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teresa novaczek
Die Expo 2010 in Shanghai: Wer präsentiert sich hier wem?

Über Warteschlangen und kreative Selbstvermarktung bei der Weltausstellung

 

In den 1920er- und 1930er-Jahren war Shanghai als Stadt des Lasters weltbekannt. Heute dreht sich alles um Verbesserung. Unter dem Motto „Better City, Better Life“ ist Shanghai Veranstaltungsort der diesjährigen Expo. Vom 1. Mai bis zum 31. Oktober können Besucher der chinesischen Metropole Ausstellungen und Hochglanz-Architektur von über 240 Teilnehmern bewundern. Dass Expo und Wahnsinn manchmal gar nicht so weit auseinander liegen, beweisen schon die gewaltigen Dimensionen des Projekts: Insgesamt rechnen die Veranstalter mit siebzig Millionen Besuchern. Pro Tag sind das 400.000 Menschen, die das mehr als fünf Quadratkilometer große Areal bevölkern.

Lange Wartezeiten sind bei Massenbewegungen dieser Größe quasi vorprogrammiert. Sonnendächer, Ventilatoren und feine Sprinkleranlagen machen mehrstündige Warteaufenthalte dabei kein bisschen erträglicher. Ob Spanien, Kanada oder Japan – die Pavillons der großen Industrienationen sind hoffnungslos überlaufen. Das muss kein Nachteil sein, denn die Expo hat auch im Kleinen einiges zu bieten.

 

mokant.at collage > fotos: teresa novaczek, hans-georg eilenberger
Für viele Besucher stellt die
Expo ein Fenster zur Welt dar
Kaiserschmarrn und Pasta
Im Europa-Areal gehört der Österreich-Pavillon wohl zu den interessanteren Bauten. Mit seiner futuristischen Form samt rot-weiß verfliester Fassade schaffte er es immerhin als Empfehlung in den Expo-Lageplan. Was das Österreich-Haus von außen verspricht, hält der Innenbereich aber nur bedingt. Auf einen Korridor mit mäßig gelungenen Projektionen von Almwiesen und Gebirgsbächen folgt der Hauptraum in Eishöhlenoptik. Eine kleine Bühne bietet hier Platz für die zehnminütige Performance eines Klassik-Ensembles und andere kulturelle Events. Zahlungskräftigen Freunden der heimischen Küche bietet das Restaurant im Obergeschoß etwas überteuerte Kost. Wer Sehnsucht nach Kaiserschmarrn hat, wird 55 Yuan (5,36 Euro) aber verschmerzen können.

Billiger geht es in einem der umliegenden Expo-Restaurants: Ob Pasta, Sushi oder Roastbeef – alle Geschmäcker werden bedient. Nach Verzehr des jeweiligen Nationalgerichts erscheint der Besuch im dazugehörigen Pavillon gleich doppelt lohnenswert. Dass gerade Italien mehr zu bieten hat als gute Küche, beweist der absolut sehenswerte Pavillon des Mittelmeerstaates. Bilder sagen hier mehr als tausend Infotafeln. Designerschuhe, Designerkleider, Designermöbel und natürlich der obligatorische Ferrari überfluten die Besucher mit den Reizen der italienischen Lebensart. Das Ambiente verrät die Originalität der Inneneinrichter: Kornähren gedeihen an der Decke, einen ganzen Orchestergraben samt Instrumenten haben die Italiener in die Vertikale verfrachtet.

Zu viele Menschen
Doch wieder stellt sich die bekannte Expo-Problematik: Es sind einfach zu viele Menschen, die in der Schlange auf den Einlass warten, oder sich in Trauben um die Exponate scharen. Die frühen Expo-Wochen sind leider vorbei, als die Besucherzahlen unter den Erwartungen dahingrundelten. Böse Zungen sprechen mittlerweile von bewusster Einflussnahme durch die chinesische Führung. Der Erfolgsdruck, trotz des missglückten Starts die eigene Messlatte von siebzig Millionen Besuchern zu erreichen, ist enorm. Schulen und Betriebe seien deshalb dazu angehalten worden, ihre Klassen beziehungsweise ihr Personal zur Weltausstellung zu schicken. Trotzdem gibt es Mittel und Wege, ohne längeres Warten auch größere Pavillons von innen zu sehen: Mit einem Pass der jeweiligen Nation etwa funktioniert der Eintritt ganz unbürokratisch über die VIP-Hintertür.

Kreative Selbstvermarktung
Solche VIPs sind selten, Ausländer bei der Expo generell eine Randerscheinung. Viel eher, als der Welt China zu präsentieren, liefert die Weltausstellungen den Chinesen ein Fenster in die Welt. Für die meisten sind Auslandsreisen nach wie vor ein unerreichbares Privileg, von alpinen Ski-Ausflügen ganz zu schweigen. Der Sessellift, den die Schweizer auf dem Dach ihres Pavillons installiert haben, ist da eine mittlere Sensation. Im Wettstreit um die Gunst des Publikums ist Architektur das Instrument der kreativen Selbstvermarktung: Goldene Sanddünen (Vereinigte Arabische Emirate), Pollen unter dem Elektronenmikroskop (Vereinigtes Königreich) und abstrakte Plattenbau-Interpretationen (Deutschland) sind nur einige Formvarianten. Kurios sind auch die Trichter-Konstruktionen der zentralen Expo-Achse. Nirgendwo ist der Eindruck des Urbanen spürbarer als im Obergeschoß der mehrstöckigen Flaniermeile. Am anderen Ufer des Huangpu-Flusses ragt die Shanghaier Skyline in die Höhe, doch der eigentliche Blickfang ist der chinesische Pavillon. Der knallrote Bau im traditionellen Pagodenstil überragt die anderen Pavillons um ein Mehrfaches.

An Selbstvertrauen mangelt es der chinesischen Führung offensichtlich nicht, die Selbstvermarktung ist ihr gelungen. Jetzt bleibt zu hoffen, dass das Expo-Motto den Oktober überlebt.

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