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Dave Bullock
„Autoren müssen zeigen was schiefläuft“, meint Autor Franzobel

Der Schriftsteller Franzobel im Interview über den Staat und alternative Jobs

 

Franz Stefan Griebl, besser bekannt als Franzobel, ist seit über zwanzig Jahren aus Österreichs Literaturszene nicht mehr wegzudenken. Kein literarisches Genre ist vor ihm sicher. Franzobel schreibt Romane, Essays, Kinderbücher, Gedichte und auch über seine Leidenschaft, den Fußball. Oftmals provokant und spöttisch, wirft er tagespolitische Fragen auf, verteilt Seitenhiebe auf ranghohe Politiker und regt seine Leserschaft dazu an ebenfalls Fragen zu stellen. Er wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem dem Ingeborg-Bachmann-Preis, ausgezeichnet und in diesem Jahr auf das internationale Literaturfestival Sprachsalz nach Hall in Tirol eingeladen.

Dave Bullock

mokant.at: Sie äußern sich oft politisch und bewusst provokant. Wie wichtig ist das Ihrer Meinung nach für die Rolle eines Autors?
Franzobel: Ich weiß nicht, ob es wichtig für die literarische Produktion ist, denn das hängt sehr von der persönlichen Disposition ab. Mir ist es aber schon wichtig, da ich glaube, dass es nur wenige Menschen gibt, die überhaupt die Möglichkeit haben, politische Meinungen in der Öffentlichkeit kundzutun. Man ist in keiner Hierarchie drinnen und man muss keine beruflichen Restriktionen befürchten. Mir fallen deshalb außer Autoren nur wenig Leute ein, die so etwas tun können. Es gibt sehr viele gescheite Leute, aber entweder haben sie nicht die nötige Öffentlichkeit oder sie dürfen ihre politische Meinung nicht sagen, weil eine Firma dahintersteht und gleich der Beruf auf dem Spiel steht. Deshalb denke ich schon, dass AutorInnen die Verpflichtung haben, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Ich begreife das auch ein bisschen in der Tradition des Schamanenkults oder der Hofnarrenkultur, dass man zeigt was alles schiefläuft. Und da gibt es wirklich sehr sehr viel.

mokant.at: Sie haben sich vor kurzem zum Thema Ausländerpolitik geäußert und zum Fall der Familie Zogaj. Wie stehen Sie im Allgemeinen zur österreichischen Ausländerpolitik?
Franzobel: Gerade die Geschichte der Familie Zogaj zeigt sehr deutlich wie verlogen diese Politik ist. Man hat der Familie bis zum Schluss Hoffnung gemacht, dass wenn sie freiwillig gehen, sie wahrscheinlich im Herbst wieder da sein können. Es war aber klar, dass die Politik irgendetwas initiieren oder ihnen irgendwelche Prügel vor die Beine werfen wird, damit die nicht mehr so schnell nach Österreich kommen können. Ist ja auch klar, da sie wahnsinnig viel Öffentlichkeit gehabt haben. Ich glaube Arigona war heuer wahrscheinlich mit Abstand am meisten auf irgendwelchen Titelseiten von Zeitungen zu sehen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Österreich, für so verlottert halte ich den Staat, den Vater bezahlt, damit dieser die Erziehungspflicht, die er abgeben müsste, nicht abgibt. Das kann man machen und solche Sachen, glaube ich, passieren auch. Das ist sehr verlogen und wenn man sich dann umgekehrt ansieht wie man heute mit Prominenten umgeht, zum Beispiel mit Anna Netrebko - denen macht man das natürlich sehr viel leichter.

 

Dave Bullock

mokant.at: Diese Verlogenheit lässt sich auch gut am Thema Finanzpolitik beobachten, wozu Sie sich auch in Ihrem neuen Buch äußern.
Franzobel: Ja, das ist schon relativ heftig. Der Umgang mit Asylbewerbern ist ja schon sehr tragisch, aber um das in einen gesamteuropäischen Kontext zu bringen, muss man sich zum Beispiel auch anschauen wie man mit Boatpeople umgeht, die im Mittelmeer ertrinken. Fischer, die solchen Ertrinkenden geholfen und an Land gebracht haben, haben teilweise drei Jahre Gefängnis ausgefasst, weil sie als Helfer verurteilt worden sind. Solche Dinge haben dazu geführt, dass die Leute dann eben wirklich letztlich ertrinken. Das finde ich für ein Europa, das sich so groß kulturelle Werte auf die Fahne schreibt, schon unglaublich bedenklich. Das sind so Dinge, die jenseits der Öffentlichkeit passieren und da ist es, glaub ich, schon Aufgabe der Autorenschaft, dass wenn man so etwas erfährt, diese populärer macht und versucht, sie unter die Leute zu bringen. Ob es etwas hilft ist eine andere Geschichte.

