mokant.at: Sie kandidieren für das Amt der Vizebürgermeisterin und nicht, wie H. C. Strache, für das Amt der Bürgermeisterin. Warum?
Christine Marek: Natürlich bin ich Bürgermeisterkandidatin. Aber
ich bin immer Realistin gewesen. Realistischerweise wird die SPÖ auch
nach der Wahl die stimmenstärkste Partei sein und den Bürgermeister
stellen. Ich bin immer gut damit gefahren, Realitäten anzuerkennen.
Jeder weiß, dass H. C. Strache definitiv nicht Bürgermeister wird und
keine Verantwortung übernehmen will – das hat er selbst gesagt. Aber
ich möchte etwas verändern. Jetzt geht es um das Mitregieren, um das
Mit-Übernehmen von Verantwortung.
mokant.at: Warum würde sich die ÖVP besser für eine Koalition eignen als die Grünen?
Christine Marek: Weil wir Erfahrung haben, ich persönlich habe
Regierungserfahrung. Zweitens, weil wir in uns stabiler sind. Die
Grünen können momentan nicht einmal auf sich selber aufpassen und sind
nur mit internen Streitereien beschäftigt. Von den Themen her sind sie
in Bereichen zuhause, die an den Sorgen und Anliegen der Bevölkerung
voll vorbeigehen. Wir greifen die Bereiche an, die wirklich zählen.
mokant.at: In einem Interview mit der „Wienerin“ werden Sie als „Macherin mit Visionen“ bezeichnet. Was sind denn Ihre Visionen für Wien?
Christine Marek: Jedes Kind in dieser Stadt soll die gleichen
Chancen haben, das ist derzeit alles andere als Realität. Gerade auch
im Hinblick auf den hohen Anteil von Kindern mit nichtdeutscher
Muttersprache und Sprachdefiziten, die in vielen Fällen am Bildungsweg
leider verloren gehen und nicht ausreichend gefördert werden. Wir haben
einen hohen Anteil an Kindern, die die Schule ohne Abschluss verlassen,
was sich am Arbeitsmarkt entsprechend fortsetzt. Das liegt daran, dass
es kein differenziertes Schulsystem gibt und stattdessen „Einheitsbrei“
und Gleichmacherei unserer Kinder. Leistung wird nicht ausreichend
gefördert. Nach der Schule kommen die Jugendlichen in eine Arbeitswelt,
in der beinharte Leistung verlangt wird. Das ist meine Vision: eine
Stadt zu haben, in der alle Kinder alle Chancen haben. Bildung ist die
Wurzel von vielem, was derzeit in Wien schief läuft. Dabei geht es zum
Beispiel um die Frage, ob Firmen nach Wien kommen. Wie sollen Firmen
hochwertige Jobs schaffen, wenn sie die Leute dazu nicht finden?
mokant.at: In Ihrem Wahlkampf sprechen Sie von klaren Regeln für das Zusammenleben. Was verstehen Sie darunter?
Christine Marek: In Wien hat man über viele Jahre alles
passieren lassen. Es sind Menschen zu uns gekommen mit nichtdeutscher
Muttersprache, die eingebürgert worden sind, egal, ob sie die Sprache
sprechen oder nicht. Es gibt Leute, die zehn Jahre und länger die
Staatsbürgerschaft haben und kein Wort Deutsch sprechen. Die deutsche
Sprache ist nicht alles. Aber ohne die deutsche Sprache ist alles
andere nichts. Das ist das Problem. Es braucht einfach Spielregeln und
eine Gestaltung für das Zusammenleben. Das betrifft sämtliche
Politikbereiche, nicht nur die Bildung. Ich finde es katastrophal, wenn
sehr viele Kinder ohne Deutschkenntnisse als „außerordentliche Schüler“
eingeschult werden und einfach mitgeschleppt werden, elftausend sind es
aktuell. Es geht um das Zusammenleben. Wir haben einzelne Stadtviertel,
in denen man herrlich ohne ein Wort Deutsch durchkommt. Das ist nicht
integrationsfördernd, das fördert Tendenzen in Richtung Ghettoisierung,
und da kann man gegensteuern. Wir brauchen Spielregeln, die beiden
Seiten Sicherheit geben. Weil man das lange Zeit so laufen ließ, hat
Strache jetzt Potenzial. Es ist erschütternd, wie viele Leute sagen:
„Er hat vollkommen recht.“
mokant.at: Aber Sie schlagen mit Ihrem Wahlkampf ja auch in diese Kerbe.
Christine Marek: Weil ich die Wichtigkeit der deutschen Sprache betone?
mokant.at: Weil ihr Wahlkampf ähnlich aggressiv ist wie Straches.
Christine Marek: Was ist aggressiv, wenn ich sage „Reden wir
über Bildung, am besten auf Deutsch“? Es ist überspitzt formuliert,
aber es bringt das Problem auf den Punkt.
mokant.at: Migranten, die die deutsche Sprache noch nicht gut
beherrschen, könnten sich diskriminiert fühlen und denken: „Bin ich
weniger wert, weil ich nicht Deutsch spreche“?
