Archiv
Der Schriftsteller Franzobel im Interview über den Staat und alternative Jobs
Franz Stefan Griebl, besser bekannt als Franzobel, ist seit über zwanzig Jahren aus Österreichs Literaturszene nicht mehr wegzudenken. Kein literarisches Genre ist vor ihm sicher. Franzobel schreibt Romane, Essays, Kinderbücher, Gedichte und auch über seine Leidenschaft, den Fußball. Oftmals provokant und spöttisch, wirft er tagespolitische Fragen auf, verteilt Seitenhiebe auf ranghohe Politiker und regt seine Leserschaft dazu an ebenfalls Fragen zu stellen. Er wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem dem Ingeborg-Bachmann-Preis, ausgezeichnet und in diesem Jahr auf das internationale Literaturfestival Sprachsalz nach Hall in Tirol eingeladen.
mokant.at: Sie äußern sich oft politisch und bewusst provokant. Wie
wichtig ist das Ihrer Meinung nach für die Rolle eines Autors?
Franzobel: Ich weiß nicht, ob es wichtig für die literarische Produktion
ist, denn das hängt sehr von der persönlichen Disposition ab. Mir ist es
aber schon wichtig, da ich glaube, dass es nur wenige Menschen gibt,
die überhaupt die Möglichkeit haben, politische Meinungen in der
Öffentlichkeit kundzutun. Man ist in keiner Hierarchie drinnen und man
muss keine beruflichen Restriktionen befürchten. Mir fallen deshalb
außer Autoren nur wenig Leute ein, die so etwas tun können. Es gibt sehr
viele gescheite Leute, aber entweder haben sie nicht die nötige
Öffentlichkeit oder sie dürfen ihre politische Meinung nicht sagen, weil
eine Firma dahintersteht und gleich der Beruf auf dem
Spiel steht. Deshalb denke ich schon, dass AutorInnen die Verpflichtung haben, der Gesellschaft einen Spiegel
vorzuhalten. Ich begreife das auch ein bisschen in der Tradition des
Schamanenkults oder der Hofnarrenkultur, dass man zeigt was alles
schiefläuft. Und da gibt es wirklich sehr sehr viel.
mokant.at: Sie haben sich vor kurzem zum Thema Ausländerpolitik geäußert
und zum Fall der Familie Zogaj. Wie stehen Sie im Allgemeinen zur
österreichischen Ausländerpolitik?
Franzobel: Gerade die Geschichte der Familie Zogaj zeigt sehr deutlich
wie verlogen diese Politik ist. Man hat der Familie bis zum Schluss
Hoffnung gemacht, dass wenn sie freiwillig gehen, sie wahrscheinlich im
Herbst wieder da sein können. Es war aber klar, dass die Politik
irgendetwas initiieren oder ihnen irgendwelche Prügel vor die Beine
werfen wird, damit die nicht mehr so schnell nach Österreich kommen
können. Ist ja auch klar, da sie wahnsinnig viel Öffentlichkeit gehabt
haben. Ich glaube Arigona war heuer wahrscheinlich mit Abstand am
meisten auf irgendwelchen Titelseiten von Zeitungen zu sehen. Ich kann
mir durchaus vorstellen, dass Österreich, für so verlottert halte ich
den Staat, den Vater bezahlt, damit dieser die Erziehungspflicht, die er
abgeben müsste, nicht abgibt. Das kann man machen und solche Sachen,
glaube ich, passieren auch. Das ist sehr verlogen und wenn man sich dann
umgekehrt ansieht wie man heute mit Prominenten umgeht, zum Beispiel
mit Anna Netrebko - denen macht man das natürlich sehr viel leichter.
mokant.at: Diese Verlogenheit lässt sich auch gut am Thema Finanzpolitik
beobachten, wozu Sie sich auch in Ihrem neuen Buch äußern.
Franzobel: Ja, das ist schon relativ heftig. Der Umgang mit
Asylbewerbern ist ja schon sehr tragisch, aber um das in einen
gesamteuropäischen Kontext zu bringen, muss man sich zum Beispiel auch
anschauen wie man mit Boatpeople umgeht, die im Mittelmeer ertrinken.
Fischer, die solchen Ertrinkenden geholfen und an Land gebracht
haben, haben teilweise drei Jahre Gefängnis ausgefasst, weil sie als
Helfer verurteilt worden sind. Solche Dinge haben dazu geführt, dass die
Leute dann eben wirklich letztlich ertrinken. Das finde ich für ein
Europa, das sich so groß kulturelle Werte auf die Fahne schreibt, schon
unglaublich bedenklich. Das sind so Dinge, die jenseits der
Öffentlichkeit passieren und da ist es, glaub ich, schon Aufgabe der
Autorenschaft, dass wenn man so etwas erfährt, diese populärer macht
und versucht, sie unter die Leute zu bringen. Ob es etwas hilft ist
eine andere Geschichte.
mokant.at: Sie sind Träger zahlreicher Preise und werden auch zu
Literaturveranstaltungen wie Sprachsalz eingeladen. Wie würden Sie die
derzeitige Situation österreichischer AutorInnen beschreiben?
