29. Oktober 2010 | Musik

„Die Bibel und Pornografie“

Tarjei Krogh
„Entweder man liebt uns oder man hasst uns“, meint Nernes

Die norwegische Noise Rock Band Ã…rabrot über Urin, Rache, Pornos und Komposition

 

Die beiden Norweger von Ã…rabrot sind ein liebenswert, eigentümliches Duo. Nach der örtlichen Müllhalde mit einem nahegelegenen Heim für schwererziehbare Jugendliche benannt, lärmen sie bei ihren Auftritten mit Gekreische, Gitarre, Schlagzeug und Sampler drauflos und sammeln auch abseits der Bühne mehr erinnernswerte Anekdoten als so manch andere Band. Von freizügigem Urinieren neben Rockstars bis hin zur Berufungsfindung im Vollrausch unter Discokugellicht. Mit mokant.at sprach Hauptsongwriter Kjetil Nernes überaus höflich und gelassen über ihre Grammynominierung und ihre nichtexistenten Verbindungen zu anderen norwegischen Musikszenen.

Ã…rabrot

mokant.at: In einem norwegischen Interview habt ihr gesagt, dass wenn 1000 Leute euer neues Material hören würden, 950 den Saal verlassen würden, aber die 50 Übriggebliebenen würden es lieben.
Kjetil Nernes: Ja, es auch so. Es gibt da keinen Mittelweg. Entweder lieben uns die Leute oder sie hassen uns. Manche Leute kommen zu mir und sagen sowas wie: „Hey, du hast mein Leben verändert!“ Ich mache einfach nur mein Ding und dann ist so etwas wirklich etwas Wunderbares.

mokant.at: Trotzdem wurde euer Album zum Metalalbum des Jahres nominiert. Also scheint es durchaus eine größere Fangemeinde in Norwegen zu geben.
Nernes: Ja, das war bei den norwegischen Grammys. Das war nett, da man so eine Art Statement von den Leuten, der Musik-Community und allen bekam. Es zeigte, dass sie schätzen was wir machen. Das ist eine coole Sache.

mokant.at: Ihr habt heute auf Twitter einen Tweet zum heutigen Konzert abgeschickt und habt ungefähr tausend Freunde auf Facebook. Wie wichtig sind diese neuen sozialen Onlinenetzwerke für euch?
Nernes: Ich denke sie sind so wichtig für uns wie für jede andere Band. Es ist eine einfache Art zu kommunizieren. Ich meine, ich persönlich bin nicht einmal auf Facebook, aber wie man sieht ist es meine Band. Ich kümmere mich per se nicht so sehr um dieses ganze Internet- und Kommunikationsding, aber ich verstehe seine Wichtigkeit und wir nutzen diese auch. Vidar, der Schlagzeuger, kümmert sich bei uns um all diese Nachrichten.

mokant.at: Ihr habt heuer euer neues Album „Revenge“ veröffentlicht und gesagt, dass es das Ende eines Zyklusses markiert.
Nernes: Das geht darauf zurück, dass wir nun schon seit bald zehn Jahren bestehen, aber teilweise hat es auch mit einem ganz natürlichen Prozess zu tun. Wir schrumpften von vier Leuten auf drei und sind jetzt nur noch ein Duo. Nur der harte Kern der Band hatte Bestand. Wir haben unser Management gewechselt und es war auch für mich persönlich das Ende einer Ära und ein Schlusspunkt. Zu dieser Zeit lagen auch eine Menge Rachegelüste in der Luft und das Album markiert diesen Zeitpunkt.

mokant.at: Ihr habt gesagt, dass der Titel „Revenge“ sich auf eure persönliche Rache an der Musik und einer bestimmten Person bezieht. Somit ist diese eine Person wohl auch in das Ende dieses Zyklusses involviert?
Nernes: (lacht) Das kann gut sein.

 

Tarjei Krogh

mokant.at: Ihr habt bereits mit absoluten Stars im Musikbusiness zusammengearbeitet, beispielsweise mit Steve Albini (produzierte u.a. Nirvana, Anm.) Wie habt ihr ihn kennengelernt?
Nernes: Im Prinzip haben wir ihn und Electricial Audio Studios in Chicago ganz einfach kontaktiert. Wir konnten auch Bob Weston von Shellac für das Mastering gewinnen. Wir sind einfach rübergeflogen und haben dort unser Album aufgenommen.

mokant.at: Ich fand diese Anekdote nett, da du in einem Interview erwähnt hast, dass du erst durch Nirvanas „In Utero“ zur Musik gekommen bist und Albini ja ebendieses Album produziert hat.
Nernes: Ja das war eine lustige Geschichte. Ich war 15 und hatte eine große Flasche von diesem ekelhaften roten Likör getrunken. Mir ging es total dreckig und ich kroch nur noch den Boden entlang. In dem Haus in dem die Party war, hatten sie diese dummen 90er Jahre Discokugeln. Es war ansonsten total dunkel. Die Lichter drehten sich ständig im Kreis und plötzlich erhellte eines für einen Augenblick einen kleinen Punkt auf dem Boden wo einige CDs herumlagen. Eine dieser CDs zog meine Aufmerksamkeit auf sich und es stellte sich heraus, dass es Nirvanas „In Utero“ war. Danach habe ich von einem Freund ein paar Nirvana CDs gekauft und mir anschließend in einem Laden die restlichen besorgt. So hat das alles angefangen, davor war ich nicht wirklich an Musik interessiert - das war der Umbruchspunkt.

