Archiv
Szenario sieht Sofia Khomenko
… das Murmeltier: Die FPÖ überschreitet bewusst bei jeder Wahl eine weitere Grenze
Und täglich grüßt das Murmeltier. Irgendwie ist das einer der ersten
Gedanken, der einem in den Sinn kommt, wenn man an einem „Mehr Mut für
unser ‚Wiener Blut'“-Plakat der FPÖ Wien vorbeigeht oder über das
kürzlich gesperrte Anti-Minarett-Spiel der FPÖ Steiermark hört, bei dem
es darum ging, Muezzine und Minarette mit einem Stoppschild
„abzuschießen“. „Und täglich grüßt das Murmeltier“ ist der Titel eines
Films, in dem der Hauptdarsteller in einer Zeitschleife hängt und ein
und denselben Tag immer und immer wieder erlebt. Natürlich ist der
FPÖ-Wahlkampf nicht ganz vergleichbar mit dieser Geschichte: Die
„Wiener-Blut“-Plakate und auch das Muezzin-Abschießspiel sind so noch
nicht da gewesen.
Aber es ist irgendwie vor jeder Wahl dasselbe Szenario: Es kommen
Aussagen, die mehr oder weniger „Ausländer“ oder „den Islam“ angreifen,
mit mehr oder weniger hohem Provokationsfaktor. Man erinnert sich an
die letzte Wien-Wahl mit „Daham statt Islam“-Plakaten und an die letzte
Grazer Gemeinderatswahl, wo die damalige Grazer FPÖ-Obfrau Susanne
Winter unter anderem meinte, Mohammed wäre „im heutigen System ein
Kinderschänder“. Winter wurde wegen Herabwürdigung religiöser Lehren
und Verhetzung zu drei Monaten bedingter Haft und 24.000 Euro
Geldstrafe verurteilt.
Auch diesmal hat der Wien-Wahlkampf den geringeren Provokationsfaktor:
Da „Wiener Blut“ in Anführungszeichen steht, kann damit tatsächlich die
gleichnamige Operette stellvertretend für die Ur-Wiener Kultur gemeint
sein. Wie FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl auch gleich nach Kritik an
den Plakaten dem Online-Standard mitteilte: „Mit Rassismus hat das
überhaupt nichts zu tun, sondern mit Wiener Tradition“. Das
Anti-Minarett-Spiel, laut steirischem FPÖ-Chef Gerhard Kurzmann eine
Antwort auf den Wunsch des Präsidenten der islamischen
Glaubensgemeinschaft nach einer Moschee mit Minarett in jeder
Landeshauptstadt, lässt da weniger Spielraum für Interpretationen.
Sogar der sich sonst eher zurückhaltende Bundespräsident Heinz Fischer
fand dazu äußerst klare Worte. Er nannte es am Sonntag einen „absoluten
Unfug“ und eine „wirkliche Geschmacklosigkeit“. Auf Antrag der
Staatsanwaltschaft Graz wurde das Spiel gesperrt. Deswegen steht seit
letzten Freitag auf der Website des Spiels: „Liebe Besucher. Aufgrund
der politischen Einflussnahme unserer Gegner wurde dieses Spiel durch
die österreichische Justiz verboten! Jetzt entscheiden Sie am 26.
September…“
Und schon haben wir die nächste Szene des altbekannten Szenarios: Die
FPÖ wird zum Opfer. Oftmals erreichen Kritiker etwas, was sie gar nicht
wollen: Sie stärken ihre Gegner. Je mehr die FPÖ kritisiert wird, desto
mehr scheint die sie die Rolle einzunehmen, die einzige Partei zu sein,
die sich traut, die Wahrheit auszusprechen und allen Attacken zu
trotzen. Ein Dilemma, in dem sich auch die Medien befinden: Soll man
über Muezzin-Abschießspiele berichten oder nicht? Wenn man es tut,
verschafft man dem Spiel weit mehr Aufmerksamkeit, als es sonst hätte
und kommt seinen Machern damit entgegen. Wurden am Tag nach der
Einrichtung des Spiels erst rund 1.000 Klicks auf der Seite angezeigt,
wuchs diese Zahl nach der Thematisierung in den Medien auf 37.000.
Doch was passiert, wenn man nicht darüber berichtet? Dann geht
irgendwann möglicherweise die notwendige Sensibilität für den Umgang
mit bestimmten Dingen verloren. Denn der Begriff „Wiener Blut“ wird im
Zusammenhang mit dem drunter stehenden Satz „Zu viel Fremdes tut
niemandem gut“ eben nicht in erster Linie mit Walzer und Melange
assoziiert. Und der Wunsch vom Präsidenten der Islamischen
Glaubensgemeinschaft Anas Shakfeh nach einer Moschee mit Minarett in
jeder Landeshauptstadt erfordert als angemessene Reaktion eine
sachliche öffentliche Diskussion, nicht ein Computerspiel. Die Medien
können dazu beitragen, eine solche Diskussion zu ermöglichen.





















































