Archiv
„Tropa de elite“ („Elite Squad“, 2007) im Sommerkino
In den „Favelas“, den brasilianischen Armenvierteln, herrschen auch in Rio de Janeiro Banden, die von der korrumpierten Polizei geduldet werden. Gegen beide kämpft eine Elitetruppe der Militärpolizei, die den Auftrag erhält das Terrain für den Besuch des Papstes vorzubereiten. Der Anführer dieser Elitetruppe, Nascimento (Wagner Moura), hält es aus persönlichen Gründen in seiner Position nicht mehr aus und muss deswegen einen Nachfolger finden. Aus der Riege der Kandidaten stechen die Freunde Neto (Caio Junqueira) und Matias (André Ramiro) hervor, die aber auch außerhalb des harten Trainings beweisen müssen, dass sie Elitepolizisten sein können. Denn der Frieden in Rio de Janeiro ist sehr instabil, deshalb sollte jede Intervention gut durchdacht werden.
Vertreter des (un)bekannten Filmkontinents
Wer bei dieser Inhaltsangabe auf einen bestimmten Film aus dem Jahr 2002
assoziierte, liegt richtig. Denn sowohl „Tropa de elite“ als auch
„Cidade de Deus“ („City of God“) sind brasilianische Filme, deren
Handlungen in „Favelas“ spielen und deren Hauptfigur auch als
allwissender Erzähler mit Voice-Over-Kommentaren tätig ist. Was nicht
verwundert, denn beide Filme haben denselben Co-Drehbuchautor, Bráulio
Mantovani.
Im Gegensatz zu Mantovani entschied sich der Regisseur Padilha gleich
dafür ein Sequel seines erfolgreichen Films zu drehen – „Tropa de elite
2“ befindet sich zurzeit in der Postproduktion. Die Krönung des Erfolgs
des ersten Teils war der Erhalt des Goldenen Bären auf der Berlinale
2008. In den letzten drei Ausgaben der Berlinale wurden zwei
südamerikanische Spielfilme mit dem höchsten Preis prämiert, der zweite
war der peruanisch-spanische Film „Eine Perle Ewigkeit“ (La teta
asustada“) von Claudia Llosa. Dies erzeugte auch außerhalb der Gattung
Filmfestivalbesucher endlich zusätzliches Interesse für das Kino südlich
von Mexiko, dem dominierendem Filmland in Lateinamerika (in jüngster
Zeit berühmt geworden als Ursprungsland der Starregisseure RodrÃguez,
Iñárritu, del Toro oder der Brüder Cuarón).
Die Politik der Bilder
Den Erfolg verdankt „Tropa de elite“ dabei vor allem seiner politisch
relevanten Geschichte. Es handelt sich um eine Illustration der
Verhältnisse zwischen politischen Akteuren in einem Land, in dem der
Staat nicht mehr ausschließlich das Gewaltmonopol inne hat, weil die
Gewalt in den selbstorganisierten „Favelas“ die Banden mit eigener
Judikative, Exekutive und Legislative umsetzen. Der Film beziehungsweise
die Franchise „Tropa de elite“ und ähnliche Werke werden in den
nächsten Jahren sicherlich noch an Aufmerksamkeit gewinnen, denn in
Erwartung der nächsten Fußball-WM der Männer und der übernächsten
Sommer-Olympiade werden sich wieder Diskussionen rund um die Sicherheit
der Gäste entfachen.
Seine Geschichte will „Tropa de elite“ so realistisch wie möglich
darstellen und verwendet dafür neben dem Kommentator vor allem zwei
Werkzeuge – eine natürliche (Slang-)Sprache sowie eine meistens
handgeführte Kamera. Letztere gibt den Rahmen für einige visuelle
Provokationen. „Tropa de elite“ ist nämlich zum Teil ein brutaler oder
gar ein Kriegsfilm. Natürlich nicht so plakativ wie die aktuelle Welle
der so genannten „Torture Porn“ Filme oder manches jüngere Produkt des
asiatischen Kinos, aber dennoch: die Polizeimethoden wurden auf der
großen Leinwand schon lange nicht mehr so kompromisslos dargestellt,
wobei man für die Maßnahmen gegen Kriminelle bei De Palma, für die
Behandlung von Rekruten hingegen bei Kubrick mögliche Parallelen finden
könnte. Natürlich erzeugt der Film damit emotionale Reaktionen bei dem
Publikum, die gemäß dramaturgischen Regeln durch die Schilderung der
Figuren als Privatpersonen noch bestärkt werden. „Tropa de elite“ räumt
nämlich viel Platz auch der persönlichen Entwicklung vor allem von
Nascimento und Matias ein, die am Ende des Films zu neuen Menschen
werden.
„Tropa de elite“ wird im Rahmen des diesjährigen Krimi-Schwerpunkts in
der Reihe „Kino am Dach“ gezeigt, und zwar am 6. 8. am Dach der
Hauptbücherei Wien am Urban-Loritz-Platz.





















