Franzobel: Es gibt in Österreich eine sehr rege Literaturszene. Wir
haben auch das Glück, dass wir einigermaßen gut subventioniert werden.
Also ist es durchaus möglich von Literatur leben zu können. Es ist auch
so, dass Schriftsteller ein gewisses Gehör finden. Deshalb ist es
auch für Literaten möglich auf Titelseiten von Zeitungen zu kommen. Das
zeigt, dass dem ganzen eine gewisse Wichtigkeit gegeben wird und dass
man auch mit Theaterstücken noch Leute erreichen kann. Das ist, glaube
ich, in vielen Ländern nicht mehr der Fall. Ich weiß von vielen Ländern
in die ich gereist bin, dass da die Literatur nicht diesen Stellenwert
hat oder dass es fast keine öffentlichen Lesungen gibt. In Südamerika
gibt es zum Beispiel wahnsinnig viel. Da gehen dann auch Leute, die gar
nicht schreiben und lesen können, zu großen Poesiefestivals, weil sie aus
einer anderen Tradition diesbezüglich kommen. Spanien oder Italien
haben da zum Beispiel überhaupt keine derartige Tradition und es findet
dort dementsprechend auch kaum Subventionierung statt. In weiterer Folge
gibt es dann auch dementsprechend weniger Leute, die dem hauptberuflich
nachgehen können. Es ist wahrscheinlich schon so, dass, wenn man sich zum
Beispiel Berlusconiland anschaut oder andere Länder mit sehr
konservativen Regierungen, einiges auf der Strecke bleibt.
mokant.at: Wie der Text über das Tiroler Halltal in ihrer heutigen Lesung gezeigt hat, können Sie auch sehr rasch Texte verfassen.
Schreiben Sie hauptsächlich parallel oder linear?
Franzobel: Ich schreibe immer intensiv an einem Großtext. Es ist also
nicht so, dass ich Großtexte parallel schreibe. Ich mache aber auch sehr
lange Unterbrechungen dazwischen. Ich habe immer fünf, sechs Texte im
Kopf, für die ich parallel Material sammle. Dann schreibe ich halt
einmal zwei Monate an einem Roman oder einen Monat lang an einem
Theaterstück, das dann allerdings sehr intensiv und nicht parallel. Ich
habe aber kein Thomas Mann'sches Tagesschema, ich mach das nach Lust,
Zeit und Laune. Aber es ist ein Räderwerk das sich nie abstellen lässt
und es gibt keinen Urlaub in diesem Beruf. Man denkt dann immer weiter
im Text, was ganz schön ist.
mokant.at: Sie sind in einer enormen literarischen Bandbreite tätig. Haben Sie ein Lieblingsgenre in dem Sie agieren?
Franzobel: Nein, es ist mir irgendwie wichtig, mir eine gewisse
Unbeschwertheit beim Schreiben zu erhalten und das ist nur dann möglich,
wenn ich immer wieder Genrewechsel mache oder versuche etwas
auszuprobieren, bei dem ich nicht weiß, ob es funktioniert. Wenn ich weiß,
ein Text hat schon einmal funktioniert und ein anderer soll jetzt
ähnlich funktionieren, bin ich irgendwie verkrampft und dann macht es
auch keinen großen Spaß mehr. Meine Zielsetzung ist also immer, dass ein
Text etwas ganz Neues sein soll. Das funktioniert natürlich nicht
immer. Bei Theateraufträgen ist man zum Beispiel schon oft in einem
eigenen Trott drinnen. Aber die Unbefangenheit und Unbeschwertheit ist
mir schon wichtig, also dass es mir Spaß macht. Ich merke auch, dass
wenn es mir Spaß macht, es auch ein geiler Text wird. Und wenn es mir
keinen Spaß macht, ist es halt so heruntergenudelt.
mokant.at: Angenommen Sie müssten Ihr Autorendasein an den Nagel hängen,
wie würden Sie sich die Zeit vertreiben? Außer vielleicht mit Fußball.
Franzobel: Also Fußball nicht, da wäre ich glaube ich schon längst
verhungert. Schwierig. Also was mich interessieren würde, wäre die
Filmmacherei. Mit der Problematik, dass man dann natürlich mit
wahnsinnig vielen Menschen umgehen muss und davor würde ich glaube ich
ein wenig zurückschrecken. Ich habe jetzt auch wieder Lust zu malen,
also schon mit irgendetwas das mit virtuellen Welten zu tun hat. Aber
ich bin mit dem Schreiben eigentlich glücklich und ausgelastet. Wobei,
irgendwo in der freien Natur zu leben hätte auch einen gewissen Reiz. So
als grantiger Einsiedler oder als grantiger Lustmolch. (Lacht)
Taubenvergiften im Hotel
Link dazu ...
Franzobel
Interview führte




























