mokant.at: Die Grünen haben vergangenen Montag Anzeige gegen das jüngste FPÖ-Comic „Sagen aus Wien“ erstattet. Warum?
Maria Vassilakou: Weil in diesem Comic ein Kind von
Heinz-Christian Strache aufgefordert wird, mit Steinen nach Ausländern
zu schießen. Ich meine, dass jede politische Übertretung dort die
Grenze zum Kriminellen überschreitet, wo die Aufforderung zu Gewalt
erfolgt. Außerdem wird das Kind auch noch für das Steinewerfen belohnt.
mokant.at: Der grüne Bundesgeschäftsführer Stefan Wallner hat
die ÖVP sehr kritisiert, weil sie sich nicht wirklich zu dem Comic
geäußert hat. Die ÖVP hat dann gekontert, die Grünen würden auf jede
Provokation der Blauen aus Mangel an eigenen Themen aufspringen. Ist da
etwas dran?
Maria Vassilakou: Das ist eine billige Ausrede für Untätigkeit.
Die ÖVP ist schon einmal mit der FPÖ in einer Regierung gemeinsam
gesessen. Aktuell ist sie auch mit den FPÖ-Ablegern in Kärnten in einer
Regierung. Genau diese Form von Politik ist es, die seit Jahren dazu
führt, dass sich die FPÖ von Wahl zu Wahl immer mehr Übertretungen
leistet. Das ist eine Partei, die inzwischen offen rassistisch,
antisemitisch hetzt. Eine Partei, an deren Veranstaltungen Skinheads
auftauchen und durch „Heil Hitler“-Rufe auffallen. Es ist etwas, wo ich
mir von jeder anständigen Politik erwarten würde, sich entschieden
abzugrenzen. Es wundert mich, dass die ÖVP das nicht tut.
mokant.at: Sie haben einmal gesagt: „Eine Stimme für mich ist
eine Stimme gegen Strache“. Aufgrund solcher Aussagen meinen viele
Menschen, dass die Grünen zu sehr damit beschäftigt sind, die FPÖ zu
widerlegen und deswegen Probleme, die es in der Integration gibt,
verkennen oder schönreden.
Maria Vassilakou: Wo Menschen gemeinsam leben, kommt es immer zu
Problemen und Konflikten. Es gilt in der Politik Probleme ernst zu
nehmen und Lösungen anzubieten. Wenn man stattdessen Probleme nur nutzt
als Begründung für Hetze und Spaltung der Gesellschaft, dann bietet man
keine Lösung.
Die Grünen sind die einzige Partei, die seit Jahren darauf hinweist,
dass die Hälfte aller Schulkinder eine andere Muttersprache hat als
Deutsch. Da braucht es Investitionen, es braucht Lehrpersonal, damit
die Kinder von Anfang an gut Deutsch lernen und darüber hinaus gute
Kenntnisse in der Sprache ihrer Eltern erwerben. Etwas, das sehr in der
Wiener Politik verabsäumt worden ist. Wir wollen, dass Kinder, die in
Wien geboren werden und deren Eltern hier arbeiten und leben, auch die
österreichische Staatsbürgerschaft bekommen können, ohne dafür viel
Geld bezahlen zu müssen. Die Grünen sind außerdem die einzigen, die
seit vielen Jahren eine mehrsprachige Mediationsgruppe einfordern, die
in der ganzen Stadt über eine Hotline-Nummer angerufen werden kann und
die vor Ort vermittelt, wenn es etwa zu Nachbarschaftskonflikten kommt.
mokant.at: Es werden ja bereits „Ordnungsberater“ in den Gemeindebauten eingesetzt. Sind diese nicht vergleichbar mit Ihrer Forderung?
Maria Vassilakou: Es ist ein erster Schritt in die richtige
Richtung. Er kommt viel zu spät, es gibt viel zu wenige solcher
Helferinnen und Helfer, für 500.000 Menschen gibt es in Wien nur
zwanzig Kräfte. Und dazu kommt, dass es keine speziell ausgebildeten
Mediatoren sind. Ich will deren Beitrag in keinster Weise schmälern,
aber es mangelt an Ausbildung in diesem Bereich.
mokant.at: Sie haben bereits die Schule angesprochen. Es gibt in
Wien Schulklassen mit bis zu neunzig Prozent Migrantenanteil. Die FPÖ
hat den Vorschlag geäußert Quoten einführen, um den Migrantenanteil zu
beschränken. Was halten Sie davon?
Maria Vassilakou: Ich halte überhaupt nichts von Quoten. Es ist
unwichtig, woher die Eltern eines Kindes ursprünglich stammen. Wichtig
ist für unser Schulwesen, ob jedes Kind ausreichend Deutsch spricht, um
dem Unterricht folgen zu können. Wenn ich feststelle, dass es da
Schwierigkeiten gibt, dann ist es meine Aufgabe als Politikerin dafür
zu sorgen, dass dieses Kind zusätzlich unterstützt wird. Das soll in
Form von Begleit- und Zusatzunterricht passieren, mit dem Ziel es so
rasch wie nur möglich mit den Deutschkenntnissen auszustatten, die es
für sein Leben braucht.
Aber eine Spaltung der Wiener Kinder in „unsere Kinder“ und
„Ausländerkinder“ ist abartig. Jedes Kind, das in Wien geboren wird und
aufwächst, ist ein Wiener Kind. Ich halte nichts davon ihnen schon in
ihrer Kindheit einzutrichtern, dass sie nicht dazugehören.
mokant.at: Das heißt, Sie sind für verpflichtende Deutschkurse?
Maria Vassilakou: Ich war immer schon dafür, dass alle Kinder ab
dem dritten Lebensjahr den Kindergarten besuchen müssen, damit alle mit
sechs so gut Deutsch können, dass es das Problem einfach nicht mehr
gibt. Und wenn in späteren Jahren das ein oder andere Kind
Schwierigkeiten hat, soll es verpflichtende Aufbaukurse geben.
05. Oktober 2010 | Politik
„FPÖ offen rassistisch“
„Spaltung in ‚unsere Kinder' und ‚Ausländerkinder' ist abartig“
Vassilakou über Deutschkurse, die „anti-semitische“ FPÖ und andere Abartigkeiten
„Rechts“ ist für die Spitzenkandidatin der Wiener Grünen „nur als
Wegweiser zulässig“. Die FPÖ hält Maria Vassilakou für eine Partei, die
„offen rassistisch und antisemitisch hetzt“ und die ÖVP betreibe keine
„anständige Politik“, wenn sie sich davon nicht entschieden abgrenze.
Den Vorwurf, die Grünen würden Integrationsprobleme als Reaktion auf
die FPÖ schönreden, möchte sie nicht auf sich sitzen lassen. Im
Interview erzählt die gebürtige Griechin von den grünen Plänen für
gelungene Integration. Zu den internen Querelen der Wiener Grünen gibt
sie sich genauso wie zu den schlechten Umfragewerten zugeknöpft. Lieber
spricht sie darüber, wofür sie das Wiener Budget verwenden würde,
anstatt Millionen für „Lobhudelkampagnen“ rauszuwerfen, wie es ihrer
Meinung nach die SPÖ tut.
„Wo Menschen gemeinsam leben, kommt es immer zu Problemen“





