22. Juli 2010 | Musik

„Nur abrocken: Langweilig“

Tiberio Sorvillo
„Viele junge Musiker begreifen sich als Produkt“, meint Koglek

Labelbetreiber und Musiker Stefan Koglek über Psychedelik, Drogen und Stoner Rock

 

Tiefe, groovende Riffs und Innovation zeichnen die Stoner- und Psychedelic-Rock-Szene aus.
Stefan Koglek aus München ist eine ihrer Schlüsselfiguren. Er ist Gitarrist und Sänger der international erfolgreichen Band Colour Haze, organisiert Konzerte und Festivals mit und betreibt das renommierte Plattenlabel „Elektrohasch“. Im Interview mit mokant.at spricht Koglek über die fehlende Flower Power in der Musikszene, KYUSS, die Gründerväter des Stoner Rock und warum amerikanische Musik einfach düster klingt.

 

Tiberio Sorvillo
mokant.at: Für eure Werke mit Colour Haze verwendet ihr Titel wie Ewige Blumenkraft und Peace, Brothers and Sisters. Wieviel ist an Flower Power und positive Ausstrahlung in der Musikszene für dich heute noch dran?
Stefan Koglek: Ich muss leider sagen, dass das in der Musikszene zu wenig präsent ist. Zum einen, weil es im großen Bereich ums Geschäft geht und andererseits daher auch schon kleine Bands, die eigentlich in erster Linie – und idealistisch gesehen – Musiker mit Aussage und Ausstrahlung sein sollten, sich daran orientieren und sich somit von vornherein irgendwelchen vermeintlichen Markterfordernissen anzupassen versuchen. Sehr viele junge Musiker, und auch die Älteren, begreifen sich schon a priori als Produkt und stellen sich auch so dar. So zielen sie natürlich an dem, was Musik kann oder sein soll, völlig vorbei.

mokant.at: Und wie ist das bei dir?
Koglek: Ich habe mich hingesetzt und darüber nachgedacht, was ich mit meiner Musik eigentlich erreichen will. Es ist natürlich so, dass in der Welt sehr viele negative, hässliche, unangenehme Dinge ablaufen, die mich natürlich betreffen. Aber Greenpeace-Kämpfer oder Entwicklungshelfer bin ich halt nicht geworden, ich bin Musiker. Die Musik der 1960er hat durch die ihr innewohnende Kraft sehr viel dazu beigetragen, anderen Leuten für anderweitige gesellschaftliche Aktionen einfach einen positiven Schub und positive Energie zu geben. Das ist, was auch mein Wunsch wäre. Dass ich Leuten, die gute Sachen machen oder gut drauf sind, einfach für ihren Tag ein Zuckerl geben kann.

mokant.at: Wie würdest du die Stoner-Rock- oder Psychedelic-Szene zur Zeit beschreiben?
Koglek: Die Szene war nie wirklich groß. Es begann in den 1990ern mit KYUSS, darauf sind plötzlich viele Leute und Labels aufgesprungen, die hofften, dass Stoner Rock ein verkaufsstarkes und groß vermarktbares Ding wird, was es dann aber in weiterer Folge nicht wurde. Einige in der Industrie und den Medien, die Stoner schon als „neuen Grunge“ gesehen haben, hat das so enttäuscht, dass sie dann über Jahre alles aus der Szene regelrecht niedergemacht haben, nach dem Motto: Klingt ja alles gleich und ist eben nicht KYUSS oder sonst wie von Herrn Homme. Damit wurde Stoner – und ich meine: Gott sei Dank – grundsätzlich missverstanden, denn es ist freie Rockmusik von Musikliebhabern für Musikliebhaber und eben kein Industrieprodukt nach Schema X. Es gibt nämlich kaum eine Szene, die musikalisch gesehen so vielfältig ist. Von düsteren Drone-Sachen über klassischen Stoner Rock bis hin zu experimentelleren und jazzigeren Einschlägen.

mokant.at: Die Stoner-Szene ist in Europa besser organisiert als in ihrem „Ursprungsland“, den USA. Wieso, glaubst du, ist das so?
Koglek: Amerika hat da, denke ich, ein strukturelles Problem. Es gibt dort keine richtige Liveszene und Clubs wie bei uns. Das Ganze muss sich dort als Geschäft immer rechnen. Dort spielst du dann als Band ohne Übernachtung und ohne Essen in einer technisch schlecht ausgestatteten Bar unter Neonlicht. Das größte Festival, Emissions from the Monolith, entsprach von der Größe her unserer Swamp Room Mania (kleines Festival in München, Anmerkung der Redaktion) mit ungefähr 400 Leuten und die kommen teilweise sogar von Kanada angefahren.

