„Bin nicht homophob“
Huss und Hodn über sexistische Texte, den Glauben an Gott und überteuerte Platten
„Homo, du bist ne`Frau für mich!“ Sätze wie diese verleiten dazu, die Rapformation Huss und Hodn, bestehend aus Kurt Huss alias dem Retrogott und Hulk Hodn in eine Schublade homophober, sexistischer Deutsch-Rapkünstler zu stecken. Zusammen mit ihrem Musikerkollegen, Sylabil Spill, bilden sie die Rapgruppe „die Beleidiger“ und bedienen sich einem Schimpfwortreportoire, um ihrem Namenkollektiv gerecht zu werden. Doch ein genauer Blick auf das talentierte Duo lohnt sich, denn hinter vielen Textpassagen verbirgt sich eine gesellschaftskritische Note, die zur Selbstreflexion anregt und immer wieder normative Interessensgruppen in Frage stellt.
mokant: Retrogott, Homophobe und Sexistische Äusserungen prägen
einen großen Teil deiner Rap-Sprache. Aus welchem Grund wählst du
solche Worte?
Retrogott: Meine Sprachwahl ist wohl etwas unbedacht. Ich nehme
die Kritisierbarkeit bezüglich meiner Texte, die du gerade postuliert
hast, zu einhundert Prozent an. Ich habe selbst auch schon mit
Menschen, die meine Texte gut fanden, deren Ansichten ich jedoch nicht
teile, darüber diskutiert und auf die Kritisierbarkeit meiner Texte
hingewiesen. In solchen Fällen habe ich dann deinen Standpunkt
eingenommen. Auch wenn du es mir nicht vorgeworfen hast, zwecks Klärung
sage ich dir, dass ich nicht homophob bin. Ich habe wohl einen sehr
kontextgebundenen Haufen an Wörtern, die ich loslasse aber wenn du mit
mir lebst, mit mir darüber sprichst und mich im Alltag erlebst, wirst
du sehen, dass ich die Dinge anders betrachte, als ich sie rappe.
mokant: Trotz dieser Sprache, die du verwendest, umfasst dein Rap eine weite, gesellschaftskritische Thematik.
Retrogott: Ein Konzert von uns wurde aufgrund meiner Wortwahl
abgesagt. Es ist echt krass, wenn du merkst dass du zensiert wirst und
das entweder aufgrund des Verantwortungsbewusstseins oder der
linguistischen Sensibilität anderer oder eben auch aufgrund deren
Engstirnigkeit. Die Interpretationsbandbreite ist da sehr hoch. Es
freut mich aber, dass du das mit dem kritischen erwähnt hast, da es um
Kritik innerhalb einer demokratischen Gesellschaft geht. Vielleicht
habe ich ja auch die Kritik vieler Leute entzündet, was ja gut ist.
mokant: Fandet ihr die Zensur gerechtfertigt?
Retrogott: Ich fand es völlig übertrieben. Ich bin kein Freund von
Zensur. Das zeugt von Schwäche innerhalb einer demokratischen
Gesellschaft, die auf freier Meinungsäusserung beruht.
mokant: Euer zweites Album „Der Stoff aus dem die Regenschirme sind“ weist eine Veränderung deiner Wortwahl auf. Woher kommt das?
Retrogott: Ich setzte mich nicht hin und beschließe, keine
schwulenfeindlichen Texte mehr zu verwenden. Genauso unbewusst wie ich
sie verwendet habe, verwende ich sie jetzt eben nicht mehr. Wenn ich
darüber nachdenken würde, würde ich nur stottern. Es ist nicht
schaffbar, wenn man sich das vornimmt. Das ist, wie wenn man eine Frau
kennenlernen möchte. Am besten ist es, gleich ins Wasser zu springen,
anstatt mit Schwimmflügel am Beckenrand zu stehen.
mokant: Eine existierende Gesellschaft, die unkritisch agiert
und vieles als gegeben und unveränderbar ansieht. Ist dies eine
Kernaussage deiner Texte?
Retrogott: Auf jeden Fall, ist richtig.
mokant: Andere Textpassagen von dir behandeln das Thema Gott. Einerseits
berufst Du dich auf Gott, andererseits stellst du den Glauben wieder in
Frage. Wo ist nun dein Standpunkt?
Retrogott: Ich bin konfessionslos, aber kein ungläubiger Mensch. Das
zeigt sich schon dadurch, dass ich mit dir rede und ernsthaft auf deine
Fragen antworte. Wir glauben an so vieles, von dem wir nicht wissen,
dass wir daran glauben. Glauben ist ein weites Feld. Viele Leute die
sich skeptisch geben, handeln aber nicht skeptisch. Wenn es darum geht
aufgrund von unbegründbaren Tatsachen zu handeln, dann sage ich: „stelle
dich selbst in Frage“. Denn wenn du nach deinem Glauben handelst,
handelst du aufgrund von unbegründbaren Dingen. Wenn du mit diesem
Dingen dein unbegründbares Handeln begründest, dann ist es verfänglich.
