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Eine Stadt mit neoliberalen Methoden aufwerten? Nicht nur in Hamburg aktuell
In Hamburg wird an diesem Wochenende gefeiert. Ein bescheidener, doch
ganz bedeutender Geburtstag: Sozial und politisch engagierte Kreative
und Aktive, die sich im letzten August für die Erhaltung des
historischen Gängeviertels im Hamburger Stadtteil Neustadt eingesetzt
haben, laden zur Einjahresfeier.
Seit einem Jahr sind die alten Fachwerkshäuser aus dem 18. und 19.
Jahrhundert, die einst Quartiere für die Unterschicht waren, besetzt.
Nachdem die Stadt Hamburg das Gängeviertel an den holländischen Investor
Hanzevast verkauft hatte, der die sanierungsbedürftigen und teilweise
denkmalgeschützten Backsteinhäuser zum Großteil entkernen, abreißen und
auf der gewonnenen Fläche Neubauten hochziehen wollte, regte sich Unmut –
gegen eine neoliberale Stadtpolitik, die einen Ausverkauf und eine
Privatisierung von öffentlichem Raum betreibe und die „kreative Klasse“
als Aushängeschild und zur Markenbildung benütze, um Viertel scheinbar
aufzuwerten. Was, für wen und wie wird angeblich „aufgewertet“? Wer
entscheidet über die Fläche und den Raum und somit über die
Lebensbereiche aller Stadtbewohner und -bewohnerinnen? Was können
mündige Bürgerinnen und Bürger tun? Fragen, die sich für Hamburg, aber
auch für alle anderen Städte stellen.
Prozesse, die Veränderungen in der sozialen Struktur eines Stadtviertels nach sich ziehen, werden in der Stadtforschung unter dem Begriff Gentrifizierung zusammengefasst. Das Wort „gentry“ meint im Englischen die Oberschicht. Übertragen auf die Stadt bedeuten die von Baupolitik stets als positiv dargestellten Entwicklungsmaßnahmen wie Abriss, Sanierung oder Neubebauung, Einschnitte und soziale Auswirkungen, die sich zum Beispiel über Mieterhöhungen vollziehen und alteingesessene und sozial schwächere Bewohner zum Abwandern zwingen. Verborgen bleibt, dass eine angebliche Aufwertung lediglich ökonomischen Interessen dient, letzten Endes bloß Besserverdienende begünstigt und soziale Spaltungen forciert, weil für viele Stadtbewohner die Stadt schlichtweg nicht mehr leistbar und lebenswert ist und sich diese an den Rand gedrängt werden.
Weniger verborgen, weil durch unzählige Baukräne und Baugerüste sichtbar, zeichnen sich diese Prozesse im Hamburger Stadtbild im Moment besonders stark ab. Für wen sind die neu entstehenden Luxuswohnungen in der HafenCity? Wer ist das zukünftige Publikum für das umstrittene Prestigeprojekt Elbphilharmonie, das die Stadt mehr als 300 Millionen Euro oder noch mehr kosten wird? Weshalb wollen Investoren die alten Gebäude in der Bernhard-Nocht-Straße abreißen?
Not in our name!
Als letztes Jahr der Widerstand in Hamburg einsetzte und auf die Situation im Gängeviertel und auf andere bedrohte Grundstücke aufmerksam gemacht wurde, veröffentlichten teilnehmende Künstler wie Rocko Schamoni, Ted Gaier und Peter Lohmeyer ihre Kritik und ihr Anliegen in einem Manifest mit dem Titel „Not in our name, Marke Hamburg!“. Darin heißt es: „Liebe Standortpolitiker: Wir weigern uns, über diese Stadt in Marketing-Kategorien zu sprechen. Wir wollen weder dabei helfen, den Kiez als ‚bunten, frechen, vielseitigen Stadtteil' zu ‚positionieren', noch denken wir bei Hamburg an ‚Wasser, Weltoffenheit, Internationalität', oder was euch sonst noch an ‚Erfolgsbausteinen der Marke Hamburg' einfällt.“
Tatsächlich gibt es eine Hamburg Marketing GmbH, die ein Bild von der Stadt in die Welt setzt und wie für einen imaginären Ort wirbt, der mit den eigentlichen Lebensrealitäten der Bewohner und Bewohnerinnen nicht viel zu tun hat. Ein Imagebuilding, ein Kreieren einer Marke, die totale Eventisierung der Stadt um den maximalen Profit willens – um Investoren, zahlungskräftige Zuwanderer und Touristen in die gentrifizierten „Szeneviertel“ zu locken. Gibt es noch eine Vision von Hamburg abgesehen von Verwertungsinteressen?
