„Nur abrocken: Langweilig“
Labelbetreiber und Musiker Stefan Koglek über Psychedelik, Drogen und Stoner Rock
Tiefe, groovende Riffs und Innovation zeichnen die Stoner- und Psychedelic-Rock-Szene aus.
Stefan Koglek aus München ist eine ihrer Schlüsselfiguren. Er ist
Gitarrist und Sänger der international erfolgreichen Band Colour Haze,
organisiert Konzerte und Festivals mit und betreibt das renommierte
Plattenlabel „Elektrohasch“. Im Interview mit mokant.at spricht Koglek
über die fehlende Flower Power in der Musikszene, KYUSS, die
Gründerväter des Stoner Rock und warum amerikanische Musik einfach
düster klingt.
Stefan Koglek: Ich muss leider sagen, dass das in der Musikszene zu wenig präsent ist. Zum einen, weil es im großen Bereich ums Geschäft geht und andererseits daher auch schon kleine Bands, die eigentlich in erster Linie – und idealistisch gesehen – Musiker mit Aussage und Ausstrahlung sein sollten, sich daran orientieren und sich somit von vornherein irgendwelchen vermeintlichen Markterfordernissen anzupassen versuchen. Sehr viele junge Musiker, und auch die Älteren, begreifen sich schon a priori als Produkt und stellen sich auch so dar. So zielen sie natürlich an dem, was Musik kann oder sein soll, völlig vorbei.
mokant.at: Und wie ist das bei dir?
Koglek: Ich habe mich hingesetzt und darüber nachgedacht, was
ich mit meiner Musik eigentlich erreichen will. Es ist natürlich so,
dass in der Welt sehr viele negative, hässliche, unangenehme Dinge
ablaufen, die mich natürlich betreffen. Aber Greenpeace-Kämpfer oder
Entwicklungshelfer bin ich halt nicht geworden, ich bin Musiker. Die
Musik der 1960er hat durch die ihr innewohnende Kraft sehr viel dazu
beigetragen, anderen Leuten für anderweitige gesellschaftliche Aktionen
einfach einen positiven Schub und positive Energie zu geben. Das ist,
was auch mein Wunsch wäre. Dass ich Leuten, die gute Sachen machen oder
gut drauf sind, einfach für ihren Tag ein Zuckerl geben kann.
mokant.at: Wie würdest du die Stoner-Rock- oder Psychedelic-Szene zur Zeit beschreiben?
Koglek: Die Szene war nie wirklich groß. Es begann in den
1990ern mit KYUSS, darauf sind plötzlich viele Leute und Labels
aufgesprungen, die hofften, dass Stoner Rock ein verkaufsstarkes und
groß vermarktbares Ding wird, was es dann aber in weiterer Folge nicht
wurde. Einige in der Industrie und den Medien, die Stoner schon als
„neuen Grunge“ gesehen haben, hat das so enttäuscht, dass sie dann über
Jahre alles aus der Szene regelrecht niedergemacht haben, nach dem
Motto: Klingt ja alles gleich und ist eben nicht KYUSS oder sonst wie
von Herrn Homme. Damit wurde Stoner – und ich meine: Gott sei Dank –
grundsätzlich missverstanden, denn es ist freie Rockmusik von
Musikliebhabern für Musikliebhaber und eben kein Industrieprodukt nach
Schema X. Es gibt nämlich kaum eine Szene, die musikalisch gesehen so
vielfältig ist. Von düsteren Drone-Sachen über klassischen Stoner Rock
bis hin zu experimentelleren und jazzigeren Einschlägen.
mokant.at: Die Stoner-Szene ist in Europa besser organisiert als in ihrem „Ursprungsland“, den USA. Wieso, glaubst du, ist das so?
