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Christoph Schlingensief ist tot. Ein Nachruf
Was wäre wenn Christoph Schlingensief, ein Nichtraucher wohlbemerkt, nicht mit der Diagnose Lungenkrebs konfrontiert geworden wäre? Der deutsche Filme-, Theater- und Opernmacher, Aktions- und bildende Künstler, Buch-, Hörspiel- und Ausstellungsautor, Talkmaster, Produzent und Lehrende war den meisten seiner Zeitgenossen stets ein Dorn im Auge. In der Epoche des Überflusses von gesellschaftlich angepasster Kunst erkannte er richtig, dass man nur noch durch Provokation die Leute bewegen kann. Natürlich hatte er Spaß dabei, aber dahinter steckte immer ein politisches Engagement für marginalisierte Minderheiten und falsche Autorität.
Ob indirekt, indem er für einige seiner Theaterstücke auch Menschen mit intellektueller Behinderung engagierte. Oder direkt, indem er gegen bestimmte Politiker und deren Parteien offen agitierte oder seine eigene Partei, die „Chance 2000“, die „Partei der Arbeitslosen und von der Gesellschaft Ausgegrenzten“, gründete und mit ihr an der Bundestagswahl 1998 teilnahm. Politisch war aber gewissermaßen auch die Entscheidung den Krebs als Schwerpunkt seiner letzten Theater- und Opernstücke, Bücher, Auftritte und Installationen öffentlich zu machen. Die Gesellschaft, die sich in einer Utopie der Glückseligkeit wälzt, soll dem Elend eines sich auflösenden Körpers zusehen. Und sie sah zu und applaudierte. Pervers, dass unsere Gesellschaft einige Kunstschaffende erst dann akzeptiert, wenn sie tot oder dem Tode geweiht sind.
Der Künstler, der andere Kunstschaffende begeisterte, unter anderem Henning Mankell, Patti Smith, Tilda Swinton oder Elfriede Jelinek, war in erster Linie ein Filmemacher. Das Jurymitglied der Berlinale 2009 begann schon mit zehn Jahren erste Filme zu drehen und das Medium begleitete ihn ein Leben lang. Von seiner Jugendzeit in Oberhausen, dem Geburtsort des „jungen deutschen Films“, über seine Studienjahre in München, wo er seine Filmkunst weiterentwickelte. Später nach Bayreuth, auf dessen Grünem Hügel er mit einer multimedialen Interpretation der Oper „Parsifal“ Richard Wagners Enkel zum Toben brachte. Weiter nach Ouagadougou, die kulturell bisher vor allem durch das panafrikanische Filmfestival FESPACO bekannte Hauptstadt Burkina Fasos, in der er sein „magnum opus“ initiierte – den Bau eines „Operndorfs“ mit Wohnungen, Werkstätten, einer Krankenstation, einer Schule, mit Film- und Musikklassen.
Seine Aktionen unterstrichen die Botschaft seiner formal meist trashigen Filme. In der Erinnerung des Wiener Publikums wird er so zum Beispiel durch sein Container-Projekt verbleiben. Dabei sperrte er in Anlehnung an „Big Brother“ und als Reaktion auf die FPÖ-Regierungsbeteiligung im Jahr 2000 Ausländer in einen durch Kameras überwachten Container neben der Staatsoper. Per Internet ließ er Leute darüber entscheiden wer von diesen Menschen „abgeschoben“ werden soll.
Schlingensief selbst wurde hingegen zwar oft nicht verstanden, aber niemals verbannt. In Wien realisierte er bis zuletzt Projekte am Burgtheater oder im Rahmen der Wiener Festwochen. Und in Venedig, wo er 2003 seine „Church of Fear“ aufbaute, sollte er 2011 den deutschen Pavillon bei der Biennale gestalten.
Es endete jedoch in Berlin. Noch vor dem 50. Geburtstag und vor dem Erscheinen seiner Memoiren im Herbst dieses Jahres. Was bleibt sind über hundert Werke in Form von unbequemen Augenöffnern und die Erinnerung an einen vielseitigen und ganzheitlichen Künstler.
Christoph Schlingensief
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