Archiv
Jonathan Caouette &
„All tomorrow's people“, 2009
„Turn on, tune in and drop out“
Würde zumindest Timothy Leary sagen.
Der Bezug zu Leary kommt nicht von ungefähr: Das Festival selbst, sein
Publikum und der Dokumentarfilm über ATP verstecken ihre Liebe
gegenüber den 1960er-Jahren nicht. Caouettes Film erinnert seiner Form
nach an Filme wie „Woodstock“ (1970) oder „Pink Floyd: Live at Pompeii“
(1972): Es gibt viele Split-Screens und Kollagen,
Super-8-mm-Videoaufnahmen neben üblichen Konzertmitschnitten, die nicht
nur die Auftritte, sondern auch das Geschehen im Backstage und die
lockere Atmosphäre am Festival einfangen. Doch Caouette ist nur
Co-Regisseur – viele Aufnahmen stammen von den Besuchern des ATP
selbst.
Das Konzept von ATP stellt den Versuch der Verkörperung der Ideen von
Jerry Garcia, Patti Smith oder Iggy Pop dar, die sich im Film in
Archivaufnahmen nach einem Event sehnen, wo es kein Starsystem und
keine Etikettierungen gäbe, nur ehrliche Musik. Die Auswahl dieser
liegt bei ATP in den Händen der Kuratoren, zu denen in der
Vergangenheit unter anderem Mogwai, Sonic Youth oder Portishead
gehörten, die sich die Bühne mit ihren Gästen teilten, zum Beispiel mit
Grinderman, Sunn O))), Yann Tiersen oder The Gossip. Manchmal gab man
das Zepter der Auswahl aber auch dem Publikum selbst in die Hand. Die
Grenzen sind offen. Da verwundert es nicht, wenn man auch mal auf eine
Band trifft, die ihre Klangwelt mit dem elektronischen Musikinstrument
Theremin ergänzt. ATP ist eine linksliberale Alternative zu großen
Festivals wie Glastonbury. Eine intime Symbiose von Künstlern und
Publikum auf engstem Raum. Alternativ, aber auch eine Marke, mit
Spin-Offs in den USA, Spanien oder Australien.
Zumindest in der Urform, die in englischen Badeorten stattfindet, sorgt ATP für einen interessanten Kontrast zwischen der guten alten Art des ruhigen Urlaubs und einem modernen und pulsierenden Festival, zwischen den alten Feriendomizilen und dem neuen Publikum. ATP bietet ein paar Tage der Flucht vor der Realität und von Konventionen, von auferlegten Rollen und industrialisierten Geschmäckern. Auf ATP kann man die Kreativität selbst melken oder sich auch lediglich entspannt an ihrer Saat satt fressen; man darf zwischen organisierten Events, spontanen Konzerten, dem sanften Berauschen, der Poesie der Lagerfeuertreffen und anderen Manifestationen des Einklangs mit der Umwelt und der alles übergreifenden Liebe wählen. Hippie? Vielleicht. Jedenfalls fallen einem nach diesen Bildern als zeitgenössische Alternativen lediglich Burning Man und Burg Herzberg ein. Aber auch der Film ist eine Rückbesinnung. Weg von den neuartigen Dokumentarfilmen, die den Filmemacher selbst in den Vordergrund setzen und dokumentarische und gespielte Aufnahmen nur zu gerne mischen. Hin zu einem erfrischenden formalistischen Experiment, mit wenigen „talking heads“ und einem unsichtbaren Autor. Ein Familienalbum, das dazu anregt einen Urlaub in diese Utopie zu unternehmen.
Der Film wird am Samstag, dem 28. 08. 2010, im Rahmen von Volxkino bei freiem Eintritt zwischen dem 8. und dem 16. Wiener Gemeindebezirk in den Stadtbahnbögen gezeigt. Als Vorspiel gibt es eine Musikvideo-Compilation von den Vienna Independent Shorts. Wer „Grinderman“ live erleben will kann dies am 10. Oktober im Wiener Gasometer tun, „Yann Tiersen“ beehrt die Wiener Arena am 1. Dezember.
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