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Auch wenn der Wissensstand um HIV groß ist, Diskriminierung von Betroffenen ist Alltag
„Du solltest deine Mama lieber nicht umarmen!“, sagte die Lehrerin
damals zu dem achtjährigen Sohn von Wiltrud Stefanek. Das war nicht das
erste und letzte Mal, dass der Junge darauf hingewiesen wurde, wie
gefährlich seine Mama sei. Stefanek, heute Vorsitzende des
Selbsthilfevereins PULSHIV, ist HIV-positiv, erfuhr 1996, dass ihr Mann
sie mit dem Virus infizierte und weiß seither nur zu gut, was es
bedeutet, aufgrund ihrer Krankheit diskriminiert zu werden. „Aids ist in
unserer Gesellschaft unsichtbar und mit falschen Vorurteilen behaftet,
es wird mit einem unmoralischen und verantwortungslosen Lebensstil in
Verbindung gebracht. Ich war verheiratet, als ich mich infizierte und
führte keineswegs ein unmoralisches Leben“, meint Stefanek bei einer
Pressekonferenz des Netzwerkes „Women in Development Europe“. Trotz
scheinbar hohem Wissensstand über das Virus und dessen Übertragung
bleibt die unversehrte Integration in die Gesellschaft nur ein
Wunschtraum für Betroffene.
Benachteiligungen im Alltag und in der Arbeitswelt, Berührungsängste von
Mitmenschen und die Flucht von Infizierten in die Anonymität sind dabei
nur einige von vielen Begleiterscheinungen von HIV und „sozialem“ Aids.
Achtung, HIV-positiv!
„Meine Klienten berichten, dass sie von Ärzten abgelehnt, als Letzte aus
dem Wartezimmer aufgerufen und anderen Patienten gegenüber deutlich
benachteiligt wurden. Auf Ambulanzkarten wird vom Krankenpersonal oft in
Großbuchstaben und mit Leuchtstift ein ‚Achtung, HIV-positiv!'
vermerkt, was HIV-positive Patienten unnötig bloßstellt und ihrem Recht
auf Privatsphäre beraubt“, erklärt Sozialarbeiterin Sandra Diwoky von
der Aidshilfe Wien. Ein HIV-Betroffener muss seine Krankheit dem Arzt
laut Gesetz nicht mitteilen, auch wenn dies im Sinne einer bestmöglichen
medizinischen Behandlung von Vorteil ist. Meldepflichtig ist in
Österreich nur eine Aids-Erkrankung, nicht die bloße Infektion.
„HIV-positive Menschen sind nicht arbeitsunfähig und können dieselben
Jobs verrichten wie Nicht-Infizierte“, betont Diwoky. Laut § 4 des
Aids-Gesetzes gilt in Österreich nur eine Arbeitsbeschränkung für
Personen mit HIV/Aids: das Verbot der gewerbsmäßigen sexuellen
Erwerbstätigkeit. Demnach ist es nicht zulässig, einen negativen
HIV-Test zur Voraussetzung für eine Anstellung zu machen oder jemanden
aufgrund seines positiven HIV-Serostatus zu entlassen. Mit den Daten von
Infizierten wird dennoch gerne ungeachtet umgegangen. Das Arbeitsamt
weiß oft über die Krankheit von Betroffenen Bescheid, ohne dass diese es
je gemeldet hätten.
Einsamkeit, Depression, Existenzängste
Geht man eine Beziehung mit einer nicht-infizierten Person ein? Lohnt es
sich überhaupt, diese näher kennenzulernen, wenn sie das Weite sucht
sobald man von der Krankheit erzählt? Wie reagieren Freunde und
Verwandte? „Viele trauen sich nicht in der eigenen Familie über ihre
Krankheit zu sprechen, aus Angst, abgelehnt und verstoßen zu werden. Die
Diagnose HIV-positiv wird viel schlimmer wahrgenommen als andere
chronische Krankheiten, wie etwa Krebs und dergleichen“, meint Diwoky.
Der Umgang mit der Krankheit im sozialen Umfeld bilde daher meist das
schwerwiegendste Problem für Betroffene. Der Versuch dennoch ein
unbeschwertes Leben zu führen, endet für HIV-Infizierte oft mit dem
Selbstwertgefühl einer persona non grata.
