Liebe Krise 2.0
sich als komisches Talent
Kein Kabarett, aber trotzdem lustig: Wer auf simples Gagtelling wartet, ist hier falsch
Der gebürtige Kärntner Hosea Ratschiller ist kein Unbekannter: Als FM4-Ombudsmann steht er seit 2006 österreichischen Jugendlichen mit seinem Rat zur Seite und beantwortet jeden Morgen Fragen. Vergangenes Jahr gründete Ratschiller die Satiresendung „Welt Ahoi!“ auf Ö1 mit. Am Samstag hat er mit seinem ersten Kabarettprogramm „Liebe Krise 2.0“ in Salzburg Station gemacht. Wenn der selbstinszenierte Superstar den Abend beginnt, tut musikalischer Pathos Not: Ratschiller betritt, einem Engel gleich, zu Michael Jacksons „You are not alone“ die Bühne. Eine rote Herzengirlande im Hintergrund und ein Tisch mit Utensilien wie einem „I love you“-Polster und Stuhl komplettieren das Bühnenbild.
Kindheit in Kärnten
Um die Empathie des Publikums zu gewinnen, erzählt Ratschiller zunächst
von seiner schlimmen Kindheit in Kärnten. Inmitten einer armen
Großfamilie hätte jeder zusehen müssen, wie er zu seinem Recht – in
diesem Fall Weihnachtskekse – komme. Und wenn der Vater zu Weihnachten
behauptet, er sei nur kurz Zigaretten holen, sähe man ihn erst eine
Woche später, Silvester, wieder. Braungebrannt und weniger gewalttätig
als sonst. Während Ratschiller erzählt, knöpft er sich sein Jackett auf
und zu, später das Hemd. Der selbsternannte Superstar weiß schließlich,
was er seinem Publikum schuldet. Wenn es dabei ein wenig intimer wird,
soll ihm das recht sein.
ORF, Asylpolitik, NS-Vergangenheit
Um die Dummheit der Menschheit zu demonstrieren, berichtet Ratschiller
vom beliebtesten Youtube-Clip. Dabei laufe ein Kleinkind in heller
Vorfreude auf seine Eltern zu, übersieht dabei allerdings eine allzu
gut geputzte Glasscheibe und donnert geradewegs dagegen. Ein komplettes
Fernsehprogramm hätte Ratschiller aus dieser Tatsache kreiert: der
Vater verlese Nachrichten, die Mutter betätige sich als Wetterfee, das
Kind lasse man wieder erneut die Wand laufen. „Zu edgy“, befand der
ORF. Mit diesem Sager kanzle der Sender überhaupt viele seiner Konzepte
ab.
In die Arbeitsprozesse beim ORF gibt Ratschiller augenzwinkernd
Einblick, wenn er sich eine „Dienstglatze“ aufsetzt, der wie eine Art
Helm gegen kreative Ideen wirke. Damit wehre sich der Sender gegen den
Nachwuchs. Hier gibt das Radiotalent eine Kostprobe der von ihm
mitentwickelten Kunstfigur des FM4-Ombudsmanns. Diese verkörpert einen
60-jährigen ORF-Mitarbeiter, dessen Arbeitsplatz man mittels Golden
Handshakes schon längst wegrationalisieren hatte wollen. Durch das hohe
Dienstalter unkündbar, hat man den Ombudsmann in die Redaktion des
Jugendsenders FM4 versetzt, um ihn auf diese Weise hinauszuekeln.
Tiefschwarzer Humor
Seitenhiebe gibt es auch in Richtung der katholischen Kirche,
Asylpolitik und Österreichs problematischer NS-Vergangenheit. So sei
das Credo hierzulande „Wir haben von nichts gewusst“. Daher die Idee
für den Tourismusverband Österreich, zwei Pinguine mit verklebtem Mund
als Werbetestimonials für das Land zu verwenden – doch auch diese Idee
sei als zu „edgy“ verworfen worden. Nach der Pause verbreitet sich
Ratschiller zum verstaubten Kulturbetrieb und Beziehungen. So hätte
sich seine türkischstämmige Frau beim gemeinsamen Urlaub mit einer
Gruppe Spanier davongemacht und die Beziehung per SMS beendet.
Ratschillers absurder und tiefschwarzer Humor erinnert an den von
Stermann und Grissemann. Wo, wenn nicht im Kabarett, sollten politische
Missstände angesprochen werden? So bleibt einem das Lachen oftmals
buchstäblich im Halse stecken. Die Einfälle sind gelungen und
zeitgeistig. Für breites Identifikationsmaterial ist gesorgt, wenn er
über Internetsucht am frühen Morgen und andere Gegenwartsphänomene
schwadroniert. Auch die Satire auf den typischen Ö1-Tonfall und eine
gelungene Hans-Moser-Interpretation lohnen den Besuch von „Liebe Krise
2.0“: Ein rundum gelungener Kabarettabend, an dem viele österreichische
Themen angesprochen wurden. Wer den Künstler bisher verpasst hat, hat
noch an drei Terminen in Wien bis 17. Dezember Gelegenheit, Ratschiller
auf seiner Tour zu sehen
Link dazu ...
Hosea Ratschiller im Kabarett Niedermair in Wien
Rezension von





















































