21. Oktober 2010 | Meinung

Aufgeblättert: „Unter dieser furchterregenden Sonne“

mokant.at > foto: julia staller
Carlos Busqued gilt als der neue literarische Star Argentiniens

„Unter dieser furchterregenden Sonne“

von Carlos Busqued

Gleichgültig hinterlässt der Roman „Unter dieser furchterregenden Sonne“ den Leser. Gleichgültig gegenüber dem Hauptprotagonisten Cetarti – immerhin erfährt der Leser so gut wie nichts über ihn. Gleichgültig gegenüber Danielito, dem ein zweiter Handlungsstrang im Buch gewidmet ist – der aber trotzdem nie greifbar wird. Gleichgültig gegenüber Argentinien – das Autor Carlos Busqued als trostlosen Ort skizziert. Ein einziges Mal kommt sowas wie Emotion beim Lesen des Romans hoch und das ausgerechnet, wenn es um das Schicksal eines kleinen, hässlichen Axolotls geht. „Unter dieser furchterregenden Sonne“ ist eine Momentaufnahme von einem Land, das seine Geschichte als Diktatur noch immer in den Fängen hält, was sich im Alltag durch scheinbare Banalitäten bemerkbar macht.
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Wahnsinn und Sonne
Cetarti verbringt seinen Alltag kiffend vor dem Fernseher. Tier- und Geschichtsdokumentationen zählen zu seinem absoluten Lieblingsprogramm. Ein Anruf von einem Unbekannten reißt ihn aus dem Trott. Sein Bruder und seine Mutter wurden erschossen, nun soll sich Cetarti um die Beisetzung kümmern. Mit Gleichgültigkeit nimmt Cetarti die Nachricht auf. Mit der Familie hat er seit Jahren keinen Kontakt mehr gepflegt, dass er sich nun um deren Beisetzung kümmern soll, fasst er als lästige Unterbrechung seines Alltags auf. Mit genügend Dope in der Tasche reist er in das Provinzdorf Lapachito. Ein surrealer Ort, der durch einen Grundwasseranstieg immer tiefer im Schlamm versinkt, sie nach Fäkalien stinken und alle Pflanzen verdorren lässt. Die fehlenden Bäume lassen die heißen Sonnenstrahlen ungehindert auf das Dorf scheinen, eine furchterregende Sonne, die die Einwohner in den Wahnsinn treibt.

In Lapachito lernt Cetarti den zutiefst unsympathischen Testamentsvollstrecker Duarte kennen. Zwischen den beiden entwickelt sich sowas wie Freundschaft, eher aber eine auf Geben und Nehmen basierende Bekanntschaft. Duarte ist für Cetarti ein guter Dope-Beschaffer, Cetarti ist für Duarte die Möglichkeit, von der Lebensversicherung der verstorbenen Mutter durch Betrug kräftig mitzunaschen. Was Cetarti nicht weiß, ist, was Duarte neben seiner Obsession für perverse Pornos noch so treibt. Ein zweiter Hauptprotagonist tritt in den Roman: Danielito ist der Komplize von Duarte, gemeinsam entführen sie Menschen, missbrauchen sie im Keller und verlangen von deren Angehörigen Lösegeld. Fortan wird die Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt, aus der von Danielito und der von Cetarti.

 

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Vom Axolotl zur Gleichgültigkeit
Cetarti ist eine von Grund auf langweilige Romanfigur. Was will man auch viel über einen erzählen, der den ganzen Tag damit verbringt, Tierdokumentation zu schauen und dessen einzige Sorge es ist, genügend Dope auf Lager zu haben? Als Cetarti in das Haus seines verstorbenen Bruders einzieht und sich um dessen Haustier, einen Axolotl, kümmert, ist es das erste Mal, dass Cetarti so etwas wie Emotionen zeigt. Der Axolotl scheint der wortlose Knackpunkt des Romans zu sein. Hilflos hinterlässt ihn Cetarti in seinem Aquarium, um in ein neues Leben zu starten. Beziehungsweise in sein altes Leben, entscheidet sich Cetarti irgendwann dann doch wieder für seine gewohnte Gleichgültigkeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Weniger vom Schrott
Manchmal bleibt es bei einer guten Idee. Etwa bei „Unter dieser furchterregenden Sonne“. Was hätte Carlos Busqued, der eigentlich Radioprogramme produziert, nicht alles aus dieser Romanidee machen können! Doch er scheitert an Spannung. Der Lesefluss ist durchwegs gegeben, aber dringend notwendige Höhepunkte fehlen komplett. Busquet hält sich in seinem Debutroman zu sehr mit Details auf. Es ist für den Leser und die Geschichte etwa keineswegs wichtig, wie viel Liter Cola getrunken wird (und es ist bei weitem nicht so wichtig, dass es auch ab und zu in Klammer erwähnt werden muss), es ist auch nicht wichtig, welchen Schrott Cetarti im Haus seines Bruders findet (zumindest nicht so wichtig, dass man ganze Absätze einer Aufzählung des Schrotts widmet). Wichtig wäre es gewesen, mehr über die Abgründe der Hauptfiguren zu erfahren. Wichtig wäre es auch gewesen, sich beim Schreibstil Kanten und Raffinessen zu erlauben. So ist die Geschichte von der furchterregenden Sonne keineswegs (furcht-)erregend, sondern bloß ganz netter Lesestoff.

Nichtsdestotrotz darf man auf ein weiteres Buch von Carlos Busqued gespannt sein. Der Autor wird jetzt schon als der große neue Star am argentinischen Literatenhimmel gefeiert. Nicht zu Unrecht, gute Ideen wären ja bereits gegeben, am Stil muss Busqued jedoch noch feilen.

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