Aufgeblättert: „Unter dieser furchterregenden Sonne“
„Unter dieser furchterregenden Sonne“
von Carlos Busqued
Wahnsinn und Sonne
Cetarti verbringt seinen Alltag kiffend vor dem Fernseher. Tier- und
Geschichtsdokumentationen zählen zu seinem absoluten Lieblingsprogramm.
Ein Anruf von einem Unbekannten reißt ihn aus dem Trott. Sein Bruder
und seine Mutter wurden erschossen, nun soll sich Cetarti um die
Beisetzung kümmern. Mit Gleichgültigkeit nimmt Cetarti die Nachricht
auf. Mit der Familie hat er seit Jahren keinen Kontakt mehr gepflegt,
dass er sich nun um deren Beisetzung kümmern soll, fasst er als lästige
Unterbrechung seines Alltags auf. Mit genügend Dope in der Tasche reist
er in das Provinzdorf Lapachito. Ein surrealer Ort, der durch einen
Grundwasseranstieg immer tiefer im Schlamm versinkt, sie nach Fäkalien
stinken und alle Pflanzen verdorren lässt. Die fehlenden Bäume lassen
die heißen Sonnenstrahlen ungehindert auf das Dorf scheinen, eine
furchterregende Sonne, die die Einwohner in den Wahnsinn treibt.
In Lapachito lernt Cetarti den zutiefst unsympathischen
Testamentsvollstrecker Duarte kennen. Zwischen den beiden entwickelt
sich sowas wie Freundschaft, eher aber eine auf Geben und Nehmen
basierende Bekanntschaft. Duarte ist für Cetarti ein guter
Dope-Beschaffer, Cetarti ist für Duarte die Möglichkeit, von der
Lebensversicherung der verstorbenen Mutter durch Betrug kräftig
mitzunaschen. Was Cetarti nicht weiß, ist, was Duarte neben seiner
Obsession für perverse Pornos noch so treibt. Ein zweiter
Hauptprotagonist tritt in den Roman: Danielito ist der Komplize von
Duarte, gemeinsam entführen sie Menschen, missbrauchen sie im Keller
und verlangen von deren Angehörigen Lösegeld. Fortan wird die
Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt, aus der von Danielito und der
von Cetarti.
Cetarti ist eine von Grund auf langweilige Romanfigur. Was will man auch viel über einen erzählen, der den ganzen Tag damit verbringt, Tierdokumentation zu schauen und dessen einzige Sorge es ist, genügend Dope auf Lager zu haben? Als Cetarti in das Haus seines verstorbenen Bruders einzieht und sich um dessen Haustier, einen Axolotl, kümmert, ist es das erste Mal, dass Cetarti so etwas wie Emotionen zeigt. Der Axolotl scheint der wortlose Knackpunkt des Romans zu sein. Hilflos hinterlässt ihn Cetarti in seinem Aquarium, um in ein neues Leben zu starten. Beziehungsweise in sein altes Leben, entscheidet sich Cetarti irgendwann dann doch wieder für seine gewohnte Gleichgültigkeit.
Manchmal bleibt es bei einer guten Idee. Etwa bei „Unter dieser furchterregenden Sonne“. Was hätte Carlos Busqued, der eigentlich Radioprogramme produziert, nicht alles aus dieser Romanidee machen können! Doch er scheitert an Spannung. Der Lesefluss ist durchwegs gegeben, aber dringend notwendige Höhepunkte fehlen komplett. Busquet hält sich in seinem Debutroman zu sehr mit Details auf. Es ist für den Leser und die Geschichte etwa keineswegs wichtig, wie viel Liter Cola getrunken wird (und es ist bei weitem nicht so wichtig, dass es auch ab und zu in Klammer erwähnt werden muss), es ist auch nicht wichtig, welchen Schrott Cetarti im Haus seines Bruders findet (zumindest nicht so wichtig, dass man ganze Absätze einer Aufzählung des Schrotts widmet). Wichtig wäre es gewesen, mehr über die Abgründe der Hauptfiguren zu erfahren. Wichtig wäre es auch gewesen, sich beim Schreibstil Kanten und Raffinessen zu erlauben. So ist die Geschichte von der furchterregenden Sonne keineswegs (furcht-)erregend, sondern bloß ganz netter Lesestoff.
Nichtsdestotrotz darf man auf ein weiteres Buch von Carlos Busqued gespannt sein. Der Autor wird jetzt schon als der große neue Star am argentinischen Literatenhimmel gefeiert. Nicht zu Unrecht, gute Ideen wären ja bereits gegeben, am Stil muss Busqued jedoch noch feilen.
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Link dazu ...
Carlos Busqued im Antje-Kunstmann-Verlag
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