mokant.at: Sie sind Träger zahlreicher Preise und werden auch zu Literaturveranstaltungen wie Sprachsalz eingeladen. Wie würden Sie die derzeitige Situation österreichischer AutorInnen beschreiben?
Franzobel: Es gibt in Österreich eine sehr rege Literaturszene. Wir haben auch das Glück, dass wir einigermaßen gut subventioniert werden. Also ist es durchaus möglich von Literatur leben zu können. Es ist auch so, dass Schriftsteller ein gewisses Gehör finden. Deshalb ist es auch für Literaten möglich auf Titelseiten von Zeitungen zu kommen. Das zeigt, dass dem ganzen eine gewisse Wichtigkeit gegeben wird und dass man auch mit Theaterstücken noch Leute erreichen kann. Das ist, glaube ich, in vielen Ländern nicht mehr der Fall. Ich weiß von vielen Ländern in die ich gereist bin, dass da die Literatur nicht diesen Stellenwert hat oder dass es fast keine öffentlichen Lesungen gibt. In Südamerika gibt es zum Beispiel wahnsinnig viel. Da gehen dann auch Leute, die gar nicht schreiben und lesen können, zu großen Poesiefestivals, weil sie aus einer anderen Tradition diesbezüglich kommen. Spanien oder Italien haben da zum Beispiel überhaupt keine derartige Tradition und es findet dort dementsprechend auch kaum Subventionierung statt. In weiterer Folge gibt es dann auch dementsprechend weniger Leute, die dem hauptberuflich nachgehen können. Es ist wahrscheinlich schon so, dass, wenn man sich zum Beispiel Berlusconiland anschaut oder andere Länder mit sehr konservativen Regierungen, einiges auf der Strecke bleibt.

 

Dave Bullock

mokant.at: Wie der Text über das Tiroler Halltal in ihrer heutigen Lesung gezeigt hat, können Sie auch sehr rasch Texte verfassen. Schreiben Sie hauptsächlich parallel oder linear?
Franzobel: Ich schreibe immer intensiv an einem Großtext. Es ist also nicht so, dass ich Großtexte parallel schreibe. Ich mache aber auch sehr lange Unterbrechungen dazwischen. Ich habe immer fünf, sechs Texte im Kopf, für die ich parallel Material sammle. Dann schreibe ich halt einmal zwei Monate an einem Roman oder einen Monat lang an einem Theaterstück, das dann allerdings sehr intensiv und nicht parallel. Ich habe aber kein Thomas Mann'sches Tagesschema, ich mach das nach Lust, Zeit und Laune. Aber es ist ein Räderwerk das sich nie abstellen lässt und es gibt keinen Urlaub in diesem Beruf. Man denkt dann immer weiter im Text, was ganz schön ist.

mokant.at: Sie sind in einer enormen literarischen Bandbreite tätig. Haben Sie ein Lieblingsgenre in dem Sie agieren?
Franzobel: Nein, es ist mir irgendwie wichtig, mir eine gewisse Unbeschwertheit beim Schreiben zu erhalten und das ist nur dann möglich, wenn ich immer wieder Genrewechsel mache oder versuche etwas auszuprobieren, bei dem ich nicht weiß, ob es funktioniert. Wenn ich weiß, ein Text hat schon einmal funktioniert und ein anderer soll jetzt ähnlich funktionieren, bin ich irgendwie verkrampft und dann macht es auch keinen großen Spaß mehr. Meine Zielsetzung ist also immer, dass ein Text etwas ganz Neues sein soll. Das funktioniert natürlich nicht immer. Bei Theateraufträgen ist man zum Beispiel schon oft in einem eigenen Trott drinnen. Aber die Unbefangenheit und Unbeschwertheit ist mir schon wichtig, also dass es mir Spaß macht. Ich merke auch, dass wenn es mir Spaß macht, es auch ein geiler Text wird. Und wenn es mir keinen Spaß macht, ist es halt so heruntergenudelt.

 

Dave Bullock

mokant.at: Angenommen Sie müssten Ihr Autorendasein an den Nagel hängen, wie würden Sie sich die Zeit vertreiben? Außer vielleicht mit Fußball.
Franzobel: Also Fußball nicht, da wäre ich glaube ich schon längst verhungert. Schwierig. Also was mich interessieren würde, wäre die Filmmacherei. Mit der Problematik, dass man dann natürlich mit wahnsinnig vielen Menschen umgehen muss und davor würde ich glaube ich ein wenig zurückschrecken. Ich habe jetzt auch wieder Lust zu malen, also schon mit irgendetwas das mit virtuellen Welten zu tun hat. Aber ich bin mit dem Schreiben eigentlich glücklich und ausgelastet. Wobei, irgendwo in der freien Natur zu leben hätte auch einen gewissen Reiz. So als grantiger Einsiedler oder als grantiger Lustmolch. (Lacht)

 

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