Koglek: Amerika hat da, denke ich, ein strukturelles Problem. Es
gibt dort keine richtige Liveszene und Clubs wie bei uns. Das Ganze
muss sich dort als Geschäft immer rechnen. Dort spielst du dann als
Band ohne Übernachtung und ohne Essen in einer technisch schlecht
ausgestatteten Bar unter Neonlicht. Das größte Festival, Emissions from
the Monolith, entsprach von der Größe her unserer Swamp Room Mania (kleines Festival in München, Anmerkung der Redaktion) mit ungefähr 400 Leuten und die kommen teilweise sogar von Kanada angefahren.
Wenn du amerikanische Bands hier hast, merkst du denen auch an, dass
ihnen vielfach die Live-Erfahrung und das Szenefeedback fehlen. Die
sind dann „performancetechnisch“ oftmals doch etwas schwach auf der
Brust. Das ist mittlerweise auch sehr daran zu merken, was ich an Demos
bekomme. Es ist nicht ohne Grund so, dass ich bis jetzt noch keine
Amerikaner auf Elektrohasch habe. In der stilistischen Richtung, die
ich vertrete, habe ich bis jetzt einfach noch nichts aus den Staaten
bekommen, was mithalten könnte.
mokant.at: Es gibt in den USA allerdings auch sehr erfolgreiche Bands aus dem Genre.
Koglek: Ja, aber die machen stilistisch wieder etwas anderes. Es
ist natürlich von der Grundstimmung her in den USA alles ein bisschen
härter, düsterer, ein bisschen verlorener und negativer. In dem Bereich
hast du dann dort drüben natürlich noch die Bands. Alles was in den
Doom-, Drone- und Sludge-Bereich fällt, davon kommt aus den Staaten
sehr viel. Von Sunn O))) über Mastodon bis hin zu ISIS, die es ja jetzt
auch nicht mehr gibt, in diese Richtung hat sich auch die
Undergroundszene in den USA hinentwickelt. Das hat sich wohl auch ein
bisschen durch die Zustände im Land und die politische Prägung so
entwickelt.
mokant.at: Was ist in der Szene in Europa anders?
Koglek: Speziell in Europa läuft die Szene sehr viel über diesen
Idealismus der Fans. Leute, die dann zum Beispiel selber Konzerte und
Festivals organisieren, anfangen, Fanzines zu herauszugeben, die
letzten Endes auch Plattenlabels betreiben und alles machen, was
Ausdruck dieses Musikliebhabergedankens ist. Also eigentlich das,
woraus auch Elektrohasch gewachsen ist. Natürlich muss es sich auch für
mich rechnen, sonst könnte ich die Arbeit nicht leisten, die dafür
notwendig ist. Als Feierabendprojekt kannst du ein Label halt nicht
führen.
mokant.at: Du spielst in deiner Band Colour Haze, betreibst ein
Label und organisierst Konzerte. Hat der Tag genügend Stunden, um all
diese Dinge unter einen Hut zu bringen?
Koglek: (lacht) Das ist eine schwierige Frage. Alle diese
Dinge nehmen viel Zeit in Anspruch, aber oft laufen sie dann auch
irgendwie zusammen.
mokant.at: Wie viele Leute sind bei deinem Label Elektrohasch beschäftigt?
Koglek: Nur ich. Natürlich gibt es Leute, zum Beispiel für die
Grafik oder Druckvorlagen oder die Promotion, die ich dann beauftrage,
aber die eigentliche Labelarbeit mache ich alleine.
mokant.at: Was, würdest du sagen, sind die größten Probleme für eine Band aus eurer Stilrichtung?
Koglek: Das größte Problem für die Bands selbst ist, sich vom
Kopf her abschminken zu müssen, dass heutzutage mit Musik auf dieser
Basis noch Geld zu verdienen ist. Sobald du in diesen Gedankengang
hineinkommst, „aber wir müssen jetzt Geld verdienen“, hast du schon mal
mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. Denn das geht heutzutage nicht
mehr so einfach, außer, man setzt sich komplett den gängigen
Marktmechanismen aus. Da wird es dann aber wiederum mit der kreativen
Freiheit schwierig, denn da muss man sich ja wieder als Produkt
begreifen. Deswegen ist das Problem, das ich bei vielen Bands sehe,
dass sie sich nicht genug in ihrer Musikalität, in ihrer
Tiefenergründung der Musik weiterentwickeln, sich mit ihren ganzen Sein
darauf ausrichten und möglichst interessante Sachen machen. Ich bekomme
viele Demos von Bands, die noch nicht genügend darüber nachdenken, was
gesellschaftlich oder für sie persönlich wirklich notwendig ist und
halt einfach nur abrocken. Und diese Sachen sind dann langweilig, da
eben genauso hundertfach zu hören.
