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Wenn Ängste zur Qual werden und das Leben an sich zum Fürchten erscheinen lassen
Der feine Unterschied
Ängste gehören zu den menschlichen Gefühlsregungen und damit zum Leben,
müssen allerdings von einer Phobie im pathologischen Sinn unterschieden
werden. Bei der Diagnose einer phobischen Störung sind die
(Un-)Angemessenheit der Angst im Vergleich zu der Bedrohungsquelle sowie
die Ausprägung der Angstsymptome entscheidende Faktoren. „Wichtig für
den behandelnden Psychotherapeuten ist daher, herauszufinden, ob es sich
bei der Angst des Patienten um eine berechtigte Angstreaktion handelt
oder ob sich das Krankheitsbild der Phobie ausgebildet hat“, erklärt
Gerald Annerl, Arzt in Weiterbildung für Psychotherapie und
Psychosomatische Medizin des Universitätsklinikums Leipzig.
Problematisch kann eine nicht diagnostizierte Phobie dann werden, wenn
sich die Angst eines Menschen scheinbar unbegründet auf Dinge des
Alltags fokussiert. Die Mitmenschen reagieren dann meist zuerst mit Hohn
und Verständnislosigkeit.
Dabei leiden gut fünfzehn Prozent der Menschen an einer Phobie. Und der
sogenannte Erkrankungsgipfel liegt meist im Jugendalter: Bei
Panikstörungen etwa zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr, bei soziale
Phobien in der Pubertät. Auch spezifische Phobien, also die Angst vor
einem bestimmten Objekt wie Spinnen oder einem spezifischen Ort wie
einem Kaufhaus, haben ihren Erkrankungsgipfel in der Kindheit und in der
Pubertät.
Leben mit der Angst
Wer an einer Phobie leidet, wird meist ein extremes Vermeidverhalten an
den Tag legen, das bis zum Nichtverlassen der Wohnung und einem
Kontrollverlust führen kann, Depression und ein gestörtes soziales
Gefüge können damit einhergehen.
In der Fülle der Ängste, unter denen Menschen leiden können, wird
zwischen Angststörungen und phobischen Störungen unterschieden. „Die
Angststörung hat keinen Objektbezug, ist nicht vermeidbar oder
kontrollierbar. Die phobische Störung ist hingegen auf eine Situation
oder ein Objekt gerichtet und führt zu krankheitswertiger Einschränkung
im täglichen Leben“, erklärt Gerald Annerl die Krankheitsbilder. Die
bekanntesten Angststörungen sind die generalisierte Angststörung, also
exzessive Ängste und Sorgen über mehrere Lebensumstände, und die
Panikstörungen. Zu phobischen Störungen werden die Agoraphobie, also das
Unwohlsein an bestimmten Orten, und die soziale Phobie gezählt.
Vorsicht ist insbesondere dann geboten, wenn der Betroffene sich in
Alkohol oder andere Drogen flüchtet, um mit seiner Situation
zurechtzukommen: „Es besteht eine hohe Komorbidität (die Grundkrankheit wird durch weitere Krankheitsbilder ergänzt, Anmerkung der Redaktion)
mit Substanzmissbrauch sowie affektiven Störungen“, merkt Gerald Annerl
an. „Alkohol wird hierbei als Medikament missbraucht, es ist ein
Versuch der Selbstheilung, um mit der Situation besser umgehen zu
können.“
Ursachen und Behandlung
Phobien können unterschiedliche Ursachen haben. Im Falle einer
Agoraphobie, der Angst vor öffentlichen Plätzen oder in Räumen, kann das
beispielsweise „ein Abhängigkeits-Autonomie-Konflikt sein“, meint
Gerald Annerl. Das bedeutet: Unbewusste Kräfte verhalten sich einander
so konflikthaft, dass sie gegeneinander streben und die Angst zum
Kompromiss wird. Auch Verlustängste, eine gestörte Selbstregulation oder
auch ein nicht ausreichend bewältigter ödipaler Komplex können Ursachen
einer Phobie sein.
Behandelt werden kann eine phobische Störung durch therapeutische
Interventionen, die je nach Psychotherapie-Schule sehr unterschiedlich
ausfallen können. So werden etwa Rollenspiele,
Selbstsicherheitstrainings oder das systematische Desensibilisieren,
also die langsame Heranführung an den angstauslösenden Moment, von
Psychotherapeuten angeboten. Der Betroffene muss sich mit den Methoden,
die in der Psychotherapie angewandt werden, wohl fühlen. Nachgewiesene
Qualitätskriterien, also ob bestimmte Methoden therapeutisch
erfolgreicher sind als andere, gibt es nämlich nicht. Generell gilt:
Eine vertraute Beziehung zwischen Klient und Psychotherapeut ist die
Grundlage für eine erfolgreiche Therapie, sowie natürlich die
Bereitschaft, über Probleme zu sprechen.
Erkrankungsgipfeln von einigen Phobien sind bereits im Kindheitsalter zu beobachten. Doch gerade in diesem Alter werden Ängste gerne übersehen oder unterschätzt. Dabei können sich bei Kindern sehr spezifische Phobien herausbilden, wie etwa vor Tieren, vor medizinischen Maßnahmen wie Nadeln oder vor Umweltbegebenheiten wie Gewitter. Auch soziale Phobien treten bei Kindern auf, sie haben Angst vor fremden Personen oder vor der Bewertung durch andere Menschen. Soziale Phobien müssen und können auch im Kindesalter behandelt werden, etwa durch Techniken zur Konfrontation mit dem Angstauslöser, Rollenspielen zum Aufbau von selbstsicherem Verhalten, aber auch die medikamentöse Behandlung ist in dramatischen Fällen möglich.
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Gerald Annerl
Artikel von
Fotos: flickr.com/Stephen Brace, ePi.Longo (CC), Stephen Brace, ??? (CC), Alyssa L. Miller




















