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Gedankenpolizei, obskure Sekten und Fast-Food aus Leichenteilen
Eine Wunschvorstellung, die wünschenswert, aber vor dem kulturellen Hintergrund nicht realisierbar ist: Das bezeichnet der aus dem Griechischen stammende Ausdruck „Utopie“, wörtlich mit „Nicht-Örtlichkeit“ übersetzt. Anders die Dystopie: Sie beschreibt eine fiktive Gesellschaft, die sich zum Negativen hin entwickelt hat. Eine erstrebenswerte und gleichzeitig utopische Zukunftsvision hatte Thomas Morus 1516: Im Roman „Utopia“ schildert der Italiener eine „ideale“ Gesellschaft und begründet den sozialutopischen Roman. Die Gesellschaft in Morus' Version existiert auf Gleichheitsgrundsätzen. Ihre wesentlichen Kennzeichen sind Arbeitsamkeit und das Streben nach Bildung. Kriege gibt es nicht und Anwälte würden hier keinen Job finden. Erzählt wird die Geschichte durch einen Seemann, der bei den „Utopiern“ gelebt haben soll.
Schöne neue Welt
Vor Morus hat Platon sich schon Zukunftsvisionen ausgemalt: 370 vor Christusschreibt er das Werk „Politeia“ und beschäftigt sich darin mit Fragenzur „Gerechtigkeit an sich“. Die Idee der Gerechtigkeit wäre für Platonin einem Staat verwirklicht, in dem die Philosophen Könige und dieKönige Philosophen sind. Die Machthaber regieren zum Wohle derBevölkerung. Im Zuge dieser Überlegungen entwirft Platon den„Idealstaat“ und legt den Grundstein für die literarische Gattung derutopischen Romane.
Weniger rosig geht es in einer von Aldous Huxleys gedanklichen Reise in die Zukunft zu: Vor fast achtzig Jahren, 1932, sorgte der Roman „Schöne neue Welt“ für einen Skandal. Darin beschreibt der britische Schriftsteller seine persönliche Zukunftsvision als Albtraum: Krankheit und Elend gehören zwar der Vergangenheit an, damit aber auch Freiheit, Religion, Kunst und Humanität.
Nach einem neun Jahre andauernden Weltkrieg formiert sich eine Weltregierung, die in den Köpfen der Menschheit eine Konsumideologie durchsetzen soll. Als Jahr eins in der Menschheitsgeschichte gilt 1908, das Jahr, in dem erstmals das Model T von Henry Ford vom Fließband rollte. Ford wird wie eine Gottheit verehrt. Innere Stabilität erlangt die Bevölkerung durch die Droge Soma. Monogame Beziehungen gelten als veraltet, Buben und Mädchen werden bereits im Vorschulalter auf Promiskuität getrimmt. Im Jahr 2540 der Menschheitsgeschichte ist die Gesellschaft in künstlich geschaffene Kastensysteme unterteilt. Bereits im Kinderbettchen werden die Kleinen mittels „Schlafschule“ auf ihre spätere gesellschaftliche Position getrimmt. Via Tonband impft die Regierung den Kindern die Identifikation mit der eigenen Kaste ein. Dies ist einer von vielen Bereichen, in denen das totalitäre System pädagogische Maßnahmen für seinen Zweck nutzt. Bildung ist zwar der natürliche Feind des Systems, Erziehung muss es dennoch geben: So wird den Neugeborenen auch früh eine Abneigung gegen Bücher vermittelt oder Kindern die Angst vor dem Tod, der vorgeburtlich festgelegt ist, durch Führungen in Sterbehospitalen ausgetrieben.
Großer Bruder
Ebenso bekannt und nicht minder schrecklich sind die Zukunftsutopien, die uns George Orwell siebzehn Jahre später, inspiriert durch das sowjetische Regime unter Stalin, serviert: Auch in „Ozeanien“, einer der drei neben Eurasien und Ostasien verbliebenen Supermächte, lebt man im totalitären Überwachungsstaat. In „1984“ gilt bereits der innere Wunsch nach Widerstand als „Gedankenverbrechen“. Der „Große Bruder“ ist überall, belauscht jeden einzelnen Bürger. Ob es ihn wirklich gibt oder nicht, ist ungewiss, in Acht nehmen sollte man sich auf alle Fälle. Die englische Sprache soll durch „Neusprech“ ersetzt werden, um schädliche Begriffe wie „Freiheit“ zu tilgen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen „Schöne neue Welt“ und „1984“ wird im Umgang mit Sexualität deutlich. Während Huxley Kinder bereits zahlreiche Erfahrungen mit Sexualität sammeln lässt, gilt Sexualität in „1984“ als verpönt.