Christine Marek: Ganz und gar nicht, im Gegenteil. Es weist
einfach darauf hin, dass die deutsche Sprache die Basis ist, auf der
weitergebaut wird. Migrationsvereine sagen, wir wissen, dass Deutsch
für unsere Leute essentiell ist. Das müssen wir ansprechen. Klartext zu
reden ist man in Österreich nicht gewohnt, gerade in der Politik nicht.
Ich aber bin es gewohnt, die Probleme offen anzusprechen. Man muss in
einem Wahlkampf pointieren, um registriert zu werden. Aber genau das
ist die Herausforderung, dass wir gemeinsam die deutsche Sprache als
Basis haben.
Wenn ich weiß, dass über fünfzig Prozent der Kinder, die in Wien
schulpflichtig werden, nicht Deutsch als Muttersprache haben, und
achtzig Prozent dieser Kinder massive Defizite in der deutschen Sprache
haben und das von einem Jahr zum nächsten weiterschleppen, hilft es
diesen Kindern nicht, wenn wir nicht darüber reden. Wir müssen uns viel
eher fragen, wie wir diesen Kindern am besten helfen können. Wir
brauchen sie am Arbeitsmarkt, aber sie haben nur eine Chance, wenn sie
entsprechend qualifiziert sind. Wenn sie in die Pflichtschule kommen
und nicht sinnerfassend lesen und schreiben können, dann ist das ein
Riesenthema. Deshalb fordern wir verpflichtende Vorbereitungsklassen
für diese Kinder – nur so haben sie eine Chance auf eine erfolgreiche
Zukunft.
mokant.at: Auf Ihren Wahlplakaten schaut Michael Häupl besser aus als auf seinen eigenen. Ist das nicht wenig zielführend?
Christine Marek: Das spricht für unsere Kreativen und gegen die
der SPÖ. Es war als bewusster Schritt gesetzt, im Kontext mit der
Ansage: „Ja, wir wollen regieren“. Ich bin in die Politik gegangen, um
etwas zu verändern, und das kann man nur, wenn man Verantwortung trägt.
Als Opposition kann man nichts verändern. Die SPÖ wird mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stimmenstärkste Partei
bleiben. Wir aber wollen die absolute Herrschaft der SPÖ brechen. Auf
der einen Seite haben wir die SPÖ, die mit unglaublichem Einsatz von
Steuermitteln ihren Wahlkampf führt. Auf der anderen Seite Strache, der
mit bewusster Provokation und dumpfen Sprüchen agiert. In diesem
Spannungsfeld überhaupt vorzukommen, ist eine extreme Herausforderung.
Nachdem ich weder die Geldmittel der SPÖ habe noch mit Empörung wie
Strache punkten will, ist es durchaus ungewöhnlich, mit diesem
Augenzwinkern auf die Bühne der Aufmerksamkeit zu kommen.
mokant.at: Häupl bekommt durch Ihre Plakate auch eine Bühne.
Christine Marek: Schon, aber spätestens beim dritten Hinschauen
hat jeder gewusst, dass es ein ÖVP-Plakat ist. Damit haben wir
geschafft, was wir erreichen wollten: Aufmerksamkeit. Das kann man gut
oder schlecht finden, aber alle reden darüber.
mokant.at: Die JVP wirbt mit dem Slogan „Schwarz macht geil“, ist das nicht frauenfeindlich?
Christine Marek: Wieso?
mokant.at: Halbnackte junge Menschen, die für die Junge Volkspartei werben …
Christine Marek: Es sind Burschen und Mädchen. Ich glaube, dass
die Werbung Stil hat, ganz im Bewusstsein, dass man darüber redet und
einen Aufreger erzeugt. Als frauenfeindlich empfinde ich es nicht. Ich
bin immer eine extrem engagierte Frauenpolitikerin gewesen. Wenn wir
nur nackte Mädchen hätten, wäre es problematisch, aber das ist nicht
der Fall. Die Mädchen haben Tankshirts an, halbnackt ist für mich etwas
anderes.
Archiv
„Jeder weiß, dass Strache nicht Bürgermeister wird“ meint Marek
Christine Marek über die Chancen der ÖVP
bei den Wien-Wahlen und ihre Visionen
Christine Marek weiß genau was sie will: Die rote Mehrheit bei der
Wien-Wahl brechen. Für ihr Ziel würde sie aber keine „dumpfen Sprüche“
a là H.C. Strache benutzen. Und dass ihre Kamapagne als aggressiv
wahrgenommen werden könnte, sei nur deswegen, weil wir in der
österreichischen Politik es nicht gewohnt seien, „Klartext“ zu
sprechen. Im Interview erzählt Marek, warum Wien eine „Ghettoisierung“
droht, Migranten auch „Grenzen brauchen“ und sie es als
„Menschenrechtsverletzung“ bewertet, wenn Leute eingebügert werden, die
kein Deutsch können.
„Bin immer eine engagierte Frauenpolitikerin gewesen“