mokant.at: Du hast die Bibel und Pornografie als die beiden stimulierendsten Quellen der Menschen genannt.
Nernes: Ja das ist absolut wahr. Ich würde sagen, dass man thematisch alles grob in Pornografie auf der einen Seite und die Bibel auf der anderen Seite einteilen kann.

mokant.at: Wie steht es um all die Geschichten um eure Band? Ich habe gelesen du hast durch Verletzungen durch Hunde und Polizei teilweise Stahlimplantate in den Armen hast und es soll einmal auch einen Urinier-Wettbewerb gegeben haben.
Nernes: Ja, es gibt da einige Geschichten. Das mit dem Piss-Contest war beispielsweise unsere Roadie-Dame Annalynn mit David Yow von The Jesus Lizard (einflussreiche Noise Rock Band in de 90ern, Anm.). Wir tourten zu dieser Zeit mit Qui und es passierte die erste Nacht in der wir David getroffen hatten. In einer gewissen Weise ist er eine Art Rockstar und er ist diese ganzen Typen leid die ständig „Oh mein Gott, da ist David Yow!“ rufen. Plötzlich kommt Annalynn an ihm vorbei, kniet sich hin, hebt ihren Rock und pisst neben ihm in ihr Bierglas. Als er das sah, konntest du in seinem Gesicht sehen, dass er das grandios fand! So haben wir ihn kennengelernt und anschließend noch einigen Spaß mit ihm gehabt.

 

Ã…rabrot

mokant.at: Wie habt ihr anfänglich ein Label gefunden?
Nernes: Das war ehrlichgesagt eine ziemlich seltsame Sache. Der allererste Bassist von Ã…rabrot hatte anfangs einen Independent-Plattenladen in Oslo. Dann startete er dieses Label namens Fysiks Format, das sich in der Zwischenzeit sehr entwickelt hat und inzwischen ziemlich groß geworden ist. So ist das
abgelaufen, wir waren die erste Band die gefragt wurde auf Fysiks Format zu veröffentlichen. Es war ein einfacher, natürlicher Prozess.

mokant.at: Ihr habt auch gesagt, dass ihr die Band kontinuierlich in etwas zunehmend Rohes und Intrigierendes entwickeln wollt, so wie die Abfälle auf der Städtischen Müllhalde nach der ihr euch benannt habt.
Nernes: Ja vielleicht. (lacht) Habe ich das gesagt?

mokant.at: Zumindest habt ihr das geschrieben.
Nernes: Es gibt auf jeden Fall eine kontinuierliche Entwicklung und wir blicken immer ziemlich weit nach vorne. Und dabei gibt es natürlich jedes Mal verschiedene Richtungen. Zur Zeit promoten wir gerade dieses Album, Revenge, aber für mich fühlt es sich wirklich wie ein Ende und ein neuer Start an. Und
ich glaube, dass dieser Neustart unsere Musik wieder in eine andere Richtung entwickeln wird, welche dann wiederum in eine andere Richtung abdriften wird - so ist das eben.

mokant.at: Ihr habt auch gesagt, dass ihr für die derzeitige Generation gerne das sein würdet, was die Melvins und die Swans für die vorhergegangene Generation waren.
Nernes: Ja, das hat ursprünglich Fyskis Format geschrieben. Das sind nette Worte, aber ich sage nicht, dass wir einmal so gut sein werden wie eine dieser Bands.

mokant.at: Aber ihr wurdet bereits mit den Melvins und Lightning Bolt verglichen.
Nernes: Ja, viele Male. Und ich meine, es ist ja auch wahr, es ist auf jeden Fall in unserer Musik zu hören. Daher stammen wir musikalisch ab und wenn wir einmal nur in die Nähe einer dieser Bands kommen würden, wäre ich natürlich so glücklich wie ich nur sein könnte.

mokant.at: Musikalisch wird Norwegen ja oft primär mit Black Metal verbunden. Vielleicht noch zusätzlich mit der Punkszene um das Blitz (autonomes Haus und
Szenetreffpunkt der Punkszene in Oslo, Anm.
). Wie ist eure Einstellung dazu?
Nernes: Ja, stimmt. Uns gefiel manches von dem Black Metal Zeug wie Mayhem und einiges von Darkthrone, Burzum und natürlich von Bathory. Aber generell gibt es keine wirklichen Verbindungen zwischen uns und der Black Metal Szene. Die Szene ist sehr geschlossen und beinhaltet einfach einen anderen Vibe und eine andere Art Leute als uns.

mokant.at: Ist Black Metal noch immer präsent in Norwegen?
Nernes: Auf jeden Fall. Es gibt immer noch einige Bands wie Satyricon und sogar Burzum hat ja in diesem Jahr ein neues Album veröffentlicht. Es gibt noch eine Szene und einige Festivals. Aber wir sind im Prinzip eher auf uns selbst gestellt. Wir sind auch nicht Teil des Blitz Millieus, wir haben nichts mit ihnen zu tun und auch nicht mit den anderen. Wir haben allerdings einige Dinge des Black Metals aufgegriffen, die Einstellung zum Beispiel.

mokant.at: Ihr vergleicht eure Kompositionstechniken zu der von experimentellen Filmen und Theater. Wie ist das zu verstehen?
Nernes: Wir haben natürlich bereits vor laufenden Filmen und auch auf zwei, drei Filmfestivals gespielt. Im Jänner spielen wir auf einem internationalen Filmfestival in Trommse, im Norden Norwegens. Thematisch und kompositorisch sind wir definitiv von Filmen beeinflusst, zumindest bin ich das.

 

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