Wenn du amerikanische Bands hier hast, merkst du denen auch an, dass ihnen vielfach die Live-Erfahrung und das Szenefeedback fehlen. Die sind dann „performancetechnisch“ oftmals doch etwas schwach auf der Brust. Das ist mittlerweise auch sehr daran zu merken, was ich an Demos bekomme. Es ist nicht ohne Grund so, dass ich bis jetzt noch keine Amerikaner auf Elektrohasch habe. In der stilistischen Richtung, die ich vertrete, habe ich bis jetzt einfach noch nichts aus den Staaten bekommen, was mithalten könnte.

 

flickr.com/pezisocks

mokant.at: Es gibt in den USA allerdings auch sehr erfolgreiche Bands aus dem Genre.
Koglek: Ja, aber die machen stilistisch wieder etwas anderes. Es ist natürlich von der Grundstimmung her in den USA alles ein bisschen härter, düsterer, ein bisschen verlorener und negativer. In dem Bereich hast du dann dort drüben natürlich noch die Bands. Alles was in den Doom-, Drone- und Sludge-Bereich fällt, davon kommt aus den Staaten sehr viel. Von Sunn O))) über Mastodon bis hin zu ISIS, die es ja jetzt auch nicht mehr gibt, in diese Richtung hat sich auch die Undergroundszene in den USA hinentwickelt. Das hat sich wohl auch ein bisschen durch die Zustände im Land und die politische Prägung so entwickelt.

mokant.at: Was ist in der Szene in Europa anders?
Koglek: Speziell in Europa läuft die Szene sehr viel über diesen Idealismus der Fans. Leute, die dann zum Beispiel selber Konzerte und Festivals organisieren, anfangen, Fanzines zu herauszugeben, die letzten Endes auch Plattenlabels betreiben und alles machen, was Ausdruck dieses Musikliebhabergedankens ist. Also eigentlich das, woraus auch Elektrohasch gewachsen ist. Natürlich muss es sich auch für mich rechnen, sonst könnte ich die Arbeit nicht leisten, die dafür notwendig ist. Als Feierabendprojekt kannst du ein Label halt nicht führen.

mokant.at: Du spielst in deiner Band Colour Haze, betreibst ein Label und organisierst Konzerte. Hat der Tag genügend Stunden, um all diese Dinge unter einen Hut zu bringen?
Koglek: (lacht) Das ist eine schwierige Frage. Alle diese Dinge nehmen viel Zeit in Anspruch, aber oft laufen sie dann auch irgendwie zusammen.

mokant.at: Wie viele Leute sind bei deinem Label Elektrohasch beschäftigt?
Koglek: Nur ich. Natürlich gibt es Leute, zum Beispiel für die Grafik oder Druckvorlagen oder die Promotion, die ich dann beauftrage, aber die eigentliche Labelarbeit mache ich alleine.

mokant.at: Was, würdest du sagen, sind die größten Probleme für eine Band aus eurer Stilrichtung?
Koglek: Das größte Problem für die Bands selbst ist, sich vom Kopf her abschminken zu müssen, dass heutzutage mit Musik auf dieser Basis noch Geld zu verdienen ist. Sobald du in diesen Gedankengang hineinkommst, „aber wir müssen jetzt Geld verdienen“, hast du schon mal mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. Denn das geht heutzutage nicht mehr so einfach, außer, man setzt sich komplett den gängigen Marktmechanismen aus. Da wird es dann aber wiederum mit der kreativen Freiheit schwierig, denn da muss man sich ja wieder als Produkt begreifen. Deswegen ist das Problem, das ich bei vielen Bands sehe, dass sie sich nicht genug in ihrer Musikalität, in ihrer Tiefenergründung der Musik weiterentwickeln, sich mit ihren ganzen Sein darauf ausrichten und möglichst interessante Sachen machen. Ich bekomme viele Demos von Bands, die noch nicht genügend darüber nachdenken, was gesellschaftlich oder für sie persönlich wirklich notwendig ist und halt einfach nur abrocken. Und diese Sachen sind dann langweilig, da eben genauso hundertfach zu hören.

