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Joseph Roths „Hiob“ im Wiener Volkstheater
Noch bis Oktober wird im Volkstheater Joseph Roths „Hiob“ aufgeführt.
Michael Sturminger inszeniert das Stück um den jüdischen Lehrer Mendel
Singer, der nach Amerika auswandert, reduziert und glaubwürdig.
Drei Musiker eröffnen den Abend mit schwermütiger Musik auf Klarinette,
Geige und Ziehharmonika. Schwermütig stimmt den jüdisch-orthodoxen
Dorfschullehrer Mendel Singer auch das Schicksal, das er zu erleiden
hat. Als Version des biblischen Hiob des 20. Jahrhunderts muss er
einiges erdulden. Die Familie lebt in einem jüdischen Schtetl in
Russland bescheiden und in ständiger Pogrom-Angst, aber das Leben
scheint noch gesichert. Bedrohlich wird die Situation erst, als sich
die jüdischen Traditionen der Familie langsam immer mehr auflösen.
Jonas, der älteste Sohn, will sich dem russischen Militär anschließen,
um zu trinken und Bäuerinnen zu schwängern. Schemarjah desertiert nach
Amerika, die schöne Tochter Mirjam hat eine Affäre mit einem Kosaken
und Menuchim, der Jüngste, leidet unter Epilepsie.
Neubeginn in Amerika
Um Mirjam vor den Kosaken zu retten, wandert die Familie nach Amerika
aus. Über diesen Umstand ist Mirjam jedoch alles andere als traurig. In
Amerika, so stellt sie sich vor, gibt es noch mehr Männer. Menuchim
lässt die Familie zurück in Russland, in Amerika dürfe der kranke Sohn
nicht einwandern. Heftige Gewissensbisse plagen die Familie fortan.
Nachdem Sohn Jonas im Krieg umkommt, leidet die Mutter mehr und mehr
unter schizophrenen Vorstellungen und bringt sich schließlich um. Auch
Mirjam wird nach und nach nervenkrank.
Während sich Mutter und Tochter anfangs perfekt in die amerikanische
Gesellschaft integrieren und der Sohn Schemarjah gutes Geld verdient,
gerät die Welt des konservativen Vaters zusehend ins Wanken. Seine
jüdischen Freunde sieht er plötzlich am Sabbat arbeiten, die Tochter
geht zwar nicht mehr mit einem Kosaken, dafür aber mit einem Amerikaner
aus. Amerika hat ihn zerstört, ist sich Mendel sicher. Schließlich
trifft er im 13. Stock eines Hochhauses Menuchin, seinen kranken Sohn,
wieder. Wie durch ein Wunder ist er plötzlich geheilt und in der Lage,
die Bibelverse des Vaters zu rezitieren. Mendel versöhnt sich mit der
Welt und freut sich plötzlich über eine Leuchtreklame für eine neue
Limonade.
Überzeugende Schauspieler
Stefan Zweig nannte den 1930 erschienen Roman eine „reine vollkommene
Dichtung, die alles zu überdauern bestimmt ist“. Koen Tachelet
erstellte eine Bühnenfassung für das Volkstheater. Maria Bill spielt
die Mutter Deborah, Günter Franzmeier ist für Mendel besetzt. Andrea
Bröderbauer wurde als Mirjam besetzt, Patrick O. Beck als Jonas, Till
Firit als Schemarjah und Arne Gottschling als Menuchim. Die Aufführung
überzeugt durch ihre Reduziertheit. Zwar unterstreichen Elemente wie
eine sich drehende Bühne oder ein blinkendes Lichtfeld als Werbereklame
die Geschiche, sie überladen sie jedoch nicht.
Es sind die Charaktere, auf die man sich bei der Inszenierung
konzentriert hat. Günter Franzmeier spielt den Vater, der unter sich
auflösenden familären Bindungen leidet und mit Gott hadert, voller
Leidenschaft und starkem Ausdruck. Maria Bill wurde in der Rolle der
sich sorgenden Mutter, die schließlich am Tod ihres Sohnes zerbricht,
ideal besetzt. Beeindruckend ist auch die Leistung des Arne
Gottschling, der den behinderten Menuchim glaubwürdig darstellt. Auch
das restliche Ensemble spielt bis in die Nebenrollen überzeugend und
routiniert.
In Amerika sitzt die Familie dauernd auf großen Koffern, was die
Situation als Immigranten gut illustriert. Wenig greifbar wird zu
Beginn des Stücks allerdings die Angst der Familie vor dem wachsenden
Antisemitismus. Das neue Leben in Amerika, der zweite Teil, wirkt da
authentischer. Schön mitanzusehen sind Szenen, in denen sich das „Girl“
und ihre Mutter in neuen Kleidern die Lippen schminken. Bis zum Zerfall
des Traumes von Amerika ist es freilich nur noch eine Frage der Zeit.





















