„Viele Beschwerden gegen die Diskriminierung von HIV-Positiven werden
nicht durchgesetzt, weil diese Angst haben, dass ihre Krankheit an die
Öffentlichkeit gerät, wenn sie über ihre Erfahrungen berichten. Die
Furcht davor, dass ihre Daten missbraucht oder an diverse Ämter
weitergeleitet werden, ist groß, deswegen ist es so schwer, hier etwas
zu bewegen“, erklärt Wiltrud Stefanek ihre Forderung nach einem
Anti-Diskriminierungsgesetz für HIV-Positive. HIV-Infizierte können sich
derzeit nicht auf ein eigenes Gesetz berufen, wenn ihnen schwerwiegende
Diskriminierung widerfährt, da sie unter das
Behindertengleichstellungsgesetz fallen und als „Menschen mit
Behinderung“ gelten.
Einreisebeschränkungen in 52 Ländern
Nachdem sich 1981 die ersten Fälle von Aids verbreiteten und das
HI-Virus 1983 als Auslöser der Krankheit entdeckt wurde, reagierten
zahlreiche Länder, darunter auch die USA, aus Angst vor dem massenhaften
Ausbruch der Epidemie mit strikten Einreiseverboten für Infizierte.
Erst Anfang dieses Jahres setzte US-Präsident Barack Obama das Gesetz
über die Einreisebeschränkung für die USA gänzlich außer Kraft. Daten
von UNAids (Gemeinsames Programm der Vereinten Nationen zu HIV/AIDS)
zufolge, gelten heute noch in 52 Staaten weitläufige bis weniger strenge
Einreise- und Aufenthaltsverbote für HIV-positive Menschen. In 22
Staaten, darunter Russland, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate,
Singapur und Moldawien können HIV-Infizierte umgehend des Landes
verwiesen werden, sobald ihr HIV-Status bekannt wird.
Im Vorfeld der diesjährigen Welt-Aids-Konferenz, die von 18. bis 23. Juli unter dem Motto „Rights here, Right now“ erstmalig in Wien stattfindet, machen Selbsthilfegruppen, die Aidshilfe Wien und Betroffene insbesondere auf die Dringlichkeit nach mehr Toleranz und Anerkennung fundamentaler Menschenrechte aufmerksam. „Aids muss sichtbarer gemacht werden. Es wird immer nur über uns gesprochen, selten aber mit uns“, beklagt Wiltrud Stefanek die öffentliche Wahrnehmung von Aids. Menschenrechts-verletzungen, wie die strafrechtliche Verfolgung von Infizierten, steigende Infektionsraten bei Frauen aufgrund von Vergewaltigungen, das Entsagen von frischen Nadeln und Kondomen für Gefangene sowie die weltweit ungerechte Verteilung von Medikamenten gelten dabei als stärkste Dämpfer des weltweiten Fortschritts in der HIV-Prävention. Bei weltweit rund 33,4 Millionen Infizierten haben laut WHO-Statistiken immer noch nur ein Drittel aller Betroffener Zugang zu einer adäquaten Behandlung. Die patentierten Präventionsmedikamente von großen Pharmakonzernen sind besonders für von HIV stark betroffenen Entwicklungsländern nicht leistbar.
Ein stets aktuelles Problem im Kampf gegen die Diskriminierung von HIV-Betroffenen bildet nach wie vor die Kriminalisierung von gleichgeschlechtlicher Liebe sowie das Abtun von Aids als „Schwulenkrankheit“. Laut UNAids werden Homosexuelle in achtzig Ländern dieser Welt strafrechtlich verfolgt, sehr stark davon betroffen ist der afrikanische Kontinent. Die Cleaveland-Foundation für HIV-Positive in den USA berichtet von besonders skurriler Diskriminierung im US-Staat Kansas durch Aktivisten der „Westboro Baptist Church“, die Begräbnisse von an Aids verstorbenen Homosexuellen stören und mit Schildern, auf denen „Aids cures fags“ (auf Deutsch: „Aids heilt Schwuchteln“) geschrieben steht, aufmarschieren. Auch Sexarbeiterinnen und Drogenabhängige gelten als besonders marginalisiert, da das HIV-positive Leben neben ihrem Image in der Gesellschaft zu einer sekundären Diskriminierung führt. Betroffene tauchen oft in den Untergrund ab, haben Angst vor gewalttätigen Übergriffen oder fangen eine Behandlung gar nicht erst an. „Mein größter Wunsch wäre, dass HIV-Positive einmal ein unbeschwertes Leben ohne Angst vor Diskriminierung und sozialer Isolation leben können. Ich befürchte aber, dass die Welt-Aids-Konferenz nicht viel bewirken wird und Aids danach wieder ganz von der Bildfläche verschwinden wird“, meint Wiltrud Stefanek. Ein Wunsch, den viele Betroffene mit ihr teilen und für den noch vieles an Aufklärungsarbeit geleistet werden muss.
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PULSHIV
Artikel von
Titelbild: mokant.at montage > foto: flickr.com/Jillian Rose Taylor




















