: Ein praktisches Beispiel: Eine 24-jährige Pädagogik-Studentin ist mit dem Studium eigentlich fertig, muss aber noch ein, zwei Semester anhängen, weil sie keinen Betreuer für ihre Diplomarbeit findet. Was würden Sie ihr raten?
Beatrix Karl: Das sind genau die Folgen einer Massenuniversität: Die Betreuungsverhältnisse sind schlecht, die Studienbedingungen sind schlecht. Ich halte das für unzumutbar. Wir brauchen wirklich Aufnahmeverfahren, um die Qualität zu verbessern. Es geht in den Massenfächern so einfach nicht weiter. Entweder, wir wollen gute Studienbedingungen und eine gute Qualität in der Lehre, aber dann muss man auch Ja zu Aufnahmeverfahren sagen. Oder Studienbedingungen und Qualität sind egal. Aber das ist nicht mein Ansatz.
Beatrix Karl: Nehmen wir das Beispiel mit der Studierenden der Pädagogik, das Sie vorhin genannt haben: Diese Studierende hat gar nicht die Möglichkeit, schnell zu studieren, weil sie Verzögerungen aufgrund der Studienbedingungen hat. Diese Situation sieht man gerade in den Massenstudien: Die Studienbedingungen dort lassen kein rasches Studium zu. Diejenigen, die einen längeren finanziellen Atem haben, können es sich erlauben, ein, zwei, drei Semester länger zu studieren. Diejenigen, die einen schlechteren finanziellen Background haben, brechen schnell einmal ihr Studium ab, wenn sie ein, zwei, drei Semester Studienzeitverzögerung haben. Das nenne ich sozial selektiv.
mokant.at: Auch zugangsbeschränkte Studien können sozial selektiv sein. Für Berufstätige etwa ist das Medizin-Studium wegen seiner hohen Verschulung unzugänglich.
Beatrix Karl: Die Verschulung hat aber nichts mit Aufnahmeverfahren zu tun. Das sind zwei völlig getrennte Dinge.
mokant.at: Natürlich, aber man kann Verschulung besonders bei Studien mit ausgeprägten Aufnahmeverfahren beobachten.
Beatrix Karl: Ja, das ist ein Trend an den Universitäten. Wobei man sagen muss: Das gibt nicht das Ministerium vor, das gibt auch nicht die Bologna-Architektur vor. Das sind Studienpläne, die sich die Universitäten selbst geben, sprich die Curricular-Kommissionen. Warum, das müssen Sie die Curricular-Kommissionen fragen.
mokant.at: Bleiben wir bei der Medizin: Angehende Mediziner müssen sich im Zuge des EMS-Tests etwa mit dem Hormonspiegel bestimmter Wüstenechsen beschäftigen. Ist das Ihre Vorstellung eines idealen Einstiegstests?
Beatrix Karl: Es gibt ja an den medizinischen Universitäten in Österreich nicht nur den EMS-Test, der in Wien und Innsbruck Verwendung findet. In Graz gibt es einen anderen Test. Die beiden Aufnahmeverfahren haben sich insofern bewährt, als man deutlich sieht, dass die Dropout-Raten gesunken sind. Wir hatten vor diesen Aufnahmeverfahren eine Dropout-Rate von im Schnitt rund fünfzig Prozent an den drei Medizin-Unis. Jetzt haben wir eine Dropout-Rate von rund fünf Prozent. Wir sehen auch, dass die Studiendauer kürzer ist, es studieren jetzt neunzig Prozent eines Jahrganges innerhalb der Mindeststudienzeit plus Toleranzsemester. So schlecht können die Tests nicht sein, denn auch die Studienerfolge sind da.
mokant.at: Welche Arten von Test würden Sie persönlich bevorzugen?
