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Das etwas andere Festival offenbart unerwartete Seiten

Jonathan Caouette &

„All tomorrow's people“, 2009

Es gibt noch Veranstaltungen, die in eine andere Dimension versetzen. Dazu gehört seit 1999 das „All tomorrows parties“-Festival (ATP). Initiiert von Belle & Sebastian und benannt nach dem gleichnamigen Song von Velvet Underground & Nico stellt es einen Zufluchtsort für musikalisch Ausgestoßene dar – für Fans von Post-Rock, Avant-Garde, Underground-Hip-Hop oder qualitativem Pop und Rock. Das Line-Up stellen dabei abwechselnde Kuratoren zusammen. Jonathan Caouette präsentiert in seinem Dokumentarfilm die Fleisch gewordene Utopie eines, laut Thurston Moore, „ultimativen Mix-Tapes“. Die Zauberworte heißen Kreativität, Freiheit und Harmonie.
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„Turn on, tune in and drop out“
Würde zumindest Timothy Leary sagen.
Der Bezug zu Leary kommt nicht von ungefähr: Das Festival selbst, sein Publikum und der Dokumentarfilm über ATP verstecken ihre Liebe gegenüber den 1960er-Jahren nicht. Caouettes Film erinnert seiner Form nach an Filme wie „Woodstock“ (1970) oder „Pink Floyd: Live at Pompeii“ (1972): Es gibt viele Split-Screens und Kollagen, Super-8-mm-Videoaufnahmen neben üblichen Konzertmitschnitten, die nicht nur die Auftritte, sondern auch das Geschehen im Backstage und die lockere Atmosphäre am Festival einfangen. Doch Caouette ist nur Co-Regisseur – viele Aufnahmen stammen von den Besuchern des ATP selbst.

Das Konzept von ATP stellt den Versuch der Verkörperung der Ideen von Jerry Garcia, Patti Smith oder Iggy Pop dar, die sich im Film in Archivaufnahmen nach einem Event sehnen, wo es kein Starsystem und keine Etikettierungen gäbe, nur ehrliche Musik. Die Auswahl dieser liegt bei ATP in den Händen der Kuratoren, zu denen in der Vergangenheit unter anderem Mogwai, Sonic Youth oder Portishead gehörten, die sich die Bühne mit ihren Gästen teilten, zum Beispiel mit Grinderman, Sunn O))), Yann Tiersen oder The Gossip. Manchmal gab man das Zepter der Auswahl aber auch dem Publikum selbst in die Hand. Die Grenzen sind offen. Da verwundert es nicht, wenn man auch mal auf eine Band trifft, die ihre Klangwelt mit dem elektronischen Musikinstrument Theremin ergänzt. ATP ist eine linksliberale Alternative zu großen Festivals wie Glastonbury. Eine intime Symbiose von Künstlern und Publikum auf engstem Raum. Alternativ, aber auch eine Marke, mit Spin-Offs in den USA, Spanien oder Australien.

 

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Voller Kontraste
Zumindest in der Urform, die in englischen Badeorten stattfindet, sorgt ATP für einen interessanten Kontrast zwischen der guten alten Art des ruhigen Urlaubs und einem modernen und pulsierenden Festival, zwischen den alten Feriendomizilen und dem neuen Publikum. ATP bietet ein paar Tage der Flucht vor der Realität und von Konventionen, von auferlegten Rollen und industrialisierten Geschmäckern. Auf ATP kann man die Kreativität selbst melken oder sich auch lediglich entspannt an ihrer Saat satt fressen; man darf zwischen organisierten Events, spontanen Konzerten, dem sanften Berauschen, der Poesie der Lagerfeuertreffen und anderen Manifestationen des Einklangs mit der Umwelt und der alles übergreifenden Liebe wählen. Hippie? Vielleicht. Jedenfalls fallen einem nach diesen Bildern als zeitgenössische Alternativen lediglich Burning Man und Burg Herzberg ein. Aber auch der Film ist eine Rückbesinnung. Weg von den neuartigen Dokumentarfilmen, die den Filmemacher selbst in den Vordergrund setzen und dokumentarische und gespielte Aufnahmen nur zu gerne mischen. Hin zu einem erfrischenden formalistischen Experiment, mit wenigen „talking heads“ und einem unsichtbaren Autor. Ein Familienalbum, das dazu anregt einen Urlaub in diese Utopie zu unternehmen.

Der Film wird am Samstag, dem 28. 08. 2010, im Rahmen von Volxkino bei freiem Eintritt zwischen dem 8. und dem 16. Wiener Gemeindebezirk in den Stadtbahnbögen gezeigt. Als Vorspiel gibt es eine Musikvideo-Compilation von den Vienna Independent Shorts. Wer „Grinderman“ live erleben will kann dies am 10. Oktober im Wiener Gasometer tun, „Yann Tiersen“ beehrt die Wiener Arena am 1. Dezember.

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Fotos: flickr.com/xurde (3), Titelbild: flickr.com/xurde

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