Welcome to Nazibook
Schon im April 2009 wurden Facebook-Fanseiten mit rechtsextremen
Inhalten gemeldet, Gruppen wie „Großdeutschland“ oder „Holocaust Party“
verbreiteten munter NS-Propaganda, was mit einer Drohung zur Anzeige
wegen Volksverhetzung sowie dem Stopp einer Werbeeinschaltung der
deutschen Telekom auf Facebook geahndet wurde. Die deutsche
Bundeszentrale für politische Bildung nahm Facebook 2009 deswegen
ebenfalls unter die Lupe. Facebook reagiere im Hinblick auf Inhalte,
typisch amerikanisch, mit einer gewissen Doppelmoral, meint Ritchie
Pettauer: „Nazi-Fangruppen gehen in Ordnung, aber eine abgebildete
Brustwarze geht gar nicht, da wird alles sofort entfernt.“ Mittlerweile
haben sich Protestgruppen auf Facebook etabliert, die solche Gruppen
melden und so auch oft mit Erfolg zu deren Sperrung beitragen. Die
Vielzahl der Unterstützer kommt dabei übrigens aus Amerika und
größtenteils aus der Türkei sowie aus arabischen Ländern.
Facebook will Google werden
Mittlerweile versuche Facebook, Google als Suchmaschine abzulösen,
meint Pettauer: „Auf Facebook hat man bisher Personen gesucht, aber man
munkelt schon lange, dass sie sich als Internetsuchmaschine etablieren
wollen.“ Interessensverlinkungen der Profilseite auf Facebook dienten
genau diesem Zweck: Für Facebook sei es eine gute Möglichkeit, ein
gewisses Ranking zu schaffen, da die Nutzer meistens ihre Interessen
angeben. Nur an der sprachlichen Herausforderung dürfte Facebook noch
scheitern: „Google führt parallele Images, während es auf Facebook noch
nicht einmal einen Sprachfilter gibt, obwohl man die Sprache einstellen
kann“, erklärt Pettauer. Deutsche (Initial-)Wörter wie zum Beispiel
WIFI, das Wirtschaftsförderungsinstitut, werden etwa aus diesem Grund
nicht erkannt, zuerst kommen Ergebnisse über Wireless-LAN, das auch mit
WiFi abgekürzt wird.
Fünfhundert Freunde? Cool!
Wer auf Facebook wenige Freunde hat, ist nicht „cool“, soviel ist klar.
Also versucht der Durchschnitts-Facebook-Nutzer sein Image
aufzupolieren, indem er eine wahre Schar an „Als-Ob-Freunden“ zu seinem
Profil hinzufügt, die meistens im echten Leben nicht einmal Bekannte
sind. An sich kein Problem, würden die meisten nicht vergessen, ihre
privaten Informationen und Bilder nur denen zugängig zu machen, die man
auch im realen Leben kennt und im besten Fall sogar mag. „Soziologen
weisen darauf hin, dass die Anzahl der Menschen, zu denen man aufgrund
der Zeit- und Recourcenbeschränkung wirklich dauerhafte soziale
Beziehungen aufrecht erhalten kann, maximal sieben beträgt“, erklärt
Pettauer. Wohl mag es ein gutes Gefühl sein, über fünfhundert Freunde
auf Facebook zu haben, in der Realität gilt aber ein anderes Ideal:
Wenige Freunde, die mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die virtuelle
Realität kann immerhin bei tatsächlichen Problemen eher selten helfen.
Virtuelle Bedürfnis-Befriedigung
Worin liegt aber nun der Anreiz, sein Leben öffentlich darzustellen und
die beeindruckende Freundesliste im halbstündigen Takt über seine
Aktivitäten, die aktuelle Stimmungslage und den komplizierten
Beziehungsstatus zu informieren? „Man könnte natürlich zuerst annehmen,
dass Facebook die von Andy Warhol postulierten ‚15 minutes of fame'
realisieren kann“, versucht Pettauer zu erklären, „da aber jeder auf
Facebook diese Möglichkeit hat, versinkt er in der Masse.“
Der Erfolg von Facebook ist ein Phänomen, das auch längst das Interesse
der Wissenschaft entflammt hat. Etwa beim Harvard-Soziologie-Professor
Nicholas Christakis, der in seiner Studie das Facebook-Verhalten von
1.700 Studierende untersuchte. In einem Interview mit dem „UniSpiegel“
meinte Christakis, dass Facebook die Einstellung zur Privatsphäre
verändert habe. Das Erfolgsrezept liege aber in dem Stillen eines
tiefen Bedürfnisses: Mit anderen Menschen verbunden zu sein. Und das
habe Suchtcharakter.