Beatrix Karl: Wir haben schon an vielen Universitäten und auch an den Fachhochschulen Aufnahmeverfahren, die teilweise ganz unterschiedlich sind. An der Veterinärmedizin zum Beispiel gibt es ein mehrstufiges Aufnahmeverfahren, das enthält neben einem schriftlichen Test auch ein Motivationsschreiben und ein Bewerbungsgespräch. Es gibt also bereits verschiedenste Möglichkeiten. Ich persönlich halte sehr viel von Tests, in denen die Eignung für ein konkretes Studium festgestellt wird – zunächst natürlich die allgemeine Studierfähigkeit, dann die konkrete Eignung.
mokant.at: In Österreich liegt der Anteil an Akademikern schon jetzt unter dem OECD-Durchschnitt. Wären da die von Ihnen geforderten Zugangsbeschränkungen nicht eher kontraproduktiv?
Beatrix Karl: Das stimmt so nicht, weil mehr Studierende ja nicht automatisch mehr Absolventen und Absolventinnen bedeuten. Das sieht man, wenn man etwa die WU betrachtet. An der WU haben wir eine Dropout-Rate von rund achtzig Prozent, das heißt nur zwanzig Prozent der Anfänger schließen ihr Studium auch ab. Ich kann Ihnen auch ein internationales Beispiel bringen: Finnland hat ein doppeltes Aufnahmeverfahren, nämlich sowohl einen Numerus Clausus als auch Aufnahmeprüfungen an den Universitäten. Diese Aufnahmeprüfungen sind sehr streng. Trotzdem hat Finnland eine doppelt so hohe Akademikerquote wie Österreich.
mokant.at: Sie haben in früheren Interviews die teuren Rahmenbedingungen der Unis kritisiert. Sind diese Dropouts die tatsächlichen Kostentreiber im System?
Beatrix Karl: Teilweise, man kann natürlich nicht alles an den Dropouts aufhängen. Da gibt es schon auch andere Faktoren. Wir investieren sehr viel an öffentlichen Geldern in die Universitäten, nur stimmt der Output nicht immer. In Österreich kostet der Studienplatz im Schnitt 11.400 Euro pro Jahr, das ist viel mehr als etwa in Deutschland. Da sieht man, dass es hier Effizienz-Defizite gibt, die durch die Rahmenbedingungen an den Universitäten entstehen. Die Unis haben teilweise das Problem, dass es keine echte Planbarkeit gibt. Das fällt gerade in den Massenfächern besonders auf, weil dort nie wirklich klar ist, wie viele Studierende wirklich kommen. Weil sich so viele anmelden, werden zusätzliche Säle angemietet. Dann kommen auf einmal viel weniger Studierende, so dass die Anmietungen gar nicht notwendig gewesen wären.
mokant.at: Aber wie soll man dieses Problem in den Griff bekommen?
Beatrix Karl: Mehr Verbindlichkeit bei der Anmeldung wäre zum Beispiel eine Möglichkeit. Es muss für die Universitäten auch klar sein, wie viele Studierende sich tatsächlich im System befinden. Das weiß man gerade in den Massenfächern überhaupt nicht. Wie hoch ist die aktuelle Studierendenzahl? Um wie viel wird sie im nächsten Jahr wachsen? Die Inskriptionsfirst etwa läuft noch bis Mitte November.
mokant.at: Die ganze Welt spricht von Effizienz-Steigerung im Hochschulbereich, von mehr Wirtschaftlichkeit. Ist das Konzept der freien Bildung, die einen emanzipatorischen Faktor darstellt, ein Fall für die Mottenkiste?
Beatrix Karl: Überhaupt nicht. Universitäten sollen beides bieten: Ausbildung und Bildung. Die Bildung kommt zum Ausdruck in dem Humboldt'schen Ideal der forschungsgeleiteten Lehre. Das macht für mich die Universitäten aus. Jemand, der lehrt, muss zugleich auch forschen. Es sollen ja immer die neuesten Forschungsergebnisse in die Lehre mit einfließen. Trotzdem darf man auch nicht vergessen, dass wir den Studierenden natürlich eine sehr gute Ausbildung schuldig sind. Denn was wollen die meisten Studierenden? Sie wollen nach Abschluss des Studiums gute Arbeitsmarktchancen haben, wollen einen guten Job haben, wollen Geld verdienen. Das ist legitim und ganz richtig und wichtig.





