Tod am Sonntag
„Tatort“ wird vierzig Jahre alt. Und zeigt dennoch kaum Ermüdungserscheinungen
Geliebt und verhasst zugleich: Im November sind es vierzig Jahre, dass
die Woche Sonntagabend mit einem Krimi beschlossen wird. „Tatort“ gehört
für die einen zum Pflichtprogramm mit Kult-Charakter, für die anderen
zum Seniorenprogramm mit Ablaufdatum. Und trotzdem: Fast achthundert
Folgen der Krimiserie wurden bereits ausgestrahlt. Ein Ende ist nicht
abzusehen, im Gegenteil.
Die Idee hinter „Tatort“ ist schnell erklärt: In verschiedenen deutschen
Städten sowie in Österreich gibt es jeweils einen Ermittler oder
Ermittlerpaar, das einen Mordfall löst. Soweit nichts Neues also, wenn
bedacht wird, dass das Fernsehprogramm überschwemmt ist von Krimiserien,
die, wie beispielsweise CSI, um Längen aufwändiger und technisch
ausgeklügelter produziert sind. Die Inhalte sind durchaus spannend,
bestechen aber nicht durch Ausgefallenheit. Was ist es also, das der
Serie anhaltenden Erfolg beschert?
Menschlich und charmant
Was amerikanische Krimis den deutschsprachigen nicht vermitteln
können,
ist eine Ortsbezogenheit, die in jeder „Tatort“-Folge gegeben ist. Wenn
Harald Krassnitzer als Chefinspektor Moritz Eisner mit der heimischen
Exekutive im Dialekt diskutiert und in einem Tiroler Dorf
Migrationskonflikte zu schlichten versucht, lässt dies den Eindruck von
Nähe entstehen. Sterile Labors und unrealisitsch wirkende
Mordaufklärungs-Methoden haben hier nichts verloren. Mit Witz und Charme
tasten sich die Kommissare vorwärts, eingebettet in ihre eigene
Vorgeschichte, ihre Fehler und Neurosen. Keine Spur von eiskalten
Polzeibeamten ohne Charisma und ohne Schwächen. Die einzelnen Episoden
leben von der Sympathie ihres Protagonisten.
Schauspieler-Schmiede „Tatort“
Die gesellschaftspolitische Relevanz von „Tatort“ darf ebenfalls nicht
unterschätzt werden: von der bereits erwähnten Migrationsproblematik in
einem Tiroler Dorf bis zurück zu Götz George als Schimanski, einem aus
der Arbeiterklasse stammenden Kommissar, versucht die Serie Probleme in
Gesellschaft und Politik nicht zu ignorieren, sondern bettet sie in die
äußeren Umstände ein. Einige der Folgen zogen ein großes Medienecho nach
sich, Schimanski wurde gar eine eigene Krimiserie zugestanden. Deutsche
Schauspiel-Größen wie Manfred Krug und Maria Furtwängler gehörten und
gehören zur Besetzung. Zuletzt wurde bekannt, dass Sibel Kekilli, die
für „Die Fremde“ den Deutschen Filmpreis erhielt, zur festen Besetzung
bei „Tatort“ dazustößt.
Gastauftritte von Prominenten in der Krimiserie sind ebenso Gang und
Gäbe: Sabine Christiansen, Bela B. und Rio Reiser sind nur einige jener,
die im „Tatort“ eine Rolle verkörperten. So schafft es die Produktion,
nie zu altmodisch zu werden. Ein Schwung junger Kommissare bewahrt der
betagten Serie ein relativ dynamisches Gesicht; Ulrich Tukur als Felix
Murot kann außerdem als türkischstämmiger Ermittler punkten. Das
einzige, was stets gleich bleibt, ist der „Tatort“-Vorspann: das von
Klaus Doldinger komponierte Titellied hat, ebenso wie die Serie,
Kult-Charakter.
Ob der Sonntagabend vor dem Fernseher ein Pflichttermin ist oder nicht –
„Tatort“ gehört zu den Produktionen im deutschsprachigen Raum, die die
Fernsehlandschaft maßgeblich beeinflusst haben.
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