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Telefonseelsorge-Obfrau Matejka über einsame Anrufer und Loyalität zur Kirche
mokant.at: Gibt es Leute, die regelmäßig bei der Telefonseelsorge anrufen?
Marlies Matejka: Ja. Das ist auch eine Herausforderung für uns,
weil das für eine bestimmte Zeit gut ist, aber längerfristig sind wir
kein Ersatz für Freunde. Erstens können wir das nicht leisten und
zweitens ist das bloß virtuell, das ist keine reale Beziehung.
mokant.at: Gibt es Momente in denen man am liebsten auflegen würde?
Marlies Matejka: Natürlich, das tut man dann auch. Beim Gespräch
begegnen sich zwei Menschen und der, der anruft steht im Mittelpunkt,
aber wenn er nur herumschreit und schimpft oder keine Grenzen
akzeptiert, geht das nicht.
mokant.at: Haben Sie nicht ein schlechtes Gewissen, wenn sie auflegen?
Marlies Matejka: Naja, das würde ich nie machen, wenn jemand das
erste Mal anruft. Aber wenn jemand schon fünf Mal an diesem Tag
angerufen hat, wird dezidiert gesagt, wir haben schon gesprochen und
andere wollen auch drankommen, für heute rede ich nicht mehr mit Ihnen.
Das ist auch notwendig, für das Realitätsempfinden des Menschen.
mokant.at: Wie lange hält man diese Arbeit durch? Denkt man sich nicht nach einer gewissen Zeit, ich habe jetzt genug gehört?
Marlies Matejka: Sie dürfen sich das nicht so vorstellen, dass
man ständig im Dienst ist. . Berufstätige Mitarbeiter kommen zum
Beispiel einmal im Monat für einen Nachtdienst. Jeder Mitarbeiter
verpflichtet sich für zwölf bis fünfzehn Stunden im Monat. Es gibt viele
Ehrenamtliche, die mehr als zehn Jahre dabei sind. Wir haben meist
jedes Jahr eine Ausbildungsgruppe von fünfzehn Leuten, die neu
dazukommt.
mokant.at: Wie sehr ist die Kirche involviert?
Marlies Matejka: Die evangelische und die katholische Kirche sind
die Träger der Telefonseelsorge. Die katholische Kirche bezahlt die
Grundausstattung, die Supervisionsgruppenleiter und die Räumlichkeiten.
Als Mitglied im Internationalen Verband der Telefonseelsorge haben wir
die Richtlinien unterschrieben, dass auf Anrufer und Mitarbeiter kein
wie auch immer gearteter ethnischer, religiöser oder ideologischer Druck
ausgeübt werden darf. Außerdem ist der Anteil an religiösen Gesprächen
nur etwa zwei Prozent.
mokant.at: So mancher würde sich durch den kirchlichen
Hintergrund abgeschreckt fühlen, anzurufen, weil er das „religiöse
Gewäsch“ nicht hören will.
Marlies Matejka: Jeder kann anrufen, um über seine Probleme zu
sprechen. Aber es stimmt, es könnte sein, dass die Leute hier
pseudoreligiöse Phrasen erwarten, auch wenn es das nicht gibt. Wir
diskutieren immer wieder, ob wir den Namen ändern sollen, allerdings ist
er sehr etabliert in Österreich und in Deutschland. Es ist ein sehr
schönes Wort, sich um die Seele eines anderen Menschen zu kümmern, wenn
es auch altmodisch klingt.
mokant.at: Gibt es Mitarbeiter mit Migrationshintergrund?
Marlies Matejka: Nicht wirklich. Wir haben eine Kollegin aus
Kroatien und eine aus Polen. Aber wir haben es noch nicht so gut
kanalisiert, dass man sagen könnte, da ist jemand mit dem gleichen
Hintergrund erreichbar.
mokant.at: Aber es ist kein Auswahlkriterium, wenn jemand
mitmachen will? Oder lehnt man Leute ab, weil sie aus der Türkei kommen
und ein Kopftuch tragen?
Marlies Matejka: (überlegt) Das war bis jetzt noch nicht
der Fall. Ich denke, es ist etwas, worüber wir sicher werden nachdenken
müssen. Auf der einen Seite werden wir von der Kirche getragen und wenn
jemand mit der Kirche wirklich Probleme hat, ist es nicht sehr
sinnvoll, dass er gerade hier mitarbeitet. Das ist so, wie wenn jemand
im Fußballclub ist und sagt, Fußball ist blöd, Basketball ist besser.
Eine gewisse Loyalität muss schon vorhanden sein. Aber wenn jemand
muslimisch ist, heißt das nicht, dass kein Respekt vor der christlichen
Religion vorhanden ist. Bei dem Kongress wurde ein tolles Modell, ein
Berliner muslimisches Telefonseelsorgetelefon, vorgestellt, das läuft
parallel zur Telefonseelsorge. Dort können die Anrufenden in der
entsprechenden Sprache beraten werden.
Marlies Matejka: Das glaube ich nicht, aber eine Kooperation wie in Berlin wäre denkbar. Das ist reine Zukunftsmusik, ein mögliches Modell. Es geht doch immer um Menschen, wenn Bedarf besteht, muss man schauen, was man ihnen anbieten kann.
„Selbstmord ernst nehmen“
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