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gerhard berger
Fußball ist für Joshua sein Leben, neben dem tristen Warten auf Asyl

Vom Aufsteigen und Abschieben,

Integration am Fußballplatz

 

Nieselregen und Eiseskälte: Englische Verhältnisse am Fußballplatz am Fennerareal, mitten in Innsbruck. Eingepfercht zwischen Busparkplatz, Hofgarten und dazugehöriger Gärtnerei liegt die etwas triste Heimstätte des Amateur-Fußballklubs SPG Union/Reichenau 1B, ihres Zeichens aktueller Spitzenreiter in der Tiroler Liga. Die schlechte Infrastruktur tut der Fußballbegeisterung an diesem Samstagabend keinen Abbruch. Gut vierzig Fans trotzen dem Schlechtwetter und feuern ihre „Buam“ an. Die Buben, allesamt durchtrainierte Amateurfußballer, laufen heute gegen Kitzbühel auf. Union geht als Tabellenführer mit satten vier Punkten Vorsprung ins Duell. Der Titel und der damit verbundene Aufstieg in die Regionalliga scheint sechs Runden vor Ligaschluss zum Greifen nah.

gerhard berger

Einer ist heute nur am Spielfeldrand mit dabei: Joshua Ndybisi. Der 20-jährige Nigerianer fungiert als einer von zwei Torhütern bei Union. Wer von den beiden Goalies zum Einsatz kommt, entscheidet Trainer Josef Pranter je nach Trainingsleistung. Eine Verletzung zwingt Joshua diesmal zum Zuschauen: „Gegen Imst hat mir ein Gegenspieler mit dem Schuh ins Gesicht getreten.“ Die Folge, ein riesiges Cut über dem rechten Auge, ist noch deutlich zu sehen. Trainer Pranter lässt diese Ausrede aber nicht gelten und merkt gestreng an: „Neben der Verletzung hat Josh zuletzt gegen Matrei nicht überzeugt.“

Trainer Josef Pranter ist Fußballer aus Leidenschaft. Seit siebzehn Jahren coacht er Klubs, davor stand er selbst als Amateur am Platz. Joshua und sein Trainer lernten sich vor vier Jahren im Bundesnachwuchs-zentrum Tirol (BNZ) kennen, wo Pranter die hoffnungsvollsten Fußballtalente des Landes betreute. Eines dieser Talente war Joshua, der zwei Jahre lang im BNZ spielte. „Josh war zweiter Torhüter. Er ist wirklich sehr gut, aber leider fehlen ihm fünfzehn Zentimeter Körpergröße für eine Profikarriere“, attestiert Pranter seinem Schützling. Bei Union reicht es aber für einen Stammplatz in der Mannschaft: „Auch in der Regionalliga würde er noch gut mithalten können.“ Neben fehlender Körpergröße sei seine Emotionalität Joshuas großes Manko, so Pranter: „Er ist ein sehr sensibler Bursche und private Probleme drücken bei ihm auf die Leistung.“ Dass Joshua die Ungewissheit seines laufenden Asylverfahrens plagt, weiß und versteht der Trainer, der im Zivilberuf als Polizeibeamter arbeitet: „Diese lange Warterei ist sehr belastend. Das hat mit einem Rechtsstaat nimmer viel zu tun, das sollte viel schneller gehen. Denn es werden Leute abgeschoben, die seit Jahren warten und längst integriert sind. Nur um sie irgendwo hinzubringen, wo sie sich selbst nicht mehr auskennen.“ Sein Torhüter Joshua habe sich bestens integriert, sagt Trainer Pranter: „Und der Verein hilft ihm, wo immer es geht. Wir würden ihm sofort auch Asyl geben, wenn das in unserer Macht stünde. Aber das ist halt nicht unsere Entscheidung ...“

 

gerhard berger

Trotz der verordneten Zwangspause läuft Joshua an diesem Samstag im Torwartdress auf und hilft seinem Goalie-Kollegen Kristijan Basic beim Aufwärmen. Man merkt ihm beim Aufwärmen nicht an, dass er heute nicht spielen wird. Der Rasen ist vom wochenlangen Dauerregen aufgeweicht, der Strafraum gleicht einem Schlammloch. Joshua hechtet dennoch bei jedem Schuss unerschrocken in den Morast. Fast so, als ginge es um den WM-Titel. Nur allzu gerne würde er heute selber den Kasten sauber halten. Joshua ist ehrgeizig und hasst nichts mehr als Niederlagen.