 

flickr.com/pezisocks

mokant.at: Psychedelic Rock wird oft schnell in eine Schublade mit Drogen gesteckt. Was meinst du dazu? Psychedelische Musik gleich psychedelische Drogen?
Koglek: Es gibt heutzutage ein viel zu starkes Missverständnis, was Psychedelik eigentlich ist. Wenn man in die 1960er zurückgeht und sich ansieht, was Psychedelik gemeint hat, dann war das die Weiterentwicklung des menschlichen Bewusstseins und Geistes. In der Begeisterung für diverse technische und pharmakologische Hilfsmittel, die in den 1960ern geherrscht hat, hat man vielfach versucht, diese erweiternden Bewusstseinszustände durch Drogen herbeizuführen. Der Drogengebrauch ist jedoch kein Bestandteil der Psychedelik per se. Im Prinzip führt er dich sogar davon fort, da es ja um Bewusstseinserweiterung geht und wenn ich das in Musik tatsächlich darstellen will, muss ich natürlich klaren Geistes sein.

In den glücklichsten, besten Momenten sind wir selber beim Spielen eigentlich gar nicht mehr vorhanden oder wichtig. Wir sind dann nur mehr ein Vermittler zwischen dem großen Sein über die Musik. Die Freuden, die du im erweiterten Bewusstsein hast, sind unendlich viel größer als das, was du da irgendwie mit Drogen erreichen kannst.

mokant.at: Was für Leute kommen hauptsächlich zu den Konzerten?
Koglek: Mir fällt auf, dass diese Musik in Europa jetzt auch viel mehr junge Leute anspricht. Das Publikum war vor zehn Jahren ungefähr in unserem Alter, plus die noch sehr viel älteren. Die Älteren und die Leute in unserem Alter sind uns geblieben, aber ich sehe jetzt auch sehr viele Leute um die 16, 17, 18 auf unseren Konzerten. Also ist immer ein Bedarf nach dieser Qualität in der Musik da. Denn viel von dem, was im Stoner-Bereich von den guten europäischen Bands geboten wird, ist eigentlich die innovativste, qualitätsvollste und sinnhaltigste Rockmusik, die derzeit produziert wird.

mokant.at: Dieser Tage ist John Garcia von KYUSS in Europa unterwegs und spielt Lieder seiner alten Band. Was hältst du davon?
Koglek: Ich habe ihn nicht gesehen und das interessiert mich ehrlich gesagt auch nicht so wahnsinnig.

mokant.at: Diese Zeiten sind also einfach vorbei?
Koglek: Das ist nicht so sehr der Punkt, ich war damals natürlich mal schwer von KYUSS begeistert und habe die auch noch live gesehen. Ich meine, John Garcia muss halt auch Geld verdienen und dann hat er dieses Projekt angeboten bekommen. Josh Homme wird das sicherlich nicht mehr machen, der ist zu groß geworden (unter anderem Queens of the Stone Age & Them Crooked Vultures, Anmerkung der Redaktion). Es bringt auch nichts, auf Dauer alten Zeiten nachzuhängen, obwohl es natürlich tolle Musik und eine schöne Sache ist. Aber insofern hat er jetzt natürlich quasi seine eigene Tribute-Band. Das kann er machen, aber für mich persönlich ist das nicht weiter interessant.


Links dazu ...
Colour Haze
Elektrohasch Schallplatten
StonerRock.com

Interview führte

Fotos: Tiberio Sorvillo, flickr.com/pezisocks

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