23. Juli 2010 | Meinung

Aufgeblättert: „Lange Nächte Tag“

mokant.at > foto: michaela wein
Simon Froehlings Debütroman schildert das Auf und Ab der Liebe

„Lange Nächte Tag“ von Simon Froehling

 

Als sich Patrick nach der ersten gemeinsamen Nacht mit Jirka davonschleicht, ist für diesen alles klar. Gekränkt von einem solchen Verhalten, beschließt der junge Mann trotz später Stunde noch einmal das Haus zu verlassen. „Eine halbe Stunde später schlich er aus der Wohnung und das gespenstisch ruhige Treppenhaus hinunter, als schämte er sich schon im Voraus für das, was er erst noch tun würde – für seinen Versuch … mich zuzudecken mit einer anderen Erinnerung.“ Doch der Preis für diesen Wunsch nach Verdrängung und Vergessen ist hoch.
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Protagonist und Leser im Chaos
Als der zu Unrecht enttäuschte junge Mann Patrick nach Wochen die Wahrheit mitteilt, wird die ohnehin von gegensätzlichen, aber imposanten Gefühlen geprägte Beziehungen zwischen den beiden Männern noch komplizierter. „Die drei Buchstaben stehen zwischen uns, groß und zu sperrig, um sie alle auf einmal in den Mund zu nehmen. Wir müssen sie einzeln rund lutschen und einbetten in andere Worte, damit die spitzen Enden und Winkel der zwei Konsonanten und des überhaupt nicht weichen Vokals uns nicht den Gaumen zerfleischen.“ Wut über Jirkas Verhalten, Angst um den Freund, Hilflosigkeit in Bezug auf das mögliche Testergebnis und Unsicherheit über die eigenen Wünsche wechseln rasend schnell in Patricks emotionalem Chaos. Auch der Leser hat mitunter das Gefühl im Chaos zu versinken, denn Simon Froehling hält sich in seinem Buch nicht an die chronologische Abfolge der Ereignisse. Immer wieder lässt er Erinnerungen an vergangene Liebhaber, Familientraumata oder Kindheitserlebnisse des Ich-Erzählers Patrick einfließen. Die Bedeutung verleiht der Autor diesen Erinnerungen nicht durch den Raum, den er diesen im Roman lässt, sondern durch die kalte, nüchterne und aufwühlende Art der Wiedergabe dieser.

 

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Negativ ist nicht positiv
„Paralysiert stehe ich vor dem CD-Regal. Ich finde kein Lied für diesen Morgen – eine andere, eine noch nie gehörte, weil unerhörte Musik müsste her.“ Die Nervosität vor dem bevorstehenden und alles entscheidenden Testergebnis ist zum Greifen nahe. Das Resultat steht für Patrick im Voraus schon fest, die Liebesnächte mit Jirka können nicht folgenlos geblieben sein. Und dann die Enttäuschung. Patrick ist negativ. Angst macht sich in ihm breit, er könnte den Mann, den er liebt, an diese Krankheit verlieren. Also macht er sich auf, die Ereignisse jener Nacht, in der alles begann, und Jirkas Erlebnisse zu wiederholen. Die gleichen Empfindungen sollen ihn seinem Freund näher bringen, ihn mit dem Geliebten eins werden lassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Beifall für ein großes Debüt
Der Erstlingsroman des vor allem als Theaterautor bekannten Schweizers verwirrt und irritiert, weckt Empörung, verletzt, macht traurig und lässt doch hoffen. „Lange Nächte Tag“ ist ein Liebesroman, der die Gefühlswelt zweier Liebender in einer Collage aus Worten wiedergibt, deren Zusammensetzung dem Leser nicht immer verständlich ist. Doch gerade dieser Wechsel zwischen Verständnis und Unverständnis dieser zu einem Gesamtwerk zusammengeklebten berührenden, brutalen, anklagenden und zärtlichen Schnipseln fängt die Bedeutung von Liebe ein. Am Ende des Romans blickt der Leser von seinem Buch auf und möchte applaudieren.

 

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