Körperliche Intimität dient hier der Fortpflanzung, soll aber durch künstliche Befruchtung ersetzt werden. Das ist ein Anliegen, dem sich beispielsweise die „Jugendliga gegen Sexualität“ widmet. Zwei Parteimitglieder, Winston Smith, der im „Ministerium für Wahrheit“ arbeitet und Julia, eine Technikerin, finden dennoch zueinander und verlieben sich. Beide lehnen sich gegen die politische Propaganda auf, Smith tritt einer Untergrundbewegung bei. Das Paar wird verhaftet und im „Ministerium für Liebe“ so lange gefoltert, bis es sich gegenseitig verrät. Beide sind bereit ihre Individualität aufzugeben; unter Tränen gestehen sie ihre Liebe zum „Großen Bruder“.
Düstere Zukunftsvisionen hat auch Ray Bradbury 1953 in „Fahrenheit 451“ vorzuweisen. In seiner Dystopie ist der Besitz von Büchern verboten, aufkommende Langeweile wird mit Videowänden und Drogenkonsum bekämpft. Die verbliebenen Bücher zu vernichten ist Aufgabe der Feuerwehr. Protagonist Guy Montag ist Feuerwehrmann und hat bei sich zuhause noch einige Bücher versteckt, die ihm später zum Verhängnis werden. Montag lernt das junge Mädchen Clarisse kennen, die ihm die Kunst der Worte und des freien Denkens näher bringt und versucht, seine Frau zum gemeinsamen Lesen zu überreden. Diese zieht allerdings stundenlanges Fernsehen vor. Schließlich wird er von seiner eigenen Frau denunziert, kann allerdings mit anderen Aufständischen in die Wälder flüchten.
In der Tradition von Huxley, Orwell und Bradbury steht auch Margaret Atwood, deren Roman „Das Jahr der Flut“ im vergangenen Herbst erschien und vom Feuilleton mit großem Lob bedacht wurde. Die Welt hat eine weitere Katastrophe, in diesem Fall eine Flut, hinter sich und wurde von einer Biotech-Organisation zu Grunde gerichtet. Die HelthWyzer Corporation agiert als Regierung, die ähnlich wie in George Orwells Fantasien, Parteifeinde einfach verschwinden lässt. Atwood setzt noch einen drauf, indem sie die inneren Organe der Leichen zu Fast Food verarbeiten lässt. „Das Jahr der Flut“ spielt im 21. Jahrhundert und beginnt im Jahr 25 nach der Katastrophe. Angesichts der allgemeinen Desorientierung schließen sich die verzweifelten Menschen Sekten wie den „Gärtnern Gottes“ an, um ihr spirituelles Leben zu bereichern. Konsumverzicht, Enthaltsamkeit, Gewaltfreiheit und Netzabstinenz sind nur einige der Tugenden, die die Anhänger einzuhalten versuchen. Nach der Flut überleben nur zwei Personen: Toby, der bei SecretBurgers einen Job hatte und Ren, die als Trapezkünstlerin in einem Bordell tätig war. Sie erzählen sich ihre Lebensgeschichte und warten, ob es weitere Überlebende gibt. Inwieweit die Zukunftsvisionen der vier Autoren bereits jetzt Realität geworden sind, darüber mag man streiten. Gewisse Parallelen zur Gegenwart lassen sich allerdings schwer leugnen. Orwells Zukunftsvision orientiert sich an einer Zeit, die die Menschheit tatsächlich schon erlebt hat: dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus. Parteielitäres Denken führte zur Verurteilung und Vernichtung Andersdenkender. Auch die Überwachung der einzelnen Bürger war nie einfacher als heute: Im Zeitalter von Facebook & Co. geben die Nutzer freiwillig Daten von sich preis und lassen sich an jeder Ecke von Überwachungskameras filmen. Ehemals utopische Visionen wie Genmanipulation, Verherrlichung der Jugend und Schönheit, Unterhaltungssucht um jeden Preis und Glücksversprechen durch Konsum scheinen aktueller denn je. Dreißig Jahre später kommt Huxley im Essay „Brave New World Revisited“ zum Schluss, sozialer und technischer Fortschritt hätten dazu beigetragen, dass die Visionen aus „Schöne neue Welt“ schon heute Gestalt annehmen: „Alles in allem sieht es ganz so aus, als wäre uns Utopia viel näher, als irgendjemand es sich vor nur fünfzehn Jahren hätte vorstellen können. Damals legte ich diese Utopie sechshundert Jahre in die Zukunft. Heute scheint es durchaus möglich, dass uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahrhunderts auf den Hals kommt; das heißt, wenn wir in der Zwischenzeit davon absehen, einander zu Staub zu zersprengen.“ Wie weit wir von den entworfenen Schreckensszenarien tatsächlich noch entfernt sind, vermag keiner zu sagen. Wenn wir schon nicht mehr selber erleben können, wie die Zukunft unserer Welt aussieht, so können wir uns immerhin mit der Lektüre utopischer Romane unterhaltsame Stunden verschaffen – und hoffen, dass es doch nicht ganz so dick kommt.
Aldous Huxley
Der Vater von Big Brother-Artikel
Das Jahr der Flut-Rezension
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