Cities and the Creative Class
Seit Richard Florida, US-amerikanischer Ökonom, im Jahr 2002 den „Aufstieg der kreativen Klasse“ konstatiert hat und in seinem Buch „Cities and the Creative Class“ das angebliche Potential dieser kreativen Klasse für Städte erklärt und mit den drei Faktoren „technology, talent and tolerance“ wirtschaftliches Wachstum verspricht, werden selbst kreative Prozesse mehr und mehr ökonomisiert und der Attraktivitätssteigerung von Städten unterworfen. Richard Florida weist zwar zurück, dass seine Kreativitätstheorie elitär und exklusiv sei und sein Ansatz, dass jeder Mensch kreativ sei und Potential habe, gibt ihm auf den ersten Blick den Anstrich von emanzipatorischem Verständnis. Doch das Problem bei Florida: Er steckt so tief in einer kapitalistischen Logik, dass er es für selbstverständlich hält, dass Kreativität dafür da ist, wirtschaftliches Wachstum anzukurbeln. Ist sie das? Außerdem: Wachstum wofür? Und erneut: Für wen? Dass die soziale Frage bei ihm nicht gestellt wird, zeigt sich, wenn er schreibt: „(…) quality of growth is not reflected in job growth at all, but in the wages and incomes that people make“.
„Dem Pöbel die Mietskasernen“
Die Manifest-Verfasser, die Florida wohl auch der kreativen Klasse zurechnen würde, beklagen an der Hamburger Stadtpolitik soziale Rücksichtslosigkeit gegenüber den Einkommensschwachen, Hartz IV-Empfängern, Migranten und Alten: „Wir glauben: Eure ‚wachsende Stadt' ist in Wahrheit die segregierte Stadt, wie im 19. Jahrhundert: Die Promenaden den Gutsituierten, dem Pöbel die Mietskasernen außerhalb.“
Kreative, Künstler und Unangepasste haben es mit einer ebenso existenzerschwerenden, wie paradoxen Situation zu tun – denn einerseits sind sie von der Stadt erwünscht, um künstlerisch zu agieren und im Sinne Richard Floridas einer „Inwertsetzung“ zu dienen, und andererseits werden die Gestaltungs- und Entfaltungsmöglichkeiten immer enger. „Uns macht es die ‚wachsende Stadt' indessen zunehmend schwer, halbwegs bezahlbare Ateliers, Studio- und Probenräume zu finden, oder Clubs und Spielstätten zu betreiben, die nicht einzig und allein dem Diktat des Umsatzes verpflichtet sind“, lautet es im Manifest, bevor weiter klargestellt wird: „Wir kommen aus besetzten Häusern, aus muffigen Proberaumbunkern, wir haben Clubs in feuchten Souterrains gemacht und in leerstehenden Kaufhäusern. Unsere Ateliers lagen in aufgegebenen Verwaltungsgebäuden, und wir zogen den unsanierten dem sanierten Altbau vor, weil die Miete billiger war. Wir haben in dieser Stadt immer Orte aufgesucht, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren – weil wir dort freier, autonomer, unabhängiger sein konnten. Wir wollen jetzt nicht helfen, sie in Wert zu setzen.“
Recht auf die Stadt
Die verschiedenen Anti-Gentrifizierungs-Initiativen fordern nun in Hamburg Mitspracherecht und eine Offenlegung bisheriger Planungen zwischen Bezirken und Investoren. Damit nicht weiterhin über die Köpfe der Bewohner hinweg entschieden wird, sondern gemeinsam sozial nachhaltige Lösungen gefunden werden. Letzten Dezember ein erster kleiner Schritt in eine verantwortungsvolle Richtung: Die Stadt kaufte das Gängeviertel von dem Investor Hanzevast zurück. Ob damit begriffen wurde, dass Raum nicht als Ware gesehen werden darf? Dass glatte und sich überall gleichende Glasfassaden, Kunstrasen, Shoppingmeilen und Kettengastronomie Städte zu hässlichen, vereinheitlichten Orten aus der Retorte verkommen lassen? Ein blühendes, menschenfreundliches Umfeld sieht anders aus.
Der Guide für Hamburg
Links dazu ...
Rocko Schamoni im Interview (YouTube)
Das Gängeviertel
Hanzevast
Interessensgemeinschaft No-BNQ (Das Bernhard-Nocht-Quartier stoppen)
Not in our name, Marke Hamburg!
Hamburg Marketing GmbH
Initiative „Recht auf Stadt“
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