27. Oktober 2010 | Kultur

Star wider Willen

Tom Palumbo
„Ich bin dann mal weg“: Jack Kerouac als Idol einer Generation

Mit Jack Kerouac besseren Zeiten entgegen –
ein Porträt des Kult-Autors von „Unterwegs“

 

Jack Kerouac wurde am 12. März 1922 in Lowell, Massachusetts geboren und besuchte mittels Sportstipendium die Columbia University. Dort traf er Allen Ginsberg und William S. Burroughs. Zusammen sollten sie später den Ursprung und Kern der Beat-Generation bilden. Doch bis dahin war es ein langer, eher unbequemer und untypischer Weg.

Kerouac, ein gutaussehender Mann mit franko-kanadischen Wurzeln, führte ein berauschendes, unstetes und pulsierendes Leben: Er diente in der Handelsmarine, arbeitete in Gelegenheitsjobs und reiste so kreuz und quer durch die USA. Seine Begleiter waren Alkohol, Drogen und sexuelle Abenteuer. Was Kerouac in dieser Zeit schrieb, fand wenig Beachtung.

 

Sex, Drugs 'n' Jazz
Zwischen seinen Reisen legte Kerouac gerne Stopps in New York City ein, wo seine Freunde aus Studienzeiten lebten: Allen Ginsberg, Neal Cassady, Lucien Carr und William S. Burroughs. Ein unglaublich packendes Zeitzeugnis liefert der Roman „Und die Nilpferde kochten in ihrenBecken“. Das Buch zeichnet das Bild von einer brodelnden Stadt und einem Freundeskreis, der nie schläft und immer feiert. Doch plötzlich geschieht ein Mord unter den Männern. Kerouac und Burroughs verfassten ein gutes halbes Jahr nach dem Mord an David Kammerer zusammen den Text, der 2010 erstmals herausgegeben wurde.

Kerouacs Rastlosigkeit, die unzähligen Abenteuer, Partys und Exzesse erforderten eine besondere Ausdrucksweise, die Kerouac erst entwickeln musste. Das Reisen, Durch-das-Land-Trampen, ist das Thema des Kult-Buches „On the Road“, das Vorbild für alle späteren Roadmovies ist. Es geht um zwei junge Männer, die quer durch die USA reisen, um sich lebendig zu fühlen. Sie leben in der Sekunde und suchen nach dem perfekten Ort. Auch wenn es ihn nicht gibt – solange sie unterwegs und auf der Suche sind, können sie vor der Hoffnungslosigkeit und Trivialität der Realität flüchten.

 

„On the Road“ – Ein Lebensgefühl
Das temporeiche und erregte Lebensgefühl von Jack Kerouac und seinem Wegbegleiter und Vorbild Neal Cassady drückt sich in der Sprache von „On the Road“ (deutsch „Unterwegs“) aus, beispielsweise spart er an Satzzeichen und Absätzen. Kerouacs Stil erinnert an Jazz-Improvisation, was in Anbetracht von Kerouacs Bewunderung für Jazz kein Zufall zu sein scheint. Bezeichnenderweise tippte Kerouac das Manuskript auf einer selbst hergestellten Papierrolle, damit er im Schreibfluss nicht gestört werden würde. Das endlos erscheinende weiße Papier, das beschrieben wird, symbolisiert die vor ihm liegende Landstraße, die befahren und erlebt werden muss.
Der Roman wurde 1957 veröffentlicht, gut sechs Jahre nach Fertigstellung. Im September 2010 erschien die ungekürzte Urfassung des legendären Beat-Romans zum ersten Mal auf Deutsch.

„On the Road“ traf den Nerv der Zeit und bedeutete Kerouacs Karrieredurchbruch, was den Autor jedoch auch überforderte. Als „King of the Beats“ gefeiert, fühlte er sich und seinen Literaturbegriff oft unverstanden. Die Beats wurden einseitig als sich herumtreibende junge Menschen auf Drogen, die von Freiheit träumten, dargestellt und karikiert. Die literarische Jugendbewegung wurde kommerzialisiert und missverstanden, was Kerouac besonders verbitterte. Andere Romane von Jack Kerouac blieben vom Publikum weitgehend unbeachtet, wie zum Beispiel „The Dharma Bums“, „Mexico City Blues“, „The Subterraneans“, „Desolation Angels“ und „Vision of Cody“.


Frühes Ende und Nachwirken
Jack Kerouac hatte Zeit seines Lebens Geldprobleme und war alkoholabhängig. Die Alkoholsucht führte auch zu seinem frühen Tod im Alter von 47 Jahren; er verstarb am 21. Oktober 1969 in St. Petersburg, Florida. Sein Grab befindet sich auf dem Edson Cemetery in Lowell, Massachusetts.

Kerouac bleibt die auffallende Persönlichkeit der Beat-Generation, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass sein berühmtester Roman „On the Road“ bis heute stark rezipiert wird und Bewunderung und Nachahmung findet. Viele Autore und auch Musiker beziehen sich direkt oder indirekt auf den Roman, das Thema scheint noch immer zu faszinieren und elektrisieren. Im Sommer 2010 begannen die Dreharbeiten zur filmischen Umsetzung von „On the Road“ unter der Regie von Walter Salles und mit Sam Riley (als Sal Paradise), Garrett Hedlund (Dean Moriarty), Kristen Stewart (Marylou) und Kirsten Dunst (Camille) in den Hauptrollen.


Öffne dich! Lausche!
In aktuellen Impulsen von Jack Kerouac mangelt es wahrlich nicht, der einmal als Anleitung für das Schreiben von moderner Prosa forderte:

„Gib dich jedem Eindruck hin! Öffne dich! Lausche! […] Sei in dein Leben verliebt. […]
Geh immer vom Kern der Sache aus, schwimm im Meer der Sprache. […]
Komponiere wild, undiszipliniert, rein! Schreibe, was aus den Tiefen deines Inneren aufsteigt!
Je verrückter, desto besser!“


Wenn man diese Zeilen verinnerlicht, könnten diese auch als Anleitung zu einem Leben in Beat-Manier gelesen werden: immer unterwegs, impulsiv, leidenschaftlich und auf der Suche nach ultimativen Erfahrungen und dem perfekten Moment des Glücks.

 

Passend dazu ...
Aufgeblättert: „Unterwegs“

Artikel von
Natalie Chrstos

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