Joshua wuchs in Lagos auf, dem Zehn-Millionen-Einwohner-Moloch in Nigeria. Schon dort sei Fußball seine große Leidenschaft gewesen: „Wir haben immer nachmittags auf der Straße gespielt. Aufgeteilt in Sets, das sind Fünferteams mit einem Tormann.“ Die Gewinner blieben immer am Platz. Er sei schon beim Straßenkick in Lagos als bester Torhüter im Viertel bekannt gewesen, sagt Joshua. Nachdem Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften zunahmen, floh Joshua im Alter von vierzehn Jahren auf Drängen seiner Eltern – sein mittlerweile verstorbener Vater war als christlicher Priester zur Zielscheibe geworden – aus dem krisengebeutelten Nigeria. Als blinder Passagier in einem Schiffscontainer versteckt, trat Joshua im Kindesalter und ohne Begleitung die lebensgefährliche Reise übers Mittelmeer an, ins vermeintlich gesegnete Europa. Er schaffte es bis nach Österreich. Seit sechs Jahren ist er nun hier. Und ebenso lange wartet er auf die Entscheidung in seinem Asylverfahren. „Dieses Warten bringt mich noch um den Verstand“, sagt er, „das sind meine besten Jahre und ich bin zum Nichtstun verurteilt.“ Asylwerber in einem laufenden Asylverfahren dürfen in Österreich nicht arbeiten. Und so bleibt Joshua nur seine Leidenschaft zum Fußball als Ablenkung und einzige Möglichkeit, am Leben in der neuen Heimat teilzunehmen. Manchmal verkauft er auch den 20er, die Tiroler Straßenzeitung. „Aber das ist kein richtiger Job, es ist mehr wie betteln“, erklärt Joshua, der die Straßenzeitung als Notfalllösung zwar schätzt, aber lieber einer geregelten Arbeit nachgehen würde.

Richtig frustriert wird Joshua, wenn er vom Schicksal zweier ehemaliger Mitspieler beim Straßenkick in Lagos erzählt. Auch sie hat es nach Europa verschlagen. Auch sie spielen hier Fußball: „Aber die hatten mehr Glück, weil sie in Länder gingen, in denen man vom Fußballspielen leben kann.“ Einer von Joshuas einstigen Mitspielern ist heute in Italien als Stürmer in der zweiten Liga. Der andere spielt als Ersatztorhüter in einer britischen Profimannschaft, die unlängst im Cup gegen Manchester City auflief. Über die Onlineplattform Facebook halten die jungen Männer Kontakt. Zu gerne würde auch Joshua so leben wie sie. In großen Stadien, bei mehr oder weniger großen Klubs trainieren und spielen. Doch als Afrikaner sei es schwer, in diese Gefilde vorzudringen. Die WM in Südafrika werde daran nichts ändern, sagt Joshua: „Die Verbände und Funktionäre in Afrika sind korrupt. Weiter kommt nur der, der Schmiergeld zahlt.“ Wenn die FIFA nun großzügig Geld an nationale Verbände verteile, meint Joshua, könne sie es ebenso gut verbrennen: „Davon wird nichts den jungen Spielern zugute kommen. Das landet in den Taschen der Bosse.“ Auch die Scouts großer europäischer Klubs, die Afrikas Bolzplätze auf der Suche nach Nachwuchstalenten abgrasen, seien keine Option: „Diese Scouts brauchen immer einheimische Guides, die ihnen die Plätze zeigen, wo die Jugend spielt. Diese Guides kommen aber nur dann zu deinen Plätzen, wenn du ihnen vorher Schmiergeld zahlst.“

 

gerhard berger
In Österreich sieht Joshua kaum Möglichkeiten, vom Fußballspielen leben zu können. Auch wenn er sich sicher ist, das nötige Talent zu haben. Stolz verweist er auf den von der Kronen Zeitung gestifteten „Goldenen Handschuh“ als bester Torhüter seiner Liga im Jahr 2006, als Joshua noch in Hall in Tirol auflief. Damals wohnte er als minderjähriger, unbegleiteter Asylwerber im BIWAK in Hall, einer Einrichtung des SOS-Kinderdorfes. Mit Erreichen der Volljährigkeit musste Joshua dort ausziehen. Er siedelte um, ein paar Kilometer weiter nach Innsbruck und machte sich auf die Suche nach einem neuen Verein. Der damalige Regionalligist Hohenems war an Joshua interessiert. Auf sich allein gestellt wusste der aber nicht, wie er einen Umzug nach Vorarlberg managen sollte. Er entschied sich schließlich für die SPG Union/Reichenau in Innsbruck. „In erster Linie deshalb, weil dort sehr viele Spieler mit Migrationshintergrund sind. Das war mir sehr wichtig, um nicht wieder der Außenseiter zu sein.“ Denn gerade auf den Spielfeldern der unteren Ligen ist der Umgangston sehr rau. Rassistische Tiraden gehören für Joshua zum Spieleralltag. „Damit muss man als Fußballer leben“, zuckt der junge Mann mit Schultern und setzt ein resignierendes Lächeln auf. Am Spielfeld hat er die Kraft und das Selbstvertrauen, darüber hinwegzusehen.
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„Die nehmen uns Joshua nicht weg!“

Artikel von

Steffen Arora

 

 

 

Fotos von
Gerhard Berger

 

 

 

 

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