08. Oktober 2010 | Kultur

Tod am Sonntag

jugendpresse.at/Blutorange
„Tatort“: ausgediente Serie oder gute Gesellschaftskritik?

„Tatort“ wird vierzig Jahre alt. Und zeigt dennoch kaum Ermüdungserscheinungen

 

Geliebt und verhasst zugleich: Im November sind es vierzig Jahre, dass die Woche Sonntagabend mit einem Krimi beschlossen wird. „Tatort“ gehört für die einen zum Pflichtprogramm mit Kult-Charakter, für die anderen zum Seniorenprogramm mit Ablaufdatum. Und trotzdem: Fast achthundert Folgen der Krimiserie wurden bereits ausgestrahlt. Ein Ende ist nicht abzusehen, im Gegenteil.

Die Idee hinter „Tatort“ ist schnell erklärt: In verschiedenen deutschen Städten sowie in Österreich gibt es jeweils einen Ermittler oder Ermittlerpaar, das einen Mordfall löst. Soweit nichts Neues also, wenn bedacht wird, dass das Fernsehprogramm überschwemmt ist von Krimiserien, die, wie beispielsweise CSI, um Längen aufwändiger und technisch ausgeklügelter produziert sind. Die Inhalte sind durchaus spannend, bestechen aber nicht durch Ausgefallenheit. Was ist es also, das der Serie anhaltenden Erfolg beschert?

flickr.com/Kevitivity

Menschlich und charmant
Was amerikanische Krimis den deutschsprachigen nicht vermitteln können, ist eine Ortsbezogenheit, die in jeder „Tatort“-Folge gegeben ist. Wenn Harald Krassnitzer als Chefinspektor Moritz Eisner mit der heimischen Exekutive im Dialekt diskutiert und in einem Tiroler Dorf Migrationskonflikte zu schlichten versucht, lässt dies den Eindruck von Nähe entstehen. Sterile Labors und unrealisitsch wirkende Mordaufklärungs-Methoden haben hier nichts verloren. Mit Witz und Charme tasten sich die Kommissare vorwärts, eingebettet in ihre eigene Vorgeschichte, ihre Fehler und Neurosen. Keine Spur von eiskalten Polzeibeamten ohne Charisma und ohne Schwächen. Die einzelnen Episoden leben von der Sympathie ihres Protagonisten.

 

wikipedia.org/Harald Schrapers

Schauspieler-Schmiede „Tatort“
Die gesellschaftspolitische Relevanz von „Tatort“ darf ebenfalls nicht unterschätzt werden: von der bereits erwähnten Migrationsproblematik in einem Tiroler Dorf bis zurück zu Götz George als Schimanski, einem aus der Arbeiterklasse stammenden Kommissar, versucht die Serie Probleme in Gesellschaft und Politik nicht zu ignorieren, sondern bettet sie in die äußeren Umstände ein. Einige der Folgen zogen ein großes Medienecho nach sich, Schimanski wurde gar eine eigene Krimiserie zugestanden. Deutsche Schauspiel-Größen wie Manfred Krug und Maria Furtwängler gehörten und gehören zur Besetzung. Zuletzt wurde bekannt, dass Sibel Kekilli, die für „Die Fremde“ den Deutschen Filmpreis erhielt, zur festen Besetzung bei „Tatort“ dazustößt.

Gastauftritte von Prominenten in der Krimiserie sind ebenso Gang und Gäbe: Sabine Christiansen, Bela B. und Rio Reiser sind nur einige jener, die im „Tatort“ eine Rolle verkörperten. So schafft es die Produktion, nie zu altmodisch zu werden. Ein Schwung junger Kommissare bewahrt der betagten Serie ein relativ dynamisches Gesicht; Ulrich Tukur als Felix Murot kann außerdem als türkischstämmiger Ermittler punkten. Das einzige, was stets gleich bleibt, ist der „Tatort“-Vorspann: das von Klaus Doldinger komponierte Titellied hat, ebenso wie die Serie, Kult-Charakter.

Ob der Sonntagabend vor dem Fernseher ein Pflichttermin ist oder nicht – „Tatort“ gehört zu den Produktionen im deutschsprachigen Raum, die die Fernsehlandschaft maßgeblich beeinflusst haben.

 

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Fotos: jugendpresse.at/Blutorange, flickr.com/Kevitivity, wikipedia.org/Harald Schrapers
Titelbild: flickr.com/VanDammeMaarten.be

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