27. Oktober 2010 | Meinung

Aufgeblättert: „Das alte Kind“

mokant.at > foto: jelena vasiljevic
Z. Beck und J. Hart sorgen für Thrill, Spannung und Schauer

„Das alte Kind“ von Zoë Beck und „Das letzte Kind“ von John Hart

 

Dieses Wochenende ist es wieder soweit: Es ist Halloween und damit besteht Gruselpflicht! Monster, Vampire, Gespenster und Co. eignen sich selbstverständlich um jenen, die sich gerne und freiwillig ängstigen, einen zarten Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Aber diejenigen unter uns, die seit Jahren aufgehört haben an das Ungeheuer im Schrank oder das Monster am Klo zu glauben, brauchen realmögliche Geschichten, um Furcht zu verspüren. Romane mit Mördern, Perversen und Psychopathen, die potentiell auch unsere nähere Umgebung bedrohen könnten, lehren uns an gewittrigen und einsamen Leseabenden das Fürchten. Zwei davon sind: „Das alte Kind“ und „Das letzte Kind“. Diese beiden Bücher tragen einen ähnlichen Titel, weisen in ihrer Handlung allerdings keine Parallelen auf.

 

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Dunklen Geheimnissen auf der Spur mit Zoë Beck
„Das alte Kind“ ist ein Thriller mit scheinbar zwei unabhängigen Handlungssträngen: Einerseits eine junge Frau mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne, die jeder für selbstmordgefährdet hält und die um ihr Leben bangt. Doch je größer ihre Furcht, umso weniger wird sie von der Umwelt in ihren Ängsten ernst genommen. Andererseits eine verzweifelte Mutter, der nach einem Krankenhausaufenthalt ein fremdes Kind untergeschoben wird, für das sie nicht sorgen will, weil es nicht ihre Tochter ist. Als einzige von der Verwechslung überzeugt, versucht sie ihr „altes“ Kind zu finden und verliert dabei immer mehr an Glaubwürdigkeit seitens ihrer Umgebung.

Der Roman fängt die Verzweiflung, Angst und Einsamkeit der Protagonistinnen, deren Geschichten sich im Abstand von dreißig Jahren abspielen und anfangs keine Gemeinsamkeit zu haben scheinen, ein. Es bleibt für den Leser kein Geheimnis, dass das Ziel des Thrillers darin liegt, die Frauen und ihre Schicksale am Ende, der Kapitel für Kapitel abwechselnd erzählten Geschichten, zusammenzuführen. Das zeitliche Hin- und Herspringen sorgt dementsprechend für Spannung und verhindert das Aufkommen von Eintönigkeit, allerdings sollte ein guter Thriller mehr können als mühsam Langeweile zu vermeiden. Hartgesottene Thrillerfans werden mithilfe dieses Buches nicht an ihre benötigte Adrenalindosis kommen, jenen die erste Erfahrungen im dunklen Genre der Literatur suchen, sei „Das alte Kind“ durchaus empfohlen.

 

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Herzrasen und Atemstillstand mit John Hart Lesern mit bereits vorhandenen Thrillerkenntnissen sei John Harts „Das letzte Kind“ ans Herz gelegt. Dieses mit dem „Ian Fleming Steel Dagger“ als bester Thriller des Jahres ausgezeichnete Buch bietet nicht nur Hochspannung, die einem stellenweise den Atem stocken lässt, sondern auch Gesellschaftskritik. Die Handlung umfasst mehrere tragische Charaktere, jeder mit seinem Anteil am Verlauf der Geschichte: Ein Jahr ist mittlerweile vergangen seit dem Verschwinden von Johnnys Zwillingsschwester Alyssa. Für den 13-jährigen Jungen war dieses Jahr eine Zeit voller Enttäuschungen und Schicksalsschläge, an denen die Familie zerbricht. Der Vater flieht scheinbar vor den Geschehnissen und verlässt Frau und Sohn ohne sich wieder zu melden. Die Mutter betäubt ihre seelischen Schmerzen mit Alkohol, Tabletten und einem prügelnden Freund. Keiner bis auf Johnny und den vom Fall besessenen Detektiv Hunt glaubt mehr an Alyssas Rückkehr.

Plötzlich scheint sich das Grauen zu wiederholen: Erneut verschwindet ein Mädchen in der nach außen hin so normal und bürgerlich wirkenden Kleinstadt. Trotz Warnungen, Verbote und Ermahnungen hat Johnny es sich in den Kopf gesetzt die beiden Mädchen zu finden und dem Schrecken ein Ende zu setzen. Die Suche nach der Wahrheit offenbart bittere Einblicke in die scheinbar heile Welt einer Stadt und zwingt einen Jungen Verantwortung in einem Maß zu übernehmen, das selbst Erwachsene überfordern würde. Aber seine Obsession, die Suche nach seiner Schwester fortzusetzen, kann durch kein Hindernis gebremst werden. Sein Bedürfnis, Nachforschungen über das Verbrechen anzustellen, wird für ihn zu einem Zwang, ähnlich dem Drang des Lesenden das Buch ohne Unterbrechung, aber mit Herzklopfen, weiterzulesen. Möglicherweise kommt der Leser am Ende zum gleichen Schluss wie Johnny, der „hatte bald gelernt, dass es keinen sicheren Ort gab, nicht im Garten und nicht auf dem Schulhof, nicht auf der Veranda und nicht auf der stillen Straße am Rand der Stadt. Keinen sicheren Ort, und niemanden, der einen beschützte.“

 

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