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Natascha Kampusch: „3096 Tage“
Unbefriedigte Sensationsgeilheit
Wer auf großartige Enthüllungen wartet, wird jedoch enttäuscht: Zu sehr
wurde Kampuschs Leben bereits von den Medien zerpflückt, jede noch so
nichtige Kleinigkeit als Ausgabenaufmacher so mancher Zeitung
verwendet. War das erste Interview mit der Befreiten noch eine
Sensation, so ist Kampuschs Auftauchen in den Medien längst keine
Ausnahme mehr. Die Fragen, die die Sensationsgeilheit der
Öffentlichkeit stellte, waren jene nach dem Ausmaß der Misshandlungen
und der sexuellen Übergriffe, denen Kampusch während ihrer
Gefangenschaft ausgesetzt war.
Zu letzteren äußert sich Kampusch in ihrem Buch nicht. In einem
einzigen Absatz macht sie klar, dass sie diesen Teil ihrer Erlebnisse
für sich behält, was wiederum genügend Raum für Spekulationen lässt.
Die erlittenen Misshandlungen hingegen dürften hingegen die öffentliche
Gier nach Horror-Taten befriedigen: Ein Tagebuch der Misshandlungen,
das sie führte, wird absatzweise in dem Buch zitiert. Die Wutausbrüche
des „Täters“, wie sie Wolfgang Priklopil nennt, veranschaulichen ihr
Leiden während der Jahre ihrer Gefangenschaft.
Dass Kampuschs Geschichte immer und immer wieder aufgearbeitet und
erörtert wird und sie selbst nicht müde wird, davon zu erzählen,
brachte ihr nicht nur Fans ein. Sie sei mediengeil (Bernd Eichinger
wird ihr Leben verfilmen, wie im Mai bekannt wurde), außerdem äußere
sie sich zu positiv ihrem Entführer gegenüber. Falls die Welt also eine
Natascha Kampusch-Biographie gebraucht hat, dann aus einen Grund: um
ihre Beweggründe ansatzweise zu verstehen.
Legitime Biographie
Und es fällt nach der Lektüre tatsächlich ein Stück weit leichter, ihr
Handeln nachzuvollziehen. Warum sie nicht flüchtete, obgleich sich die
Möglichkeit dazu des Öfteren bot, warum sie die Bezeichnung
„Stockholm-Syndrom“ als nicht treffend erachtet sondern sich vielmehr
als von Priklopil ungebrochen sieht und warum sie das Rampenlicht nach
ihrer Befreiung bewusst suchte – das alles sind Aspekte, die Kampusch
glaubhaft darzustellen versteht.
Als Kind entführt, ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt, wird der
eigene Entführer zur einzigen Bezugsperson und somit zur Verbindung
nach draußen. Sensibel und nachdenklich erscheint das entführte
Mädchen, aber voller Überlebenswillen und innerer Kraft die es ihr
ermöglichen, das Erlebte zu überstehen. Ihre Flucht selbst wird
schließlich anders als erwartet: sie ist mit unvorbereiteten und
überforderten Behörden konfrontiert, die ihr nicht das Gefühl geben,
frei zu sein, sondern sie aus ihrer vertrauten Umgebung herausreißen.
Aspekte, die der Öffentlichkeit keinesfalls neu sein dürften. Trotzdem:
es greift zu kurz, Natascha Kampuschs Biographie als einen weiteren
Teil ihrer Selbstvermarktung zu begreifen; vielmehr lässt sie beim
Leser das Gefühl zurück, Kampuschs Gang in die Öffentlichkeit sei
legitim – und ein weiterer Schritt in ihre Unabhängigkeit.
Aufgeblättert: „Sommer wie Winter“ von Judith W. Taschler
Aufgeblättert: Lesen statt Lernen
Aufgeblättert: „Zwischen den Wänden“ von Johannes Epple
Aufgeblättert: „Der Maler des Verborgenen“ von John Vermeulen
Aufgeblättert: „Sehnsucht nach dem Vater“
Aufgeblättert: „Philosophie für Verdorbene. Essays über Pornografie“
Aufgeblättert: „Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“
Aufgeblättert: „Herznovelle“
Aufgeblättert: „Der Bro Code“
Aufgeblättert: „Tschernobyl Baby“
Link dazu ...
Natascha Kampusch im List Verlag
Rezension von





















































