Aufgeblättert: „1Q84“
„1Q84“ von Haruki Murakami
Das Warten hat endlich ein Ende – nach der Erzählung „Schlaf“ und der
autobiographischen Geschichte „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen
rede“ erscheint nach Jahren des Entzugs Haruki Murakamis Roman „1Q84“.
Als „Entzug“ kann der Mangel an Bücher-Nachschub des japanischen
Schriftstellers ruhig bezeichnet werden. Murakamis unvergleichlicher
Stil, surrealistische Elemente mit Popkultur und dem modernen Japan zu
verbinden, ist einzigartig und fesselnd. „Aus irgendeinem Grund ist
das, was mich berührt, immer etwas, das ich nicht verstanden habe“,
wird er in „Murakami und die Melodie des Lebens“ von Jay Rubin zitiert,
und eben dies ist es, was seine Bücher so besonders macht. Zu einer
endgültigen Lösung des Rätsels kommt es nie so richtig.
Das Maul der toten Ziege
So auch in „1Q84“. Eine Anspielung an George Orwells „1984“, ein Roman
der beschreibt, wie besagtes Jahr hätte verlaufen können. Eine
Auftragskillerin, die über eine Treppe auf der Autobahn in eine
Parallelwelt gelangt, die sie „1Q84“ tauft. Ein aufstrebender
Schriftsteller names Tengo, der den Roman einer jungen Frau umschreibt
und ihr damit zum Erfolg verhilft. Was er nicht weiß: „Die Puppe aus
Luft“, das Werk des Mädchens, ist gar nicht so fantastisch wie
angenommen. Der Schriftsteller und die Mörderin, die nur Männer ins
Jenseits befördert, die ihren Familien Leid angetan haben, sind zwei
Teile einer gemeinsamen Geschichte, die erst über Umwege
zusammenfindet. Surreale Elemente wie die „Little People“, die aus dem
Maul einer toten Ziege klettern oder spinatfressende Schäferhunde
dürfen auch diesmal nicht fehlen. Tierische Elemente in Murakamis
Büchern sind schon in den Romanen „Wilde Schafsjagd“ und „Tanz mit dem
Schafsmann“ deutlich geworden.
Liebe und Tingeltangel
In der Parallelwelt „1Q84“ ist nichts mehr, wie es war: Menschen, die den
beiden Protagonisten nahe stehen, sterben oder verschwinden spurlos;
die Umgebung erscheint vertraut, und doch fremd und anders. Der einzige
Hinweis, dass etwas nicht stimmt: Am Himmel sind zwei Monde zu sehen.
Und am Ende ist es wieder einmal eine Liebesgeschichte. Murakami
beschreibt Emotionen, sexuelle Spannungen und das Bedürfnis nach
körperlicher Nähe so eindrucksvoll, wie er es schon in „Gefährliche
Geliebte“ und „Naokos Lächeln“ geschafft hat. „Ohne deine Liebe wäre
dein Leben nicht mehr als eine Honky-tonk parade, ein Tingeltangel.“
Doch was nach Kitsch-Roman klingt, ist stattdessen die Beschreibung
großer Gefühle ohne jegliche Überzeichnung.
Murakamis Figuren sind nachdenkliche Poeten, mit Sinn für die kleinen Dinge des Lebens und der Bereitschaft, das eigene Schicksal in unbekannte Hände zu legen. Sie lassen sich durch Übernatürliches und Ungewohntes nicht verschrecken, sondern stellen sich den Veränderungen, wie sie kommen. Ein Abenteuer mit viel Ruhe, eine große Liebesgeschichte ohne Schnörkel, die ihre Leser nicht mehr loslässt. „Manchmal kann man nur sein Leben geben“, heißt es in „1Q84“, und dass der Autor sein Herzblut in diese Geschichte gelegt hat, ist offensichtlich. Das mehr als tausendseitige Über-Werk des Haruki Murakami, das ihn spätestens jetzt zu einem Nobelpreis-Kandidaten macht.
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Haruki Murakami im Dumont Verlag
Rezension von





















































