Archiv
Carmen Feichtinger
Die kinky Popkultur-Kolumne
mit Carmen Feichtinger
Geneigte lesebegeisterte Pop-Interessierte!
Ich hoffe, euch geht's gut? Ich muss fragen, denn keiner hat mir
unmögliche Fragen geschickt, eure Experimentierfreude braucht wohl noch
einen Kick! Anstecken konnte ich bloß Anna, die die Ankündigung der
Kolumne mit einem „Bin schon gespannt“ versah und Moe, der „Leiwand
heast“ darunter schrieb. Liebe Anna, ich gestehe, ich bin ebenso
gespannt wie du. Und Moe, alter Homie, ich finde es sehr leiwand, dass
du den Text gelesen hast, und aus Toronto verfolgst, was unweit vom
Donaukanal, dem Ort, wo du einst einem Wiener Polizeiboot nachgewunken
oder emanzipierten (und schließlich verdutzten) jungen Frauen anstelle
von Slipmats Putztücher aus dem Familienbetrieb geschenkt hast. Der
Putztuch-Fauxpas kann übrigens nur durch eine super dope Filzschicht
für Platten-, (nicht etwa für Speise-)teller zum Vergessen gebracht
werden! Nur so als Anregung, falls du hoffentlich bald wieder mal nach
Wien kommst und Mitbringsel einpackst.
Nun – nachdem außerdem die Redaktion meine/diese Schreibvariante als
„etwas eigenen Stil“ erfasst hat (das „etwas“ wird auch noch
verschwinden) und Verena yeah schreibt, indem sie sich auf die Ausgabe
Nummer 1 freut – here she comes.
Die Geschichte, die ich euch heute aus dem Ärmel schüttle, dreht sich
um mein vorletztes Wochenende und somit einem ereignisreichen
Aufenthalt in Hamburg. Seit dieser Reise bin ich Baukränen,
Abrissbirnen, Betonklötzen und so manchem ästhetischen Empfinden
gegenüber äußerst misstrauisch. Ich höre zur Entökonomisierung „Songs
for Joy“ und muss außerdem lachen, wenn ich Bananen sehe. Doch alles
der Reihe nach.
Schon im letzten Januar, als ich online feine Festivals für den Sommer
ausfindig machen wollte, stieß ich auf das Dockville-Festival, das seit
2007 auf der Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg ausgetragen wird. Die
Idee nicht bloß Musik, sondern ebenso bildende Kunst unter den Hut
eines Festivals zu bringen und zudem im Vorfeld das Ferienlager
„Lüttville“ für Kids zu ermöglichen, erwärmte das Kunst-, Konzert- und
Kinderherz. Nicht nur in der Theorie: Unter dem Motto „Recreation“
sollte mit Holz, Blumen, Schlamm, Duschköpfen und anderen Materialien
an einer Umdeutungs- und Umstrukturierungskurbel gedreht und einer
gemeinsamen Flächengestaltung gebastelt werden. Hoffentlich nicht bloß
um den Standort für eine fragwürdige „Inwertsetzung“ zu missbrauchen?
Ist Wilhelmsburg, gentrifizierungsmäßig betrachtet, etwa schon das
nächste St.Pauli? Und kann ein Festival gemächlich wachsen, ohne dass
daraus eine Maschinerie aus Securities, überteuerten Preisen und
Mainstream-Lineup wird? Die Fragen werden sich beim Dockville
wahrscheinlich erst in den nächsten Jahren beantworten – noch war es
jedenfalls, trotz von Jahr zu Jahr gestiegener Preise und
Besucherzahlen, recht gemütlich, friedlich und so überschaubar, dass am
letzten Tag schon einige bekannte Gesichter ausgemacht werden konnten.
Und musikalisch gesehen? Gänsehaut bei Gustav, die einen extra
komponierten Anti-Gentrifizierungssong uraufführten und Fragezeichen
auf der Stirn bei Uffie, die mit Micky-Maus-Ohren sinnlose
Selbstdarstellung in stimmlichem Auto-Tuning feierte.
Bleibt noch zu klären: Warum bringen mich bitte neuerdings Bananen zum
Lachen? Unserem einfallsreichen und lässigen Couchsurfer-Host sei Dank,
wissen wir jetzt, wie sich anhand von Obst testen lässt, ob durchzechte
Nächte auf der Reeperbahn schlimmstenfalls noch vor der Kloschüssel
enden. Bleibt die Testbanane eine Banane oder wird sie eine Kotzbanane?
Das Patent geht an Klaus, genauso wie der nachträgliche Kommentar:
„These girls are energetic“. Tja danke, deine Couch muss ein Wundersofa
gewesen sein.
Noch was Nachdenkliches zum Schluss, auf dem „Songs for Joy“-Album von
Erobique & Jacques Palminger heißt es: „Ich schulde dem Leben das
Leuchten in meinen Augen. Wann strahlst du?“
Selten hat jemand so gestrahlt wie Christoph Schlingensief. Bestürzt und berührt – bis zum nächsten Mal!





















































