14. Oktober 2010 | Meinung

Aufgeblättert: „1Q84“

mokant.at > foto: michaela wein
Auch Murakamis Roman „1Q84“ kommt nicht ohne Tiere aus

„1Q84“ von Haruki Murakami

 

Das Warten hat endlich ein Ende – nach der Erzählung „Schlaf“ und der autobiographischen Geschichte „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ erscheint nach Jahren des Entzugs Haruki Murakamis Roman „1Q84“.

Als „Entzug“ kann der Mangel an Bücher-Nachschub des japanischen Schriftstellers ruhig bezeichnet werden. Murakamis unvergleichlicher Stil, surrealistische Elemente mit Popkultur und dem modernen Japan zu verbinden, ist einzigartig und fesselnd. „Aus irgendeinem Grund ist das, was mich berührt, immer etwas, das ich nicht verstanden habe“, wird er in „Murakami und die Melodie des Lebens“ von Jay Rubin zitiert, und eben dies ist es, was seine Bücher so besonders macht. Zu einer endgültigen Lösung des Rätsels kommt es nie so richtig.

 

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Das Maul der toten Ziege
So auch in „1Q84“. Eine Anspielung an George Orwells „1984“, ein Roman der beschreibt, wie besagtes Jahr hätte verlaufen können. Eine Auftragskillerin, die über eine Treppe auf der Autobahn in eine Parallelwelt gelangt, die sie „1Q84“ tauft. Ein aufstrebender Schriftsteller names Tengo, der den Roman einer jungen Frau umschreibt und ihr damit zum Erfolg verhilft. Was er nicht weiß: „Die Puppe aus Luft“, das Werk des Mädchens, ist gar nicht so fantastisch wie angenommen. Der Schriftsteller und die Mörderin, die nur Männer ins Jenseits befördert, die ihren Familien Leid angetan haben, sind zwei Teile einer gemeinsamen Geschichte, die erst über Umwege zusammenfindet. Surreale Elemente wie die „Little People“, die aus dem Maul einer toten Ziege klettern oder spinatfressende Schäferhunde dürfen auch diesmal nicht fehlen. Tierische Elemente in Murakamis Büchern sind schon in den Romanen „Wilde Schafsjagd“ und „Tanz mit dem Schafsmann“ deutlich geworden.

 

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Liebe und Tingeltangel
In der Parallelwelt „1Q84“ ist nichts mehr, wie es war: Menschen, die den beiden Protagonisten nahe stehen, sterben oder verschwinden spurlos; die Umgebung erscheint vertraut, und doch fremd und anders. Der einzige Hinweis, dass etwas nicht stimmt: Am Himmel sind zwei Monde zu sehen.

Und am Ende ist es wieder einmal eine Liebesgeschichte. Murakami beschreibt Emotionen, sexuelle Spannungen und das Bedürfnis nach körperlicher Nähe so eindrucksvoll, wie er es schon in „Gefährliche Geliebte“ und „Naokos Lächeln“ geschafft hat. „Ohne deine Liebe wäre dein Leben nicht mehr als eine Honky-tonk parade, ein Tingeltangel.“ Doch was nach Kitsch-Roman klingt, ist stattdessen die Beschreibung großer Gefühle ohne jegliche Überzeichnung.

 

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Murakamis Figuren sind nachdenkliche Poeten, mit Sinn für die kleinen Dinge des Lebens und der Bereitschaft, das eigene Schicksal in unbekannte Hände zu legen. Sie lassen sich durch Übernatürliches und Ungewohntes nicht verschrecken, sondern stellen sich den Veränderungen, wie sie kommen. Ein Abenteuer mit viel Ruhe, eine große Liebesgeschichte ohne Schnörkel, die ihre Leser nicht mehr loslässt. „Manchmal kann man nur sein Leben geben“, heißt es in „1Q84“, und dass der Autor sein Herzblut in diese Geschichte gelegt hat, ist offensichtlich. Das mehr als tausendseitige Über-Werk des Haruki Murakami, das ihn spätestens jetzt zu einem Nobelpreis-Kandidaten macht.

 

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