Sylabil Spill: Also ich glaube an Gott und würde keinen Glauben als
gehaltlos bezeichnen. Ich denke man genießt alle Freiheiten und kann am
Ende des Tages dennoch an Gott glauben. Man sollte nicht versuchen, die
Menschen an die Wand zu nageln und zu sagen: „Wenn du gläubig bist, dann
musst du so handeln, sonst bist du es nicht“. Es gibt eben auch Leute,
die einfach nur glauben. Du glaubst ja auch wenn du jetzt auf die Uhr
schaust, dass sie weitergeht.
mokant: Sie könnte aber auch stehenbleiben.
Sylabil Spill: Das weißt du ja nicht. Man glaubt ja, weil man nichts weiß.
mokant: Aber ich habe meine Zweifel.
Sylabil Spill: Nein hast du nicht.
mokant: Warum denkst du, dass ich die nicht habe?
Sylabil Spill: Weil Du es gewohnt bist und ich wette mit dir, wenn du
heute schlafen gehst, dann wirst du daran glauben das du morgen in der
früh wieder aufwachst und nicht sterben wirst. Und das ist auch eine
Form von Glauben.
mokant: Bei euch hat man das Gefühl, dass ihr kein Interesse an der
gewonnen Aufmerksamkeit an eurer Musik habt. Eure Tapes habt ihr früher
auch für einen geringen Aufpreis verkauft. Auf hiphopvenyl.de wird eure
erste Platte für achtzig Euro verkauft. Wer ist denn da die Kundschaft?
Retrogott: Davon wissen wir nichts, das wäre mir neu.
Entourage Business: Das ist nicht von uns, die haben da eine Platte von
uns im Keller gefunden und verkaufen die jetzt anscheindend so teuer.
Retrogott: Das geht nicht von uns aus. Wir würden die Platte nicht für so einen Preis verkaufen.
Hulk Hodn: Es gibt aber so Wahnsinnige, die für Kassetten von uns über
hundert Euro zahlen. Ich finde es unnötig, Platten werden so teuer
verkauft.
Retrogott: Platten kosten heute fünfzig Euro und das auf einem
Flohmarkt. Ich meine, wer geht den auf den Flohmarkt mit fünfzig Euro,
um eine Platte zu kaufen? Niemand.
mokant: Ihr verwendet häufig Samples. Was war der höchste Preis, den ihr je für eine Platte gezahlt habt?
Hulk Hodn: Ich habe mal für eine Platte fünfunddreißig Euro bezahlt, was auch viel ist, aber die war mir sehr wichtig.
Sylabil Spill: Das ist ja auch relativ. Also wer viel verdient, kann auch viel ausgeben.
Retrogott: Es ist eben ein Liebhaberding. Ich finde es nicht
verwerflich, wenn die Leute viel Geld für Platten ausgeben. Ich bin
sicher nicht der Richtige, um jetzt über Vernunft und Geldausgeben zu
sprechen.
mokant: Ihr seid keine Berufsmusiker. Musik ist eure Leidenschaft, wieviel Zeit bringt ihr dafür auf?
Retrogott: Soviel Zeit wie möglich.
Hulk Hodn: Zum Beispiel haben wir gestern und heute viel Zeit in Plattenläden verbracht. Mehr Zeit als in den letzten drei Wochen in Köln.
mokant.at: Wo habt ihr denn in Wien Platten gekauft und was habt ihr erstanden?
Retrogott: Wir waren beim Teuchtler und noch so einem Laden um die Ecke.
Hulk Hodn: Wir haben viel Jazz-Zeug gekauft.
mokant: Gibt es schon Pläne, wie diese Platten für eure Musik weiterverarbeitet werden?
Hulk Hodn: Ich habe mein portables Equipment mit und habe schon im Hotelzimmer gearbeitet.
mokant: Gibt es auch schon ein passendes textliches Produkt?
Hulk Hodn: Mal sehen, vielleicht nehmen wir morgen was auf, man weiß es nicht.
mokant: Was kann man live von Huss und Hodn erwarten und was nicht?
Hulk Hodn: Man soll einfach kommen und sich das anhören, wir
spielen nicht die klassischen „Huss und Hodn“-Nummern sondern mehr von
den neuen „Beleidiger“-Sachen. Wir machen ein gemischtes Programm.
Retrogott: Musik kann man erwarten. Hip-Hop, Geräusche, Beats, Lyrics, Schimpfwörter, Sätze, Nebensätze, Getränke und Ich!
„Es klingt alles gleich“
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Offizielle Homepage
Blog von Huss und Hodn
Artikel von
Alexandra Toth