mokant.at: Psychedelic Rock wird oft schnell in eine Schublade
mit Drogen gesteckt. Was meinst du dazu? Psychedelische Musik gleich
psychedelische Drogen?
Koglek: Es gibt heutzutage ein viel zu starkes Missverständnis,
was Psychedelik eigentlich ist. Wenn man in die 1960er zurückgeht und
sich ansieht, was Psychedelik gemeint hat, dann war das die
Weiterentwicklung des menschlichen Bewusstseins und Geistes. In der
Begeisterung für diverse technische und pharmakologische Hilfsmittel,
die in den 1960ern geherrscht hat, hat man vielfach versucht, diese
erweiternden Bewusstseinszustände durch Drogen herbeizuführen. Der
Drogengebrauch ist jedoch kein Bestandteil der Psychedelik per se. Im
Prinzip führt er dich sogar davon fort, da es ja um
Bewusstseinserweiterung geht und wenn ich das in Musik tatsächlich
darstellen will, muss ich natürlich klaren Geistes sein.
In den glücklichsten, besten Momenten sind wir selber beim Spielen
eigentlich gar nicht mehr vorhanden oder wichtig. Wir sind dann nur
mehr ein Vermittler zwischen dem großen Sein über die Musik. Die
Freuden, die du im erweiterten Bewusstsein hast, sind unendlich viel
größer als das, was du da irgendwie mit Drogen erreichen kannst.
mokant.at: Was für Leute kommen hauptsächlich zu den Konzerten?
Koglek: Mir fällt auf, dass diese Musik in Europa jetzt auch
viel mehr junge Leute anspricht. Das Publikum war vor zehn Jahren
ungefähr in unserem Alter, plus die noch sehr viel älteren. Die Älteren
und die Leute in unserem Alter sind uns geblieben, aber ich sehe jetzt
auch sehr viele Leute um die 16, 17, 18 auf unseren Konzerten. Also ist
immer ein Bedarf nach dieser Qualität in der Musik da. Denn viel von
dem, was im Stoner-Bereich von den guten europäischen Bands geboten
wird, ist eigentlich die innovativste, qualitätsvollste und
sinnhaltigste Rockmusik, die derzeit produziert wird.
mokant.at: Dieser Tage ist John Garcia von KYUSS in Europa unterwegs und spielt Lieder seiner alten Band. Was hältst du davon?
Koglek: Ich habe ihn nicht gesehen und das interessiert mich ehrlich gesagt auch nicht so wahnsinnig.
mokant.at: Diese Zeiten sind also einfach vorbei?
Koglek: Das ist nicht so sehr der Punkt, ich war damals
natürlich mal schwer von KYUSS begeistert und habe die auch noch live
gesehen. Ich meine, John Garcia muss halt auch Geld verdienen und dann
hat er dieses Projekt angeboten bekommen. Josh Homme wird das
sicherlich nicht mehr machen, der ist zu groß geworden (unter anderem Queens of the Stone Age & Them Crooked Vultures, Anmerkung der Redaktion).
Es bringt auch nichts, auf Dauer alten Zeiten nachzuhängen, obwohl es
natürlich tolle Musik und eine schöne Sache ist. Aber insofern hat er
jetzt natürlich quasi seine eigene Tribute-Band. Das kann er machen,
aber für mich persönlich ist das nicht weiter interessant.
Links dazu ...
Colour Haze
Elektrohasch Schallplatten
StonerRock.com
Interview führte














