Archiv

gerhard berger
Die Hoffnung, hierzubleiben, gibt Joshua nicht auf
Viermal pro Woche trainiert Joshua mit seinem Verein Union/Reichenau: „Plus Samstag, da ist Spieltag.“ Daneben betreut er die Grünanlage, kümmert sich um die Transparente an den Seitenwänden. Und seit kurzem ist Joshua auch als Nachwuchstrainer im Verein aktiv. Die übrige Zeit verbringt er zu Hause, in seinem kleinen Zimmer über einem Innsbrucker Fastfood-Restaurant und wartet. Im Stiegenhaus vor seiner Zimmertür hängt der hartnäckige Gestank von altem Bratfett in der Luft. Schnell zieht Joshua beim Eintreten die Tür hinter sich zu, um den Fettgeruch nicht mit ins Zimmer zu nehmen. An der Wand über seinem Bett hängt ein großes Jesusbild: „Ich bin sehr gläubig, das gibt mir Halt und Kraft.“ Direkt daneben Joshuas ganzer Stolz: Mit aufwändigen Stickereien geschmückte Baseballkappen in verschiedenen Farben. „Rot, blau, schwarz und, und, und ... Ich brauch für jedes Outfit die passende Kappe“, erklärt er.
gerhard berger

Sein kleines Refugium und die Minijobs im Verein verdankt Joshua seinem „Präsidenten“. Gemeint ist Herbert Lener, Obmann der SPG Union/Reichenau. Er kennt Joshua seit mehreren Jahren: „Ich habe eine Art Vaterrolle bei ihm eingenommen.“ Lener hat den jungen Mann sichtlich ins Herz geschlossen: „Er ist für alle im Verein ein großer Gewinn – sportlich wie menschlich.“ Dass sein Asylverfahren noch immer nicht abgeschlossen ist und Joshua jederzeit abgeschoben werden könnte, ist Lener klar. „Aber ich bin Berufsoptimist, das wird gut gehen.“ Und wenn nicht? Lener gibt sich kämpferisch: „Dann werden wir von Vereinsseite aus Himmel und Hölle in Bewegung setzen. Die nehmen uns Joshua nicht weg. Wir sind gut vernetzt.“

Es regnet immer noch am Sportplatz am Fennerareal. Doch Herbert Lener ist das miese Wetter herzlich egal, er strahlt übers ganze Gesicht. Kurz vor Spielende liegen seine Buben gegen Kitzbühel klar mit 4:2 voran. Das große Ziel Regionalliga, immerhin dritthöchste Spielklasse in Österreich, ist beinahe erreicht. Joshua Ndybisi wird im Falle des Aufstieges weiterhin im Fixkader bleiben. Was ihm abseits des Rasens seit Jahren verwehrt wird, ist am Fußballplatz kein Problem. Asylwerber können genauso einfach einen gültigen Spielerpass des ÖFB erhalten wie jeder andere. „Wie viele es österreichweit sind, können wir nicht sagen, aber es ist eine beträchtliche Zahl“, heißt es dazu aus dem ÖFB. Der Status „Asylwerber“ werde aber beim Ausstellen eines Spielerpasses nirgends gesondert vermerkt, erklärt der ÖFB weiter: „Weil wir beim Fußball niemanden diskriminieren wollen.“

 

gerhard berger
Das Spiel am Fennerareal ist vorbei: Heimsieg für Union/Reichenau. Der wolkenverhangene Himmel hat aufgehört zu weinen, doch nun zieht schon die Nacht übers Spielfeld am Hofgarten herein. Joshua packt seine Sporttasche und spaziert die regennassen Straßen entlang in Richtung Bahnhof, nach Hause. Eilig hat er es nicht, denn dort wartet ohnehin niemand auf ihn. So glücklich Joshua am Fußballplatz auch ist, er würde seinen Spielerpass sofort gegen den positiven Asylbescheid eintauschen: „Damit das Warten ein Ende hat und ich endlich richtig arbeiten gehen kann. Ich bin jung, ich will eine Familie gründen und leben.“

Joshuas Verein SPG Union/Reichenau hat im letzten Ligaspiel der Saison tatsächlich den Aufstieg in die Regionalliga West geschafft. Joshua stand beim 5:1 Kantersieg seines Teams im Tor und wird dort auch in der kommenden Herbstsaison den Kasten sauber halten.

Zurück zu ...
Heimsieg

Artikel von
Steffen Arora


Fotos von
Gerhard Berger

Erzähle von uns:


 

Kommentare (0)






Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen: